bedeckt München 20°

Medizin:Der mit dem Rücken kaut

Deutschen Chirurgen ist es gelungen, im Rückenmuskel eines Patienten aus Knochenmark einen Ersatz-Unterkiefer wachsen zu lassen. Der 56-Jährige kann nach neun Jahren wieder feste Nahrung essen. Die erste Mahlzeit: Brot und Würstchen.

Von Christina Berndt

Brot und Würstchen - das war die erste feste Nahrung, für die sich der Mann entschied, nachdem er neun Jahre lang nur Suppe und Haferschleim hatte essen können.

Ein Tumor hatte ihm damals Teile seines Gesichts zerstört, und Chirurgen mussten noch mehr davon entfernen. Seither fehlte dem heute 56-Jährigen das gesamte Stück des Unterkiefers, in dem die Zähne sitzen.

Dass er nun wieder Würstchen essen kann, verdankt er einer Aufsehen erregenden Technik, die zum ersten Mal am Menschen erprobt wurde. Ärzte von der Universität Kiel haben eine spezielle Form des Tissue Engineering erstmals an einem Menschen erprobt.

Das Team um Patrick Warnke und Hendrik Terheyden von der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie hat die Kauwerkzeuge im Körper des Patienten aus dessen eigenem Gewebe herangezüchtet - ohne ihm dafür, wie sonst üblich, Knochenstücke aus der Hüfte oder anderen Körperteilen herauszusägen.

Den neuen Unterkiefer ließen die Chirurgen in einem Titangeflecht aus dem Knochenmark des Mannes und zugesetzten Knochenmineralien und Wachstumsfaktoren heranwachsen.

Dazu setzten sie das Titangeflecht in einen Muskel am seitlichen Oberkörper des Patienten ein, den vom Bodybuilding bekannten latissimus dorsi. Dort wurde die Masse zu einem stabilen Unterkiefer (Lancet, Bd. 364, S. 766, 2004).

Der Vorteil dieser Methode ist, dass wir ein passgenaues Implantat herstellen konnten", sagte Patrick Warnke der SZ. Denn die Ärzte haben den Schädel des Patienten mit Hilfe dreidimensionaler Aufnahmen aus dem Computertomographen vermessen und das fehlende Stück mit rechnergestützten Design-Techniken exakt nachgebildet.

"Der Mann sieht sehr okay aus"

"Jetzt, acht Wochen nach dem Einsetzen des Implantats, sieht der Mann nicht ganz so aus wie vor seiner Erkrankung, aber er sieht sehr okay aus", findet Warnke. Nach der Rekonstruktion mit körpereigenen Knochenstücken sind Patienten dagegen oft weiterhin entstellt.

Nur schwer lassen sich die riesigen Lücken, die Gesichtstumoren hinterlassen, mit natürlichen Knochen füllen. "Viele Patienten überleben so einen Krebs gar nicht", sagt Warnke.

Der Chirurg betont allerdings, dass das neue Verfahren bisher erst an diesem einen Patienten geglückt ist. "Das Prinzip muss nicht immer funktionieren", gibt er zu bedenken. Auch liege die Operation erst wenige Wochen zurück. "Wir müssen den Patienten noch etwa ein Jahr weiter untersuchen, um sicher zu sein."

Immerhin konnten die Ärzte aber erstmals zeigen, dass das lange gepriesene Tissue Engineering, bei dem Gewebe gezielt für spezielle Zwecke gezüchtet wird, beim Menschen zumindest dann funktionieren kann, wenn die Anzucht im Körper stattfindet.

Dass die Gesichtschirurgen die Methode, die sie seit zehn Jahren im Tierversuch erproben, nun überhaupt zum ersten Mal bei einem Menschen ausprobiert haben, liegt daran, dass der 56-jährige Krebspatient noch andere Krankheiten hat: Er muss ständig Arzneien nehmen, die das Blut verdünnen. "Da wollten wir ihm nicht noch eine schwere innere Verletzung zuführen, indem wir ein Stück Knochen entfernen", sagt Warnke.

© SZ vom 27.8.2004
Zur SZ-Startseite