Frankreich:Die Komplizin des Psychopathen

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Monique Olivier, die Ex-Frau des Serienmörders Michel Fourniret, ist in Frankreich für ihre Beteiligung am Tod von zwei Frauen und einem Mädchen zu lebenslanger Haft verurteilt worden. (Foto: Miguel Medina/dpa)

Als der französische Serienmörder Michel Fourniret vor 15 Jahren verurteilt wurde, waren sich die Ermittler sicher: Es hat noch mehr Opfer gegeben. Jetzt gesteht seine Ex-Frau, ihm bei drei weiteren Morden geholfen zu haben. Für die Hinterbliebenen bedeutet das endlich Gewissheit.

Von Moritz Geier

Noch heute spürt Pauline Murrell einen kalten Schauer, wenn sie an diesen Moment vor 15 Jahren denkt, so hat sie das der BBC erzählt. Den Moment, als sie Michel Fourniret und seiner damaligen Frau Monique Olivier zum ersten Mal in die Gesichter blickte, vor Gericht im Jahr 2008. Fourniret wurde damals zu lebenslanger Haft verurteilt, weil er zwischen 1987 und 2001 sieben junge Frauen und Mädchen vergewaltigt und ermordet hatte. "Monster der Ardennen" nannten ihn die Medien. Seine Frau erhielt ebenfalls eine lebenslange Haftstrafe, sie hatte ihm bei seinen Taten geholfen, hatte die Opfer teilweise angelockt, ihr Vertrauen erschlichen.

Pauline Murrell und ihr Mann Roger Parrish saßen 2008 im Gerichtssaal, weil auch ihre Tochter umgebracht worden war. Weil Fourniret im Verdacht stand, auch ihr Mörder zu sein. Nur die Indizien hatten der Staatsanwaltschaft damals noch nicht ausgereicht, der Fall war nicht Teil der Anklage.

Heute, 15 Jahre später und 33 Jahre nach dem Tod ihrer Tochter Joanna, haben Pauline Murrell und Roger Parrish endlich Gewissheit. Monique Olivier ist am Dienstag in Nanterre bei Paris erneut zu lebenslanger Haft verurteilt worden - wegen Beihilfe zu drei weiteren Morden, den Morden an Joanna Parrish 1990, Marie-Angèle Domece 1988 und Estelle Mouzin 2003. Nur der Serienmörder selbst ist der Verurteilung entkommen. Fourniret starb 2021 im Alter von 79 Jahren im Gefängnis.

Monique Olivier hat sich vor Gericht für ihre Taten entschuldigt. (Foto: Benoit Peyrucq/AFP)

Joanna Parrish war 20 Jahre alt, als sie im Mai 1990 im französischen Auxerre eine Anzeige in der Lokalzeitung platzierte: "Junge englische Studentin gibt Englischunterricht". Die aus einem kleinen Dorf im Westen Englands stammende Frau hatte an einer Schule in Auxerre als Hilfskraft gearbeitet, ein Teil ihres Studiums an der University of Leeds. Ihr Aufenthalt neigte sich schon dem Ende zu, sie brauchte ein bisschen Geld, aber wollte ihre Eltern nicht anpumpen. Also die Annonce.

Die BBC berichtete vor wenigen Tagen von einem emotionalen Moment vor Gericht. Still sei es geworden, als der Vater Roger Parrish erzählt habe, dass nach dem Tod seiner Tochter eine ihrer Freundinnen zu Besuch gekommen sei. Sie war bei Joanna gewesen, als das Telefon klingelte. Als jemand anrief, der die Annonce gelesen hatte. Joanna Parish verabredete sich mit dem Anrufer um 19 Uhr im Zentrum von Auxerre. Am nächsten Morgen wurde ihre Leiche aus dem Fluss Yonne gezogen, nicht weit von der Stadt entfernt.

Der Fall sollte lange ungeklärt bleiben, auch weil die Ermittler schlampten, so sehen Joannas Eltern das. Unter anderem seien DNA-Funde einfach verloren gegangen. Erst als Michel Fourniret 2004 Schlagzeilen machte, nahmen die Ermittlungen wieder Fahrt auf. Fourniret hatte den belgischen Behörden gestanden, mehrere Frauen und Mädchen entführt, missbraucht und getötet zu haben. 1990 hatte er ganz in der Nähe von Auxerre gelebt. 2005 erzählte seine Frau dann bei einer Polizeivernehmung von Joannas Entführung, widerrief ihr Geständnis allerdings hernach. Fourniret leugnete die Tat jahrelang, bis er sie 2018 im Gefängnis zum ersten Mal gestand. Angeblich sollen die Ermittler den Franzosen zum Reden gebracht haben, indem sie ihn erst in ein Gespräch über den russischen Schriftsteller Fjodor Dostojewski verwickelten, für den Fourniret offenbar eine Leidenschaft hegte.

"Fourniret war nicht einfach nur ein gewalttätiger Schläger, sondern ein narzisstischer Psychopath"

Ermittler gehen davon aus, dass Fourniret wesentlich mehr Morde begangen hat als jene, für die er offiziell verurteilt worden ist. Joannas Eltern, die ihn 2008 vor Gericht erlebten, ist seine herablassende Art in Erinnerung geblieben. Als stünde er über den Dingen. "Fourniret war nicht einfach nur ein gewalttätiger Schläger, sondern ein narzisstischer Psychopath, der zu glauben schien, auf einem ganz anderen Intelligenzniveau zu sein als seine Mitmenschen", sagte Roger Parrish der BBC.

Fourniret und seine Frau ließen sich 2010 im Gefängnis scheiden. Vor Gericht gestand Monique Olivier nun alle ihr zur Last gelegten Taten. Über Joanna Parrish sagte sie: "Es ist schrecklich. Sie war wunderschön. Ich bedaure es. Sie hat das nicht verdient. Es tut mir leid." Sie verstehe, dass das, was sie und ihr Mann taten, "eine Ungeheuerlichkeit" gewesen sei. "Es ist unverzeihbar."

Während des Prozesses war sie allerdings bei ihrer Aussage geblieben, sie habe nicht aus freiem Willen gehandelt. Sie habe Angst vor Fourniret gehabt, sei "nie mehr gewesen als ein Hund", der "zu gehorchen" hatte. Zudem berief sie sich immer wieder auf Gedächtnislücken, auch wenn es um Einzelheiten der Tatabläufe ging. Auch die Frage, weshalb sie vor den bevorstehenden Morden an den verschleppten jungen Frauen nicht eingeschritten sei, beantwortete sie nicht.

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