Wer sich mal Johnny Depp, Frida Kahlo oder Bastian Schweinsteiger einladen will, ruft bei Jochen Florstedt an. Der 74-Jährige betreibt im Ruhrgebiet eine Doppelgänger- und Künstler-Agentur. Auf seiner Website ruft er dazu auf, sich zu melden, wenn man einer prominenten Person ähnelt. Aktuell sucht er dringend: ein Friedrich Merz-Lookalike.
SZ: Herr Florstedt, sind Sie zufrieden mit dem Wahlergebnis, so rein personell? Immerhin können Sie Ihre Suche nach einem Scholz-Double endlich einstellen.
Jochen Florstedt: Ja, das haute einfach nicht hin. Von den 60, 70 Leuten, die sich im Laufe der Jahre beworben hatten, sah nur ein Einziger dem Scholz wirklich ähnlich: die v-förmigen Augenbrauen, dazu die Kopfform, die auf der Oberseite kerzengerade nach hinten verläuft und – blubb! - in eine hohe Beule mündet, bevor sie steil abfällt und nach einer zweiten Wölbung im Nacken endet. Sah alles top aus bei dem Bewerber. Dann stellte sich heraus, dass er 15 Zentimeter größer und 20 Kilo schwerer war. Auch beim restlichen Kabinett hatte ich Pech: kein Habeck, keine Baerbock.

Nun also Friedrich Merz. Ist der CDU-Vorsitzende einfacher zu kopieren? Die Haarinsel ist doch recht markant.
Ich fürchte, das reicht nicht. Das Wichtigste ist die biometrische Ähnlichkeit. Die Person muss erst einmal diesen umgedrehten Birnenkopf haben: extrem schmales Kinn, dazu die Schmollschnute, und dann geht der Kopf oben so richtig breit auseinander. Außerdem ist Merz fast zwei Meter groß und sehr schlank, da darf der Bewerber auch nicht kleiner und dicker sein.
Was ist mit Mimik und Stimme, spielt das ebenfalls eine Rolle?
Das wäre natürlich super, ist aber praktisch nie der Fall. Das Merkel-Double etwa, Ursula Wanecki, kommt ursprünglich aus Polen und spricht mit Akzent. Auf Wunsch hat sie das bei einer Veranstaltung mal eingebunden. Uschi stand also auf der Bühne und begrüßte die Gäste: „Sie werden sich vielleicht wundern, warum ich mich anders anhöre als im Fernsehen. Aber ich bin jetzt privat unterwegs, und da kann ich reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist.“ Die Leute lagen unterm Tisch vor Lachen. Seitdem verkaufe ich das so.

Veranstalten Sie nun Merz-Castings, oder wie läuft das ab?
Nö, das geht hauptsächlich über E-Mail, je nach Möglichkeit auch per Videocall. Aber vor allem brauche ich Fotos – von vorn, von der Seite, und man sollte sich entsprechend zurechtmachen.
Und, warum rennen Ihnen die Leute nicht längst die Bude ein?
Es gibt da erst einmal drei Phasen zu überwinden: Zunächst muss es jemanden geben, der so aussieht. Dann braucht es einen, der sagt: „Hömma, Kurt, du siehst aus wie der Merz, bewirb dich doch mal!“ Und dann muss der auch wirklich Lust haben.
Was erwartet einen denn als Kanzler-Double? Scheinwerferlicht und Glamour – oder eher faule Eier und Tomaten?
Die Leute begegnen einem fast immer positiv. Die Doubles sind der Hingucker, und jeder möchte sich mit ihnen fotografieren lassen. Eingesetzt wird man bei Film und Fernsehen, bei Werbeaktionen und auf Firmenevents. Die Uschi war öfter in der „Heute-Show“ zu sehen, erst im Dezember wieder. Doch ich kann niemandem garantieren, wie oft man gebucht wird und wie viel man verdient. Reich wird man damit sicher nicht, es ist eher ein Nebenerwerb.
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Und wie wird das Double vorgestellt – bleibt die Identität geheim oder wird das aufgeklärt?
Es wird einfach nichts gesagt. Das Darstellen einer prominenten Person läuft unter Persiflage. Du darfst nur nicht behaupten, dass jetzt gleich etwa Frau Merkel oder Herr Merz kommt. Einen „Promi“ anzukündigen, ist aber in Ordnung.
Haben Sie sich mal beim Singspiel auf dem Nockherberg nach einem potenziellen Kanzler-Double umgesehen?
Oh nein, das sind Imitatoren, das ist ein großer Unterschied. David Zimmerschied zum Beispiel – der Schauspieler, der Merz für das Singspiel auf dem Nockherberg darstellt – sieht in echt völlig anders aus. Er wird nur zurechtgemacht, genau wie Wolfgang Krebs, der schon Stoiber, Aiwanger und Söder verkörpert hat. Oder Antonia von Romatowski, die lange Merkel parodiert hat. Die Maske für solche Auftritte wäre viel zu aufwendig und zu teuer für Doubles.
Sie selbst treten seit Langem mit Partner als Sänger-Double der Blues Brothers auf ...
Ja, mit Vollplayback. Aber wenn ich den Belushi mache, mit Koteletten, Brille und Hut, dann wirkt das schon echt. Vor allem, weil ich bei ausgeschaltetem Mikro mitsinge. Na ja, eher mitschreie.

Dabei sehen Sie gar nicht aus wie John Belushi, eher wie Heinz Rudolf Kunze.
Haha, ja, mich hat tatsächlich schon mal eine junge Frau angesprochen, die ein Autogramm wollte. Ich finde das gar nicht. Der Kunze ist inzwischen aber auch älter, dicker und runzeliger.
Dann drücken wir mal die Daumen, dass Sie einen Merz finden. Geben Sie die Hoffnung nicht auf!
Auf keinen Fall, ich bleibe dran. Am liebsten hätte ich natürlich das ganze Kabinett, sobald feststeht, wer drin ist.

