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Neue SZ-Kolumne "Bester Dinge":Das Buch des kleinen Olaf

Bester Dinge
(Foto: Bundesregierung/Shutterstock)

Wie Angela Merkel dafür sorgte, dass ein paar Sekunden einer ansonsten trockenen Pressekonferenz womöglich noch länger im Gedächtnis bleiben.

Von Michael Neudecker

Das Jahresgutachten 2020/21 des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ist ein Buch mit blauem Einband, groß, dick und auch sonst eher ungeeignet für das Nachtkästchen. Es wurde nun in Berlin bei einer Videocall-Pressekonferenz vorgestellt, und als der Moment kam, in dem die Beteiligten das Buch für die Kameras präsentieren sollten, sagte die Bundeskanzlerin Angela Merkel, wer es dabeihabe, könne es ja jetzt hochhalten, "und wer's nicht dabei hat, hat's wahrscheinlich im Kopf", Pause, Merkel-Kichern, "ich halte mal zwei hoch, weil Olaf Scholz keins dabei hat".

Man wusste schon vor dieser Pressekonferenz, dass Angela Merkel erstens eine Meisterin des trockenen Humors ist, die Merkel-Pointe kommt ohne Hinführung, sie ist von kurzer Dauer, tritt scheinbar beiläufig auf und bleibt oft gerade deswegen im Gedächtnis. Merkel ist, zweitens, eine Meisterin der Stichelei; wenn es den Begriff "Seitenhieb" nicht gäbe, hätte man ihn für sie erfinden müssen. Das Buch trägt den Titel "Corona-Krise gemeinsam bewältigen, Resilienz und Wachstum stärken", nichts, was man im Kopf behält, es wird der Relevanz des Themas zum Trotz bald wieder verschwinden, wie alle Jahresberichte.

Merkel wird häufig als "Mutter der Nation" bezeichnet, das Bild erschließt sich nicht immer, doch wenn man später zurückblicken wird auf ihre Kanzlerinnenjahre, werden die Freunde dieses Bildes bestimmt auch auf die Pressekonferenz-Sekunden zurückkommen: jenen Moment, in dem Angela Merkel milde lächelnd ein zweites Buch hochhielt, weil der kleine Olaf seins vergessen hat.

© SZ/nas
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