Bergsteigen„Wir können uns dieses Zerwürfnis nicht erklären“

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Simon Messner, 35, Sohn des ehemaligen Bergsteigers Reinhold Messner.
Simon Messner, 35, Sohn des ehemaligen Bergsteigers Reinhold Messner. Timeline Production

Ein Dokumentarfilm über den Sohn des ehemaligen Ausnahmebergsteigers Reinhold Messner erregt Aufsehen: Ein Gespräch mit Simon Messner über das schwierige Verhältnis zu seinem Vater und darüber, wie sich sein Sport verändert hat, seit er selbst Vater ist.

Interview von Tanja Rest

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„Simon Messner – Aus dem Schatten“, das berührende Filmporträt der Regisseurin Veronika Kaserer, läuft seit einer Woche in den Kinos – und der Mann, um den es darin geht, ist verblüfft darüber, was der Boulevard daraus gemacht hat. Die Vorgeschichte verkauft sich natürlich auch seit Jahren gut: wie der Bergsteiger Reinhold Messner 2019 seinen Kindern den Großteil seines Vermögens übertrug und anschließend öffentlich den Vorwurf erhob, die Familie sei an Erbstreitigkeit zerbrochen, er selbst und seine neue Ehefrau Diane Schumacher seien „ausgegrenzt“ worden. Die drei Kinder widersprechen dieser Darstellung. Reinhold Messner soll den Kontakt mit ihnen vor Jahren abgebrochen haben.

Der Videoscreen zeigt Simon Messner, 35, auf seinem Bergbauernhof unterhalb von Schloss Juval bei Meran, den er heute gemeinsam mit seiner Frau und einer Pächterin bewirtschaftet. Die Ähnlichkeit mit seinem Vater ist erstaunlich, wenn auch äußerlich.

SZ: Herr Messner, „Aus dem Schatten“ – es besteht kein Zweifel daran, wessen Schatten hier gemeint ist. Aber der Titel war nicht Ihre Idee, oder?

Simon Messner: Das war ein Kompromiss. Es gab erst einen anderen Titel, der sogar noch mehr in diese Richtung ging. Den habe ich geschafft zu verhindern. Aber natürlich impliziert das jetzt, dass ich aus dem Schatten des Vaters treten will. Und das stört mich, damit hadere ich, denn das habe ich nie so empfunden. Von mir aus kann ich gerne in diesem Schatten bleiben.

Tatsächlich?

Mir geht es nicht um eine Konkurrenz, das wäre ja auch absurd, sondern um eine Leidenschaft, die ich mit meinem Vater teile, seitdem er mir als Kind jahrelang Geschichten davon erzählt hat: das Klettern.

Mit dem Film selbst sind Sie aber einverstanden?

Er hat seine Berechtigung, glaube ich. Meine Schwestern und ich haben ihn das erste Mal im Kino gesehen, das war sehr emotional. Vor allem die alten Aufnahmen von unserem Vater. Der Film hat viele Ebenen, es ist kein klassischer Bergfilm geworden, der mit dem Gipfelsieg endet. Es werden Fragen gestellt, die man im Bergsteigen, das immer so heroisch intoniert wird, nicht erwartet. Und ich habe mich schon sehr bemüht, dass er eine gewisse Richtung nicht einschlägt.

Sie meinen die Richtung, die auf eine Abrechnung zugeführt hätte.

Ich habe nie den Streit gesucht, auch nicht mit diesem Film. Und trotzdem fühlt es sich an, als würde ich mich durchgehend verteidigen müssen, ich weiß bis heute nicht, wieso eigentlich. Wenn ich einen Satz sage, wird er von 20 Zeitungen übernommen, zum Teil falsch wiedergegeben oder aus dem Zusammenhang gerissen. Ich muss sagen, ich bin erschrocken.

Im Vorgespräch haben Sie gesagt, dass Sie sich zum Zerwürfnis mit Ihrem Vater nicht mehr äußern wollen – um es nicht noch schlimmer zu machen. Und auch, weil inzwischen Anwälte mitlesen. Nun kann man über diesen Film aber nicht reden, ohne auch über das Verhältnis zu Ihrem Vater zu sprechen.

Es ist einfach so: Wir hatten eine wahnsinnig schöne Kindheit und haben unseren Vater immer sehr geschätzt. Später haben wir sogar mit ihm gearbeitet, meine Schwester Magdalena ist Direktorin der sechs Messner-Mountain-Museen, ich habe mit ihm fast fünf Jahre lang eine Produktionsfirma für Bergfilme geführt. Dann kam dieser extrem abrupte Streit, wir können uns dieses Zerwürfnis nicht erklären. Und es sind nicht nur wir Kinder, das macht es ja so schwierig: Das gesamte frühere Umfeld hat Schwierigkeiten, ihn zu erreichen. Es ist sehr traurig.

Ist es auch diese Sturheit, die Reinhold Messner als Ersten auf die Gipfel aller Achttausender geführt hat?

Ganz sicher. Ohne diese Charakterzüge, auch diese Härte, wäre es nicht möglich gewesen, so weit zu kommen. Er war immer eine brillante Figur, nicht nur für uns Kinder, für sehr viele Leute.

Nun sind Sie selbst ein hervorragender Kletterer und Bergsteiger geworden. War der Name Messner da nicht eine Bürde?

Mein Vater hat mal zu mir gesagt, sein Beweggrund war, der Beste zu werden. Und das wollte ich für mich nicht. Mich hat einfach die Kletterei und die Geschichte dahinter fasziniert. Und natürlich will man als junger Mann eines Tages probieren, wie fühlt sich das an? Ich habe mir nie vorstellen können, dass ich anders behandelt werden könnte, allein wegen meines Namens. Warum auch, meine Kletterpartner interessiert das nicht.

Mir hat im Klettergarten in Arco mal jemand zugeraunt: „Da drüben steht der Sohn vom Messner.“ Und dann haben alle aus den Augenwinkeln ganz genau geschaut, ob Sie die 7b auch hochkommen.

Und soll ich es allein deswegen nicht machen? Das wäre Quatsch. Es gibt einfach dieses Phänomen bei Kindern von bekannteren Persönlichkeiten, da wird genau hingeschaut. Ich habe mich vielleicht einfach geweigert, das zu akzeptieren.

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Sie sind nicht Profi geworden, sondern haben in Innsbruck Molekularbiologie studiert. Was hat Sie da interessiert?

Meine Hauptüberlegung war, wie ich mir das Klettern finanzieren kann. Molekularbiologie passt da eigentlich nicht, weil man den ganzen Tag im Labor steht. Aber ich wollte mir auch Fragen beantworten, ganz banale: Wer bin ich, wo komme ich her, wie funktioniert das Ganze? Und da lag für mich auf der Hand, dass Biologie die Basis von allem ist. Ich bin heute noch dankbar, dass ich diese Richtung gewählt habe. Wenn man begreift, wie der Körper funktioniert, wird man fast wieder religiös. Das ist so genial, dass es einen umhaut.

Aber Sie haben nie als Molekularbiologe gearbeitet?

Nur ganz kurz. Bis mein Vater mir vorschlug, dass wir zusammen Bergfilme machen. Heute bin ich Bergbauer oder so etwas in der Art …

… und seit 18 Monaten selbst Vater. Was für ein Vater wollen Sie sein?

Erst einmal, und da spreche ich für alle jungen Eltern: Man kann sich nicht vorstellen, was die Geburt des ersten Kindes mit einem macht. Diese Bindung, so etwas habe ich noch nie erlebt. Ich würde meine Tochter Valentina gerne unterstützen bei allem, was sie sich vom Leben erhofft. Momentan liebt sie Tiere, sie muss jeden Tag mit in den Stall. Das finde ich wunderschön, dass wir das teilen. Und wenn sie eines Tages etwas anderes interessant findet, dann darf sie und soll sie das machen.

Im Film hadern Sie mit der Frage, warum Sie dennoch das Bedürfnis hatten, eine risikoreiche Erstbesteigung in Pakistan zu machen. Wie lautet die Antwort?

Ich muss dazusagen, dass dieser Film in der vielleicht härtesten Zeit meines Lebens entstanden ist. Da war einerseits der Streit mit meinem Vater, der seit Jahren im Hintergrund schwelte und sehr viel Kraft gekostet hat. Ich war gerade selbst Vater geworden, und meine Frau und ich haben uns auf diesen zwei wunderschönen Bergbauernhöfen von einem Burn-out zum anderen gearbeitet. Es kam so viel zusammen, dass das Klettern kaum noch einen Platz hatte in meinem Leben.

Da kann man schon mal wegwollen.

Aber es ist egoistisch. Wenn ich frühmorgens zum Klettern gehe, denke ich an meine Frau, die allein auf dem Hof bleibt und die Tiere und die Gäste versorgt. Dabei kann ich mich nur sehr schwer auf den Berg, auf mich und meinen Seilpartner konzentrieren.

Sie haben sich mit Ihrem Partner Martin Sieberer dann einen völlig unbekannten Berg ausgesucht, den 6754 Meter hohen Chumik Kangri im Karakorum. Wen juckt es, ob dieser Berg zum ersten Mal bestiegen wird oder nicht?

Es juckt keinen, und es muss auch keinen jucken. Vielleicht hat die Allgemeinheit da eine falsche Vorstellung – dass immer auch ein Mehrwert dabei herausspringen muss. Vielleicht will es die Allgemeinheit auch so haben, dass dieser Bub aus dem Schatten tritt. Aber wenn nicht gerade ein Buch oder ein Film daraus werden soll, dann betreibt man das Bergsteigen für sich allein und für keinen anderen. Man kommuniziert es in der Szene und behält es ansonsten für sich.

In diesem Fall waren Sie aber mit einem Filmteam unterwegs.

Richtig. Weil wir es sonst nicht hätten finanzieren können, da will ich ganz ehrlich sein. Wäre es anders möglich gewesen, hätte ich am Chumik Kangri gerne auf ein Filmteam verzichtet. Das waren hervorragende Kameraleute, aber je größer eine Gruppe wird, desto komplexer wird das Ganze. Martin und ich waren davor immer minimalistisch unterwegs, nur mit einem einheimischen Koch und einem Guide, und konnten je nach Laune und Wetter starten. Oder halt nicht.

Den Versuch haben Sie am Einstieg in die Gipfelpassage abgebrochen, weil Schneefall einsetzte und Ihnen das Risiko zu hoch erschien. Tage später standen dann andere Erstbegeher auf dem Gipfel. Wie bitter war das?

Vor Ort war es schwierig für mich. Weil es schon machbar aussah. Aber es war eine Filmreise, und das ist jetzt so geworden, ich kann gut damit leben. Im ersten Moment habe ich eben schlucken müssen.

Im Film sagen Sie, mit Familie sei das Bergsteigen ein Gedanke, der einem das Herz zerreißt. Sind Sie den Gedanken am Chumik Kangri vielleicht einfach nicht losgeworden?

Ja, das kann schon sein. Für mich war es okay, Risiken einzugehen, bis ich diese große Verantwortung übernommen habe und Vater geworden bin. Die Geburt meiner Tochter hat mich einfach verändert. Gleichzeitig geht man klettern, wird älter und hat Glück. Und dann hat man noch mal Glück. Dann stirbt ein Freund am Berg, im nächsten Jahr sterben zwei Freunde und so weiter. Hansjörg Auer, Albert Precht, Sigi Brachmayr, der Bertl, Martin Feistl und viele andere. Auch in meiner Familie sind zwei Onkel in den Bergen gestorben. Das ist so ein schleichendes Erwachen. Weil, wenn ich ehrlich zu mir bin: Der Stein, die Lawine hätte mich genauso treffen können.

Muss man bereit sein, die eigenen Kinder notfalls auch ohne Vater aufwachsen zu lassen, um ein herausragender Bergsteiger zu werden?

Nicht zwingend. Es gibt Beispiele, die dagegenhalten. Walter Bonatti (italienischer Kletterer und Bergsteiger, 1930 – 2011, Anm. d. Red.) bewundere ich als Alpinisten, aber fast noch mehr für etwas anderes. Mit 35 Jahren hat er, wenn auch kinderlos, von sich aus beschlossen: Es reicht, ich kann mich nicht mehr übertreffen. Wenn ich weitermache, dann sterbe ich. Es ist die größte Kunst, den Moment nicht zu verpassen, wo man es sein lässt. Vielen gelingt das nicht, weil sie im Leben nichts gefunden haben, das das Bergsteigen ersetzen könnte. Dann ist man dazu verdammt, immer weiterzumachen. Man kann dabei nur deprimiert werden, weil der Körper irgendwann ja rückbaut und man die Leistung von früher nicht mehr erbringen kann.

Sie haben inzwischen beschlossen, das Klettern auf unbestimmte Zeit sein zu lassen. Wie geht es Ihnen damit?

Die Sehnsucht bleibt vielleicht ein Leben lang. Naiv, wie ich war als Junge, habe ich mir mal vorgestellt: Eines Tages, wenn ich ganz viel erlebt habe, kann ich mich bei schönem Wetter auf eine Bank setzen, die Berge begutachten und bin zufrieden. Aber wir Menschen sind nicht so veranlagt. Es gibt diesen Drang: Man bleibt eben nicht ruhig sitzen auf der Bank, weil man so viele Ideen hat und eigentlich hinausgehen muss, um zufrieden zu sein. Und gleichzeitig ist da die Familie. Und die ist mein großes, großes Glück.

Herr Messner, ich sehe so viele ausgestreckte Hände in diesem Film. Von Ihnen, Ihrer älteren Schwester, Ihrer Mutter. Ist es denkbar, dass Ihr Vater diese Hände irgendwann ergreift?

Puh, also die Frage ist ganz schwierig. Man müsste die Hintergründe kennen, die ich aber nicht nennen kann, sonst kommt wieder ein Anwaltsbrief. Also ich würde es mir wünschen. Und sich etwas wünschen, das darf man ja immer.

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