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Weißer Ring:Wenn der Helfer zum Täter wird

Hilfsorganisation Weisser Ring

(Symbolbild)

(Foto: dpa; Bearbeitung SZ)

Ein angesehener Mitarbeiter des Weißen Rings soll hilfesuchende Frauen sexuell belästigt haben. Die mutmaßlichen Opfer wurden nicht ernst genommen - weil es höheren Kreisen so besser passte.

Kommentar von Thomas Hahn, Hamburg

In der größten Not bleibt nicht viel mehr als das Vertrauen auf die Hilfe anderer. Wenn selbst dieses Vertrauen missbraucht wird, brechen die letzten Sicherheiten weg, die eine Gesellschaft zu bieten hat. Deshalb ist der Verdachtsfall bei dem Opferhilfe-Verein Weißer Ring so schlimm.

Der frühere Leiter der Außenstelle Lübeck soll nach Recherchen von Spiegel und Lübecker Nachrichten über Jahre hilfesuchende Frauen sexuell belästigt oder ihnen Prostitution als Lösung ihrer Probleme vorgeschlagen haben. Der Mann bestreitet die Vorwürfe, die Ermittlungen laufen. Aber auch wenn vorerst die Unschuldsvermutung gilt, kann man die Augen nicht davor verschließen, dass verschiedene Frauen unabhängig voneinander von den Belästigungen berichten. Auch Uwe Döring, der bisherige Landesvorsitzende des Weißen Rings in Schleswig-Holstein, hat das bestätigt. Er trat am Samstag zurück, weil er zu lange von dem Verdacht wusste, ohne tätig zu werden. Ein Albtraum scheint Wirklichkeit zu sein: Der Helfer als Täter.

Dennoch bringt ein Generalverdacht gegen den Weißen Ring mit seinen 3000 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern jetzt gar nichts. Es wäre Unsinn, aus dem einen Verdachtsfall abzuleiten, dass hinter jedem guten ein böser Wille stecken kann. Gemeinnützige Organisationen wie der Weiße Ring bleiben wichtige Säulen der gesellschaftlichen Fürsorge, die der Staat allein nicht schultern kann. Aber gerade deshalb muss dieser Verdachtsfall eine Mahnung sein.

Der Verdächtige war früher Polizeihauptkommissar

Der Weiße Ring sagt, Selbstverpflichtungen und intensive, kontinuierliche Schulungen würden die hohen ethischen Standards absichern, welche der Verein selbst an sich stellt. Er spricht außerdem von Frühwarnsystemen, die bisher regelmäßig gegriffen hätten. Und es gibt keinen Grund zu bezweifeln, dass dieses System durchdacht und ausgewogen ist. Aber natürlich lässt es Lücken zum Missbrauch, und natürlich ist es nur so gut, wie Mitarbeiter und Mitwisser es zulassen.

Der verdächtigte Ex-Außenstellenleiter war in Lübeck ein angesehener Mann, ein pensionierter Polizeihauptkommissar mit guten Kontakten, der erste Mahnungen leicht aussitzen konnte. Politiker stellten sich gerne an seine Seite, und wenn sie doch mal eine Beschwerde erreichte, prallte diese ab am bürgerlichen Grundverständnis, dass irgendeine Frau in Not doch wohl nicht glaubwürdiger sein könne als ein früherer Polizist. Zum freiwilligen Rücktritt, zu dem es im Januar unter wolkigen Vorwänden und viel zu spät kam, wurde der Mann erst aufgefordert, nachdem eine Mitarbeiterin der Polizei von sexuellen Belästigungen berichtet hatte. Auch das ist eine bedrückende Note dieses Falles: Missbrauch kann untergehen in der Selbstgefälligkeit des Establishments. Es gibt Opfer, die einfach nicht richtig ernst genommen werden, weil es höheren Kreisen so besser passt.

© SZ.de/ick/mane

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