Medizin Schnipp schnapp

Bauch, Beine, Po: Der moderne Mensch optimiert sich so stark wie nie zuvor. Schönheits-Operationen boomen. Über die seltsame Entwicklung der "Körperkratie" in der heutigen Welt.

Von Hannes Vollmuth

Victoria Beckham hat es getan, Michael Douglas, Mickey Rourke, Meg Ryan, Donatella Versace, Cher sowieso, und mehrere Zehntausend Deutsche offenbar auch: Sie haben sich freiwillig unters Messer gelegt. Sie haben sich liften und ihre Brüste vergrößern lassen, an ihren Nasen wurde gemeißelt und ihr Fett wurde abgesaugt. Sie haben viel Geld bezahlt dafür. Nur gesprochen haben sie nicht darüber, oder kaum, denn seinem Körper einer Schönheits-Operation zu unterziehen, das ist die eine Sache - offen damit umgehen eine ganz andere, in einer Gesellschaft, die das kosmetische Schnippeln eher seltsam findet. Oder? "Mich erstaunt das überhaupt nicht", sagt die Soziologie-Professorin Paula-Irene Villa, "Falten oder zu kleine Brüste werden zunehmend weniger als Schicksal akzeptiert."

Die International Society of Aesthetic Plastic Surgery (ISAPS) hat in dieser Woche verkündet, dass die weltweiten Schönheitseingriffe wieder gestiegen sind, 2016 um neun Prozent. In Deutschland liegt der Anstieg sogar noch einen Prozentpunkt höher, wie die Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC) berichtet. Die deutsche Liste der häufigsten Eingriffe führt inzwischen das Fettabsaugen an.

Man sollte diesen Zahlen zwar kritisch begegnen, denn die Organisationen, die sie veröffentlichen, sind darum bemüht, das Schnippeln, Absaugen und Straffen sämtlicher Körperteile als Selbstverständlichkeit darzustellen - was es (noch) nicht ist. Die weltweiten Vergleichszahlen sind zudem eher als Hochrechnungen zu verstehen denn als absolute Zahlen. Und doch besitzen die präsentierten Zahlen ein starke Aussagekraft: Schönheits-Operationen sind ein Milliarden-Business, und zwar eines, dessen Zahlen steigen. Weil sich längst nicht mehr nur die Reichen und Schönen aus den Klatschblättern kosmetisch aufmotzen. Warum? Weil sie es können.

Paula-Irene Villa ist Soziologie-Professorin an der Ludwig-Maximilians-Universität München und befasst sich seit Jahren mit den gesellschaftlichen Folgen von Schönheits-OPs. Villa sieht überall auf der Welt den Boom, auch in Deutschland, nur: "Sich liften oder Fett absaugen zu lassen, ist bei uns noch verpönt", sagt Villa. Es wird als unlauter angesehen nachzuhelfen, man hängt am romantischen Schönheitsideal: Natürlichkeit. US-Amerikaner tragen ihr geliftetes Gesicht wie ein Status-Symbol, während deutsche Promis gegen Falten Mineralwasser und Schlaf predigen. Operiert wird natürlich trotzdem. "Aber akzeptiert ist das nur, wenn man die Leidensgeschichte erzählt, man leide schon lange an seinem hängenden Lid."

Historisch betrachtet ist der chirurgische Eingriff aus ästhetischen Gründen ohnehin nichts Neues. Schon im Mittelalter hat man Syphilis-Nasen plastisch annähernd wieder hergestellt. Doch der Mensch ist inzwischen in der Spätmoderne angekommen, und die Sache hat sich zugespitzt. Nie war es billiger und einfacher, seine hängende Männerbrust oder den Schwabbelbauch nach der Schwangerschaft los zu werden. Ada Borkenhagen sagt: "Eine Schönheits-OP ist auch der Versuch, seinen eigenen Körper und damit seine Identität selbst zu gestalten." Borkenhagen ist Psychologin und Privatdozentin am Universitätsklinikum Magdeburg. Für ihre Forschungen befragt sie immer wieder auch Frauen, die sich für eine Schönheits-OP entscheiden. Eine sagte ihr: "Na ja, diese flache Brust, die hat mich schon immer gestört. Die passt einfach nicht zu mir. Und das will ich ändern. Ich will, dass meine Brust endlich auch zu mir passt, so ganz selbstverständlich wie meine Nase eben auch." Ähnlich wie beim Geschlecht und der sexuellen Orientierung, die zunehmend als fließend angesehen werden, entwirft der moderne Mensch auch seinen Körper neu. Wenn nötig mit einem Skalpell.

Man kann das auch als neuen Teufelskreis begreifen, der da in Gang gesetzt worden ist. Experten erzählen vom Zwang zur Körper-Optimierung, weil die Technologie einfach vorhanden ist - vorausgesetzt man hat das Geld. Borkenhagen spricht schon von einer "Körperkratie", eine Aristokratie der Schönheit. In Griechenland investieren die Menschen trotz Krise nach wie vor in Schönheits-OPs. Weil es sich finanziell lohnt, wie die Attraktivitätsforschung herausgefunden hat. Der Körper ist heute auch Rohstoff, Kapital, in das man investiert wie in ein Aktiendepot.

Weil aber besonders die Schönheit der Mode unterworfen ist, hat die Branche schon das nächste Level erreicht. "Wer es sich leisten kann, lässt im Laufe des Lebens immer wieder operieren", sagt Borkenhagen. Je nachdem, was gerade wieder angesagt ist. Schlauchbootlippen zum Beispiel: tragen doch heutzutage nur noch Russinnen. Große Brüste? Längst nicht mehr en vogue. "Der Körper ist fast schon wie ein Kleid", sagt die Psychologin, man kann es wechseln, wenn der Zeitgeist dreht.