Mexikanisches Nationalgetränk Was der kleine Ort Hetlingen mit 25 000 Litern Tequila zu tun hat

Westlich von Hamburg wird an diesem Donnerstag eine riesige Menge Schnaps vernichtet - eine hochoffizielle Angelegenheit, zu der sogar die mexikanische Botschafterin anreist.

Von Oliver Klasen

Es kommt eher selten vor, dass im Klärwerk des Abfallzweckverbandes Südholstein internationale Gäste empfangen werden. Das Klärwerk, ansässig in 25491 Hetlingen, ist zuständig für "Schmutzwasser im Einzugsgebiet der Flüsse Krückau, Pinnau und Wedeler Au". Damit die internationalen Gäste eine Vorstellung haben, wo sie hin müssen, sollte man dazuschreiben, dass all diese Ortsmarken westlich von Hamburg liegen.

An diesem Donnerstag um Punkt 10:45 Uhr ist der große Moment gekommen. Eine Delegation mexikanischer Würdenträger dand findet sich in Hetlingen ein. Es reisen an: Frau Patricia Espinosa Cantellano, die mexikanische Botschafterin in Deutschland, Herr Miguel Angel Dominguez Morales, der Präsident des Tequila-Regulierungsrates in Mexiko, außerdem Herr Alfredo Rendón Algara, der beigeordnete Generaldirektor des mexikanischen Instituts für gewerbliches Eigentum.

Gigantische Schnaps-Vernichtung

Der Grund ihres Besuchs ist eine riesige Menge Alkohol, fast 25 000 Liter Tequila. Die werden vor den Augen der Mexikaner weggekippt, in den sogenannten Faulbehälter des Klärwerks. Was dort reingeschüttet wird, ist nicht mehr trinkbar, sondern wird zu Biogas und später zu Strom.

Warum diese gigantische Schnaps-Vernichtung? Und warum findet sie ausgerechnet im 1300-Einwohner-Ort Hetlingen statt?

"Wir leisten Amtshilfe für den Zoll", sagt Miriam Fehsenfeld, die Pressesprecherin des Verbandes, dem die Kläranlage gehört. Fahnder im Hamburger Hafen hatten den Tequila im Oktober beschlagnahmt. Die Beamten entnahmen Proben und schickten sie nach Mexiko und an das Wissenschaftszentrum des Zolls in Berlin. Ergebnis der Prüfung: Der Tequila ist gefälscht.

Da versteht die mexikanische Regierung keinen Spaß. Das Nationalgetränk darf ausschließlich aus Blauen Agaven (Agave tequilana) gewonnen werden. Eine eigene Behörde, ebenjener genannte Tequila-Regulierungsrat, wacht genau darüber, dass die Spirituose ausschließlich im Bundesstaat Jalisco oder in festgelegten Orten der Staaten Guanajuato, Michoacán, Nayarit und Tamaulipas hergestellt wird. Alles, was diese Kriterien nicht erfüllen kann, ist kein Tequila und darf sich auch nicht so nennen.

Strom aus Schnaps

Deshalb muss die Ware, die im Hamburger Hafen sichergestellt wurde, unter Aufsicht des Zolls vernichtet werden. Das ist jetzt in Hetlingen passiert. Das dortige Klärwerk bietet die Entsorgung von Reststoffen für Privatleute, Unternehmen und Behörden als Dienstleistung an. Co-Vergärung nennen die Fachleute es, wenn Stoffe in die Biogasanlage gegeben werden, die nicht über den Abwasserkanal kommen, sondern extra angeliefert werden. Für die Klärwerke ist das ein Vorteil, denn sie können so nicht ausgelastete Anlagen wirtschaftlicher betreiben.

"Alkohol eignet sich gut für die Co-Vergärung, weil er sehr energiereich ist", sagt Fehsenfeld. Aus den 25 000 Litern Tequila werden später ungefähr 20 000 Kilowattstunden Strom, das würde reichen, um ein halbes Dutzend Durchschnittshaushalte ein Jahr lang zu versorgen. Allerdings fließt der Strom aus der Schnaps-Vernichtung nicht ins allgemeine Netz, sondern in den Betrieb des Klärwerks.

"Die reine Menge ist für uns nicht so außergewöhnlich. Aber das Produkt an sich ist natürlich etwas, das bei uns nicht alle Tage angeliefert wird. Und eine Delegation aus Mexiko war bislang auch noch nie bei uns zu Besuch", sagt Klärwerk-Sprecherin Fehsenfeld.

Möglicherweise wollen die Mexikaner mit eigenen Augen sehen, ob der minderwertige Schnaps wirklich vernichtet wird. Möglicherweise wollen sie aber auch für ihr Nationalgetränk werben. Welcher Grund den Ausschlag für den Besuch in Hetlingen gab, ließ sich bisher nicht klären. Eine Anfrage bei der Botschaft in Berlin blieb bis zum Morgen unbeantwortet.

Es ist nicht bekannt, was die Diplomaten als Gastgeschenk für die Klärwerks-Angestellten mitgebracht haben: Echter Tequila wäre naheliegend gewesen.