Süddeutsche Zeitung

Prozess gegen Christoph Metzelder:Eine Wunde, die "niemals verheilen wird"

Der frühere Fußballnationalspieler wird zu einer Haftstrafe von zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. Er hatte eingeräumt, kinderpornografische Dateien weitergeleitet zu haben. Die Opfer bittet er um Vergebung.

Von Jana Stegemann, Düsseldorf

Der frühere Fußball-Nationalspieler Christoph Metzelder ist vom Amtsgericht Düsseldorf zu einer Haftstrafe von zehn Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Richterin Astrid Stammerjohann sah es als erwiesen an, dass der 40-Jährige drei Frauen via Whatsapp insgesamt 26 Fotos und Videos geschickt hatte, die schwere sexuelle Gewalt gegen Kinder - darunter Vergewaltigungen von Mädchen unter zehn Jahren - zeigen. Zudem wurde Metzelder wegen Besitzes von Missbrauchsdateien verurteilt.

Damit ist Metzelder, der eine elfjährige Tochter hat, vorbestraft. Er muss nun zwei Jahre straffrei bleiben und dem Gericht Wohnortwechsel melden. Strafmildernd bewertete die Richterin, dass Metzelder sich aus Eigeninitiative in Therapie begeben hatte. "Sie haben echte Reue empfunden", sagte Stammerjohann in ihrer Urteilsbegründung. Sie wies auch auf die öffentliche Vorverurteilung hin, seine berufliche Existenz sei nach Bekanntwerden der Vorwürfe weggebrochen. "Das besondere öffentliche Interesse ist in diesem Fall die Kehrseite Ihrer Berühmtheit." Auch deswegen habe sie von einer Geldauflage abgesehen.

Metzelders Teilgeständnis

Zuvor hatte Metzelder am Donnerstag vor dem Amtsgericht Düsseldorf ein Teilgeständnis abgelegt und die Weiterleitung von 18 kinder- und jugendpornografischen Dateien eingeräumt. Den Besitz von nahezu 300 Dateien, den ihm die Anklage vorwarf, gestand er hingegen nicht. "Ich akzeptiere die Strafe und bitte die Opfer sexualisierter Gewalt um Vergebung. Ich weiß, dass ich eine Wunde hinterlassen habe, die niemals verheilen wird. Damit werde ich den Rest meiner Zeit in dieser Gesellschaft leben müssen", hatte Metzelder um kurz vor 13 Uhr gesagt.

Und weiter: "Ja, ich habe in Chats Extremfantasien ausgetauscht." Das habe aber ausschließlich in einer "digitalen Parallelwelt" stattgefunden. "Die Chats beruhten nicht auf einer tieferen Neigung, egal wie entgleisend die Formulierung auch gewesen sein mag." Das Amtsgericht hatte für den Fall eines Geständnisses eine Bewährungsstrafe in Aussicht gestellt.

17 Minuten lang hatte am Morgen die Verlesung der Anklage gedauert. Detailliert beschrieb die Staatsanwältin die Fotos, die schwere sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Jungen abbilden.

Der 40-Jährige - graues Sakko, weißes Shirt, schwarze Hose und Maske - hatte das Foyer des Justizgebäudes zehn Minuten vor Prozessbeginn betreten, flankiert von mehreren Justizwachtmeistern. Schon von Weitem war er wegen seiner Körpergröße zu sehen. Um in den Saal zu kommen, musste Metzelder an den wartenden Kamerateams und Reportern vorbei, er ging schnellen Schrittes.

Rückgabe aller Auszeichnungen

Der frühere Profifußballer, mit der deutschen Nationalmannschaft Zweiter bei der Weltmeisterschaft 2002, machte sich Notizen während der Anklageverlesung. Danach schaltete Metzelder sein Saalmikrofon an, seine Stimme war ruhig und klar: "In den vergangenen eineinhalb Jahren habe ich mich nicht öffentlich geäußert, das tue ich hier." Es folgte eine Kurzbiografie seines Lebens, ein Abriss seiner sportlichen Karriere.

Metzelder erzählte auch, wie er 2006 seine Stiftung gegründet, wo und wie er sich sozial engagiert hat. "Auf diese jahrelange ehrenamtliche Arbeit bin ich stolz", sagte er, zählte seine Auszeichnungen exemplarisch auf: Landesverdienstkreuz NRW, Bundesverdienstkreuz und einiges mehr. "Auch wenn Ehrungen vergangenes Engagement würdigen, so erheben sie gleichzeitig einen Anspruch an den Träger." Metzelder machte eine Pause. "Aus Respekt vor vergangenen und zukünftigen Preisträgern gebe ich alle öffentlichen Auszeichnungen zurück."

Seinen Kurzvortrag beendete er mit den Worten: "Der 3. September 2019 war eine Zäsur, beruflich, gesellschaftlich, privat." Seitdem lebe er sehr zurückgezogen, so Metzelder. An dem Tag waren die Vorwürfe gegen ihn öffentlich geworden.

Ermittlungen gegen die Zeugin

Eine Hamburger Bekannte, die als eine von drei Frauen Fotos von Metzelder bekommen haben soll, hatte die Ermittlungen ins Rollen gebracht. Sie sagte im Düsseldorfer Prozess nicht als Zeugin aus und berief sich auf ihr Auskunftsverweigerungsrecht, denn gegen sie wird ebenfalls ermittelt. Weil die Staatsanwaltschaft einen Strafbefehl über 1000 Euro gegen die Frau erlassen hatte, legte ihr Verteidiger Leon Kruse Rechtsmittel ein. Nun kommt es wahrscheinlich zu einem Prozess vor dem Amtsgericht Hamburg.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, sich durch eine positive Kommentierung der Fotos "um den Erhalt der Bilder bemüht und Interesse an ihnen gezeigt zu haben", so ein Sprecher. Dem widerspricht ihr Verteidiger deutlich: "Ich halte es nicht für provokativ, sondern ganz im Gegenteil für sehr mutig." Metzelder habe das Gespräch in dem Chat auf sexuelle Fantasien mit Minderjährigen gelenkt. "Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Man schaut weg oder man geht dem nach." Seine Mandantin habe Metzelder vorgespielt, sie würde seine Interessen teilen, um Straftaten gegen Kinder zu verhüten. Daher habe sie auf das erste Foto positiv reagiert.

"Ich glaube nicht, dass man in eine Polizeiwache gehen und sagen kann, man habe das Gefühl, dass Herr Metzelder pädophil ist. Ich glaube nicht, dass meine Mandantin dort ernst genommen worden wäre", sagt Kruse. "Ihr Verdacht hätte nicht für eine Durchsuchung gereicht."

Umzug in den Schwurgerichtssaal

Für den Prozess gegen Metzelder hatte das Amtsgericht den größten Gerichtssaal des Landgerichts ausgesucht: E.116, den Schwurgerichtssaal. Dort finden sonst vor allem Mordprozesse und Verfahren mit vielen Angeklagten statt. Das Amtsgericht, vor dem der Prozess stattfand, hat keine ausreichend großen Säle, es hätten nur eine Handvoll Reporterinnen und Zuschauer zum Prozess zugelassen werden können. In E.116 gab es unter Einhaltung der Abstandsregeln 14 Plätze für Medienvertreter und 20 Zuschauerplätze.

Dabei ist der Straftatbestand, um den es ging, an den mehr als 600 deutschen Amtsgerichten eigentlich trauriger Alltag. Hundertfach werden jeden Monat Anklagen wegen Verbreitung, Erwerb und Besitz kinderpornografischer Inhalte verhandelt - fast immer ohne dass die Öffentlichkeit davon Notiz nimmt.

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