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Medien:Einer gegen alle

Rentner Augustus Hofmann nennt sich "Profizuschauer" - und kämpft einen einsamen Kampf gegen das Fernsehen. Die dortigen Umgangsformen, etwa von Comedian Gaby Köster, gefallen im gar nicht. Der Versuch einer Preisverleihung in sechs Schritten.

Von Tanjev Schultz

1. Der Preis

Durfte vor ein paar Jahren den deutschen Comedy-Preis verleihen. Den Preis der beleidigten Zuschauer konnte Gaby Köster allerdings nicht persönlich in Empfang nehmen - sie war auf Tournee.

(Foto: dpa)

Auf dem Tisch liegt ein komischer Fisch. Er schaut durch das Panoramafenster eines Kölner Restaurants auf den Rhein, in dem sich die schwache Novembersonne bricht.

Der Fisch hat große Glubschaugen und kleine Lämpchen auf seinem gelben Körper. Er ähnelt einem Schwein, aber sein Besitzer nennt ihn Watch-Dog, einen Wachhund. Es ist der Preis der beleidigten Zuschauer, den der Kleinverleger und selbst ernannte Zuschaueranwalt Augustus Hofmann seit 15 Jahren vergibt.

In diesem Jahr fiel die Wahl auf die RTL-Comedians Gaby Köster, Ruth Moschner und Oliver Welke. Sie seien mitverantwortlich für im Fernsehen üblich gewordene Umgangsformen: "Häme, Beleidigung, Missbrauch". Welke sei in 7 Tage, 7 Köpfe über Moderatorin Nina Ruge hergezogen ("Troja ist eine von vielen dicken Schutzschichten überzogene Ruine - genau wie Nina Ruge"). Moschner habe in Freitag Nacht News Uschi Glas verunglimpft ("Sie hat daran gedacht auszuwandern. Ich möchte gern wissen, welcher Idiot ihr das ausgeredet hat").

Über Hofmann, 68, hat sich niemand lustig gemacht, beleidigt fühlt er sich trotzdem. Der Senior, der ansonsten bedächtig im Stuhl sitzt und einen rheinischen Singsang pflegt, steht auf, reckt die Faust und erhebt die helle Stimme: "Wir sind eine Widerstandsgruppe. Wir rufen einen Hämekrieg aus!" Ob die Kellnerinnen die Staatsmacht rufen?

Am Tisch sitzen Hofmanns Frau und Andrea Suhr, eine 38-jährige Bonnerin, die ebenfalls genug hat von der TV-Witzkultur und Kontakt zu Hofmann aufnahm. Auf dessen Internetseite telekwatsch.de sollen mehr als 60.000 Menschen an der Abstimmung für den Preis teilgenommen haben. Jetzt will Hofmann den Fisch-Schwein-Wachhund feierlich verleihen.

Er ist auf eine schöne Sause eingestellt. Doch statt Champagner trinkt die Runde Orangensaft, Mineralwasser und grünen Tee. Keiner der Comedians kommt. Gaby Köster ist auf Tournee, Ruth Moschner im Urlaub, Oliver Welke wird der SZ später sagen, er wäre gekommen, wenn die Preisträger nicht so willkürlich ausgewählt worden wären. Dieses Online-Wahlsystem sei doch seltsam, jedenfalls nicht repräsentativ: "Ich fand das etwas unwürdig."

Hofmann schaut trübe über den Fluss, zum anderen Ufer, wo der Dom in die Wolken weist; irgendwo da hinten in Hürth liegen die Studios, in denen Sendungen wie 7 Tage, 7 Köpfe gedreht werden. Die Comedians sind "Gefangene ihres Systems", glaubt Hofmann.

2. Die Unmoralischen

Er prüfe von Woche zu Woche, was er machen könne und was nicht, beteuert Oliver Welke. Satire aber laufe nun mal über Personalisierung. "Es geht oft nur um die Pointe selbst - um eine lustige Assoziation." Über Leute, die nicht bekannt sind, mache er sich nicht lustig, sagt Welke, finde ansonsten aber: "Auch Minderheiten haben ein Recht darauf, dass über sie gelacht wird."

Ruth Moschner kann ebenfalls nicht verstehen, weshalb Hofmann sich so aufregt. Wer in die Öffentlichkeit dränge, setze sich eben der Satire aus. Beschwerden kämen selten; zeitweise haben vor allem Daniel-Küblböck-Fans gegen Moschner und ihre Witze gewettert.

Auch Hofmanns Verbündete Andrea Suhr gehört zur sensiblen Küblböck-Gemeinde. Stars wie der junge Daniel würden regelrecht diffamiert, schimpft sie. Man müsse sie schützen! Kein Gedanke daran, dass es Zuschauer gibt, die ihrerseits vor Küblböcks Künsten geschützt werden wollen oder sich wenigstens in Gelächter flüchten möchten. Andrea Suhr schaut ernst: "Wenn jemand am Boden liegt, wird noch nachgetreten."

3. Der Profizuschauer

Den Kampf nahm Augustus Hofmann vor fast 20 Jahren am Boden auf. Er fror vor dem Einlass zu einer TV-Show im Freien, beim Einmarsch sank er dann zu Boden. Eine Herde Zuschauer trampelte über ihn, er blutete, niemand half. Hofmann fasste Wut. Er befinde sich "in einem Kriegszustand mit dem Fernsehen", notierte er damals, 1987. So fing alles an.

Der gelernte Versicherungskaufmann machte eine kuriose Karriere. Er entwarf den Briefkopf "1. Profizuschauer für Fernsehshows" und bombardierte die TV-Sender mit provozierenden Briefen. Er tingelte von Show zu Show, um den Zuschauern mehr Macht zu erstreiten. Sein Outfit: Karnevalsmütze, Stoff-Storch, Clownsfliege. Hofnarr Hofmann.

Sein Credo: "Das Fernsehen gehört uns!" Seine Geschichte dokumentierte er im selbst verlegten Buch Der Profizuschauer, Chronik eines unvollendeten Aufstandes. Das merkwürdige Werk - "es ist so angelegt, dass da keiner durchblickt" - trug er regelmäßig auf die Frankfurter Buchmesse, bis er vor vier Jahren den Guerilla-Kampf ins Internet verlagerte. Mit dem Preis der beleidigten Zuschauer hatte der Querulant bereits auf den Messen Aufmerksamkeit erregt.

Es gibt noch einen anderen Preis, um den sich kein Medienschaffender reißt: die Saure Gurke für frauenfeindliche Sendungen. Doch dahinter steht eine medieninterne Organisation ("Frauen in den Medien"). Der Preis der beleidigten Zuschauer ist das Projekt eines Einzeltäters. Hofmann: "Ich bin der lebende Anreiz für andere, auch was zu tun."

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