Miami Kannibalen-Opfer optimistisch und "charmant"

Die grausame Attacke eines Mannes, der in Miami einem Obdachlosen Teile des Gesichts abbiss, machte weltweit Schlagzeilen. Nun sprechen die Ärzte erstmals über den Zustand des Opfers - und berichten trotz der schwerwiegenden Entstellung von erstaunlichem Optimismus.

Sie hätten seine Erlaubnis dazu, sagten die Ärzte des Ryder Trauma Centers von Miami, als sie am Dienstag vor die wartenden Journalisten traten, um über ihren bekanntesten Patienten zu sprechen: Ronald Poppo. Jenen Obdachlosen, der am 26. Mai einen Großteil seines Gesichts in der grausamen Beiß-Attacke eines verwirrten Mannes verlor. Zum ersten Mal seit dem Vorfall, der dem Skript eines Horrorfilms entnommen schien, werden Details über den Zustand des Opfers publik. Trotz der schwerwiegenden Verletzungen zeichnen sie ein rührendes Bild - und könnten gar die US-amerikanische Debatte um Krankenversicherungen neu befeuern.

Auf den Fotos, die die Ärzte bei der Pressekonferenz zeigen, ist ein Mann zu sehen, dessen Gesicht oberhalb des Mundes grausam entstellt ist. Die Chirurgen werden etliche Operationen benötigen, um aus den Wunden ein annähernd menschliches Antlitz zu modellieren. Außerdem habe der 65-Jährige zwei Wunden an der Seite seines Brustkorbs. Nach Einschätzung eines Polizeigewerkschafters könnten sie von Kugeln aus der Pistole des Polizisten Jose Ramirez stammen. Dieser erschoss Poppos Angreifer während der Attacke. Ramirez habe "rasch handeln müssen, und Kugeln haben ihren eigenen Kopf", sagte Armando Aguilar vom Berufsverband Fraternal Order of Police dem Miami Herald zufolge.

Abseits der detaillierten Schilderungen über Poppos physische Schäden berichteten die Ärzte auch von der mentalen Verfassung des Schwerverletzten. Er habe begriffen, was mit ihm passiert sei und dass um seinen Fall ein enormer Medienrummel entstanden sei, sagten sie und zeigten sich beeindruckt von der optimistischen Einstellung des Mannes. "Er hat kein negatives Wort verloren", sagte der Unfallchirurg Nicholas Namias. "Irgendwie lebt er einfach im Moment."

Die Pflegekräfte habe er um Orangensaft und italienisches Essen gebeten, und darum, das Sportprogramm im Fernsehen einzustellen. "Ich habe das noch über keinen Patienten gesagt", so Namias, "aber er ist wirklich charmant." Den Schilderungen zufolge habe er ein wenig über seine Vergangenheit gesprochen, auch über seine Zeit an der renommierten Stuyvesant High School von New York. Kein Wort über die Zukunft.

Ein halbes Leben auf der Straße

Poppo hatte bis zu dem Angriff mehr als 30 Jahre, sein halbes Leben, auf der Straße verbracht. Zuletzt schlief er häufig auf dem Parkplatz von Jungle Island, einem Vergnügungspark auf der künstlichen Insel Watson Island. Sozialarbeiter hatten ihm immer wieder Hilfe angeboten, die er stets ablehnte. Sein Bruder, zu dem er seit langer Zeit keinen Kontakt mehr hatte, reagierte erleichtert auf die Berichte der Ärzte. "Ich bin sehr froh. Es macht mir Mut, zu wissen, dass er bei Sinnen ist, dass es für ihn okay ist, was sie mit ihm machen", sagte Joseph Poppo dem US-Sender CBS.

Ein bisschen hat Ronald Poppo es vielleicht auch den außergewöhnlichen Umständen des Angriffs und der damit einhergehenden Aufmerksamkeit zu verdanken, dass er so optimistisch sein kann. Als Obdachloser ist er nicht krankenversichert. Auch wenn er nach Aussagen von Ärzten möglicherweise Zugang zur Bedürftigenversicherung Medicare erhalten könnte: Noch ist völlig unklar, wer die Kosten übernimmt, die nach Einschätzung von Experten in die Hunderttausenden gehen. Das Krankenhaus hat einen Hilfsfonds eingerichtet, 15.000 Dollar sind dort schon eingegangen. "Andere mittellose Unfallopfer haben noch weniger Glück", notiert der US-Korrespondent des britischen Guardian in seinem Blog.

Während die Konservativen in den USA über die enormen Staatsausgaben in Folge von Obamas Gesundheitsreform klagen, ist Poppos Fall für andere ein willkommener Anlass, ihre Forderungen nach mehr Gerechtigkeit im Gesundheitswesen zu erneuern. "Wir fragen Kinder nicht: Warum haben eure Eltern nicht geschickter investiert? Wir fragen Veteranen nicht: Warum habt ihr eure Gesundheit versaut?", sagte der Medizinethiker Kenneth Goodman dem Guardian. "Wir haben eine moralische Verpflichtung, uns um die Menschen zu kümmern, unabhängig davon, ob sie dafür bezahlen können."

Die moralische Verpflichtung: Zumindest in Poppos Fall dürfte sie durch das öffentliche Interesse gewährleistet sein.