Online-Unterricht:"Aktuell steht Datenschutz über der Bildung"

Lesezeit: 3 min

06.01.2021, Berlin - Deutschland. Einige Schulen sind für das digitale Lernen gut aufgestellt. *** 06 01 2021, Berlin Ge

Mal wieder Lust auf ein neues Computerprogramm? Die Schulen in Deutschland haben in der Pandemie schon so einiges ausprobiert - mit diversen Pannen.

(Foto: Sabine Gudath/imago images)

Datenschützer warnen vor dem Einsatz des Videokonferenzprogramms Microsoft Teams in Schulen. Es droht ein Verbot. Berufsschüler Pascal Braun aus Karlsruhe wehrt sich dagegen mit einer Petition.

Interview von Maximilian Flaig

Microsoft soll aus dem Online-Unterricht verschwinden, das empfehlen die Datenschutzbeauftragten einiger Bundesländer. Inakzeptabel hoch seien die Risiken, warnt zum Beispiel Stefan Brink aus Baden-Württemberg. Auch in Bayern soll das Videokonferenzprogramm Teams durch ein Programm ersetzt werden, das mit dem Datenschutz vereinbar ist. Doch viele Schüler und Schülerinnen wollen sich nicht von Teams trennen und starten deshalb Petitionen, um die Software behalten zu dürfen. Zum Beispiel Pascal Braun, Berufsschüler aus Karlsruhe. Wenn er 10 000 Unterschriften gesammelt hat, will der 23-Jährige mit Datenschützer Brink über sein Anliegen sprechen. Noch fehlen ihm etwa 2000 Autogramme.

SZ: Herr Braun, in Ihrer Petition heißt es, ein Verbot von Microsoft-Produkten würde den Schulalltag in die Steinzeit zurückwerfen. Gibt es tatsächlich nichts dazwischen?

Pascal Braun: Natürlich gibt es etwas dazwischen. Ich will mit der Formulierung aber auf etwas anderes aufmerksam machen: Viele Lehrkräfte, Schüler und Eltern verwenden seit Beginn der Pandemie Microsoft Teams. Sie haben sich intensiv mit dem Programm auseinandergesetzt und gelernt, es zu bedienen. Das war oft sehr mühsam. Ein Verbot würde nun bedeuten, dass diese Mühe umsonst war.

Was wäre so schlimm an einem anderen Programm?

Schulen, die sich auf Teams eingestellt haben, müssten im kommenden Schuljahr mit einem neuen, ihnen unbekannten Tool arbeiten. Und wie wir aus der Vergangenheit wissen, braucht es Zeit, bis alle das Programm beherrschen. Außerdem müssten sämtliche Accounts neu erstellt und administriert werden. In dieser Zeit sinkt die Bildungsqualität. Mir ist Datenschutz nicht unwichtig, aber aktuell steht Datenschutz über der Bildung. Beides muss in Einklang gebracht werden. Dafür braucht es pragmatische Lösungen.

Wie könnten diese aussehen?

Meine Schule setzt zum Beispiel Pseudonyme ein. Das heißt, im Microsoft-Account werden weder Klarname noch die private E-Mail-Adresse der Schüler hinterlegt. Stattdessen teilt die Schule jedem Schüler eine eigene E-Mail-Adresse zu. Sie besteht aus Kürzeln und einer Zahlenkombination. Das umzusetzen, ist wirklich kein großer Aufwand für die Schule.

Online-Unterricht: Pascal Braun, 23, besucht eine Berufsschule in Karlsruhe. Neulich konnte er sich nicht in eine Online-Prüfung einloggen, weil das Programm streikte.

Pascal Braun, 23, besucht eine Berufsschule in Karlsruhe. Neulich konnte er sich nicht in eine Online-Prüfung einloggen, weil das Programm streikte.

(Foto: privat)

Aber erfüllt die Schule damit die Datenschutzanforderungen?

Darüber lässt sich sicherlich streiten. Ich bin aber überzeugt, dass diese Art der Pseudonymisierung datenschutzkonform ist. Denn im Account finden sich keinerlei personenbezogene Daten. Allerdings geht es dem Landesdatenschutzbeauftragten um etwas anderes. Für ihn liegt das Problem bei den Metadaten. Wenn beispielsweise festgehalten wird, zu welcher Uhrzeit ein Lehrer einem Schüler eine Nachricht schreibt. Microsoft erfährt jedoch nur das Ereignis und nicht, was in der Nachricht steht oder welche Personen beteiligt sind. Damit dürften die wenigstens Schüler ein Problem haben. Schauen Sie doch, wie viele in der Pause Facebook, Instagram oder Whatsapp öffnen. Diese Apps sammeln tatsächlich personenbezogene Daten. Für mich ist es einfach unverständlich, dass große deutsche Firmen Microsoft einsetzen dürfen, während man der Schule das verbieten will.

Es gibt ja Alternativen zu Teams. Oder sind die einfach zu schlecht?

Als die Pandemie losging, hat meine Schule Programme wie Moodle und Big Blue Button verwendet. Das hat zu Problemen geführt: Schüler konnten sich nicht anmelden, andere flogen aus dem Unterricht oder hatten plötzlich keine Stimme mehr. Im Mai 2020 hat die Schulleitung dann auf Teams umgestellt. Das funktioniert bisher weitestgehend reibungslos. Ich gebe Ihnen aber noch ein anderes Beispiel.

Gerne.

Für eine Weiterbildung muss ich ab und zu an eine andere Schule, die noch Moodle und Big Blue Button verwendet. Vor zwei Wochen hatten wir Online-Prüfung. Die sollte eigentlich um 18 Uhr starten und war für eine Stunde angesetzt. Schon bei der Anmeldung gab es Probleme. Wir mussten eine halbe Stunde später anfangen. Allerdings lief das Zeitfenster schon, und pünktlich um 19 Uhr hat das Programm die Prüfung automatisch geschlossen. Uns fehlte also die Hälfte der Zeit. Zum Glück haben trotzdem alle bestanden.

Wird sich die Diskussion um Microsoft-Produkte nicht mit dem hoffentlich nicht allzu fernen Ende der Pandemie erübrigen?

Meine Schule hat sämtliche Daten vom Schuljahr und Unterrichtsmaterial innerhalb der Microsoft-Programme gespeichert. Und viele Lehrkräfte von anderen Schulen haben mir berichtet, dass sie weiterhin auf Teams setzen wollen, um sich untereinander auszutauschen. Damit das klar ist: Mir geht es nicht um das Unternehmen Microsoft, sondern darum, dass der Unterricht im nächsten Schuljahr reibungslos weitergehen kann. Mit welchen Programmen das gelingt, ist egal.

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