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Mecklenburg-Vorpommern:Verwechslung im Dunkeln

MEK Einsatz in Lutheran

Eine Szene wie aus einem Action-Film: In dem Auto, welches das Mobile Einsatzkommando der Polizei aus Hamburg stoppte, saß gar nicht der Gesuchte.

(Foto: Michael-Günther Bölsche/dpa)

Bei einer missglückten Polizeiaktion wird ein offenbar unbeteiligter Mann mit einem Kopfschuss schwer verletzt.

Von Peter Burghardt, Hamburg

Ein dunkler Pick-up am Straßenrand mit zerschossener Scheibe. Scherben und Blut auf dem Asphalt. Quer daneben und dahinter zwei andere Fahrzeuge. Solche Bilder kennt man aus Mexikos Drogenkrieg oder aus Kolumbien, wenn Polizei oder Armee mutmaßliche Schmuggler oder Auftragskiller beschießen und dabei nicht selten Unschuldige treffen. Doch diese Szene ereignete sich nicht in der Nähe von Culiacán oder Cali. Sondern im Ortsteil Lutheran, Mecklenburg-Vorpommern.

Das Unglück geschah bereits am Freitag, aber erst jetzt wird halbwegs klar, was da passiert ist und was dieser Fehlschuss für Folgen haben könnte. Um kurz vor 17 Uhr, das Wochenende nahte, fuhren zwei Männer mit einem schwarzen Geländewagen auf der B 191 aus Parchim kommend durch Lutheran, das zur Kleinstadt Lübz gehört. Mitten in dem Dorf wurden sie von einem Mobilen Einsatzkommando (MEK) aus dem 150 Kilometer entfernten Hamburg gestellt. Einer der Verfolger im Namen des Staates eröffnete das Feuer, eine Kugel durchbohrte den Kopf des Fahrers. Das Opfer wurde am Tatort notversorgt und mit dem Hubschrauber in ein Krankenhaus nach Schwerin geflogen. Er liegt mit bedrohlichen Verletzungen im künstlichen Koma und hat nach vorläufigem Stand mindestens ein Auge verloren. Dabei ist der 27-Jährige obendrein unschuldig - die Jäger suchten einen anderen. Sie hatten sich geirrt.

Die Beamten waren anscheinend hinter einem Hamburger Zuhälter namens Nico S. her. Der hatte im Mai 2012 in der Hansestadt einen Freier fast zu Tode geprügelt, nachdem dieser eine Prostituierte beraubt hatte. Das Landgericht Hamburg verurteilte ihn zu zwei Jahren und acht Monaten Gefängnis, aber Nico S. trat seine Haftstrafe nicht an, er ist verschwunden. Daraufhin begann eine Fahndung, die in ein Desaster mündete.

Zunächst versuchte sich ein Spezialeinsatzkommando (SEK) der Landespolizei Mecklenburg-Vorpommern, die Kollegen aus Hamburg hatten um Amtshilfe gebeten. Auf einer Baustelle in Plau am See zerrten die SEK-Leute vier Bauarbeiter aus einem Bauwagen, zwangen sie unter vorgehaltenen Waffen auf den Boden und legten ihnen Fesseln an. Sie hatten Informationen, so hieß es, dass der flüchtige Straftäter Nico S. aus Hamburgs Rotlichtszene darunter sei und dessen Pick-up dort gestanden habe. Doch das stimmte nicht. Die vier Verhafteten wurden wieder freigelassen, einer von ihnen will gegen das SEK klagen. Zwei Tage später folgte die nächste, viel schlimmere Panne: der verheerende Einsatz des MEK.

Vor einer Fleischerei ("Wurst nach Hausmacher Art") in Lutheran kam es zu der tragischen Verwechslung. "Es ging alles wahnsinnig schnell", berichtete eine Verkäuferin der Hamburger Morgenpost. "Ich hörte Geschrei und Schüsse und sah, wie ein Polizist auf der Motorhaube eines Autos stand, mit vorgehaltener Waffe. Eine Kundin fing an zu weinen. Es war furchtbar." Tatsächlich saßen die vermeintlich Verdächtigen in dem Dodge, der Nico S. gehört, aber den hatten sie sich angeblich nur von dessen Mutter geliehen, um damit Wellblech für einen Schuppen zu transportieren. Laut unbestätigten Aussagen soll der Mann am Steuer der beiden Verfolgten dennoch Gas gegeben haben, als die Sonderfahnder aus ihren zivilen Autos die beiden aufforderten auszusteigen. Danach fiel offenbar der Kopfschuss. Die Schweriner Staatsanwaltschaft nennt es "eine von den Hamburger Polizisten empfundene Gefährdungslage". Der Schütze des MEK aus Hamburg muss das der Justiz nun genauer erklären, während sein Opfer in der Klinik um sein Leben kämpft. Schwerins Staatsanwaltschaft ermittelt wegen schwerer Körperverletzung im Amt. Der gewalttätige Zuhälter Nico S., dem die furchtbar missglückte Polizeiaktion gegolten hatte, ist weiterhin auf der Flucht.

© SZ vom 16.02.2016

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