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#MeToo:Belästigung tut immer weh

Belästigung sollte aber keine Frage der Abwägung sein, sie tut immer weh. Einer Untersuchung des Bundesfamilienministeriums von 2010 zufolge haben fast 60 Prozent der befragten Frauen angegeben, dass sie schon einmal sexuelle Belästigung erlebt haben, die Dunkelziffer dürfte hoch sein. Reagiert man nicht sofort auf die Belästigung, wirkt sie kurze Zeit später umso stärker: Scham und Selbstekel entfalten verhängnisvolle Wirkung. Wem gibt man die Schuld, wenn der Schuldige weg ist? Sich selbst? Die Abertausenden Ich-auch-Geschichten geben auch hier eine Antwort. Er hat mich vergewaltigt! Die Lehrerin hat mich geküsst! Ich wurde beim ersten Date missbraucht! Bei Twitter ist der Tenor eindeutig: Ich bin nicht schuld. Diese Befreiung von Schuldgefühlen macht #MeToo wertvoll.

Bereits 2013 hatte der Eklat um Rainer Brüderle und seine Busen-Bemerkungen eine Debatte angestoßen. Unter dem Hashtag #Aufschrei erzählten Menschen ihre Leidensgeschichten - und plötzlich redete man über Sexismus, das Machtgefälle in Betrieben, ungleiche Bezahlung, eine Gesellschaft, in der Gleichberechtigung oft nur ein Label ist. Die aktuelle Debatte hat Weinstein hinter sich gelassen. Es geht wieder um denselben Nährboden. Und er ist noch immer fruchtbar.

Jede Frau ist von dieser Belästigung betroffen. Aber es darf keiner Frau genug sein, in der Opferhaltung zu verharren. Wieso im Meeting nicht sagen, dass Genderwitze in aller Regel nicht lustig sind? Wieso nicht den Zahnarzt brüskieren? Wieso nicht ein Kompliment versuchen, das die Frau nicht aufs Frausein reduziert? Wieso nicht streiten?

Es wird nicht reichen, sich auf Ich-auch-Botschaften zu beschränken. Twitter löst das Problem nicht. Über sexuelle Belästigung muss jenseits der virtuellen Räume geredet werden. Nur so entsteht Bewusstsein. In den Familien, den Büros, den Schulen und an den Kneipentischen. Bei Frauen und Männern.

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