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"Mathe-Olympiade" in Chemnitz:"Die Leute denken eher an Goethe als an Gauß"

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Kann eine Formel schön sein? Teilnehmer Cedric sagt, das Schöne an der Mathematik sei, dass man sich unendlich lange mit Problemstellungen befassen könne.

(Foto: Imago/Westend61)

Kurz nach den Protesten bayerischer Abiturienten treffen sich Deutschlands Mathe-Talente in Chemnitz. Halten sie die Klagen für übertrieben? Und woher kommt ihre Liebe zum Rechnen? Ein asymptotischer Klärungsversuch.

Die Koordinaten des Stadions an der Gellertstraße haben in jüngerer Zeit einige Extremwerte angezeigt, am Dienstag markieren sie ein lokales Maximum besonderer Güte. Die Mathe-Olympiade ist mit ihrer 58. Bundesrunde zu Gast in Chemnitz, die Stadt wird damit zur Capital Algebra für 197 Schülerinnen und Schüler. In zwei Klausuren ermitteln sie die Allerbesten unter den eh schon außergewöhnlich Fähigen.

An zwei Tagen sitzen die Olympioniken der Klassenstufen acht bis Abi in der Bank und widmen sich Aufgaben, die beginnen wie jene mit der Ordnungszahl 58 1043: "Bei einer Mathematik-Konferenz ist für je zwei untereinander bekannte Teilnehmer die Anzahl der anderen Teilnehmer, die sie beide nicht kennen, um mindestens zwei größer als die Anzahl der anderen Teilnehmer, die sie beide kennen." Um die Kennverhältnisse der echten Teilnehmer dieser Olympiade zu verbessern, haben die Organisatoren zu einem "Begegnungsabend" in einem Raum des Stadions geladen. Eine bessere Gelegenheit als dieser Abend und eine bessere Grundgesamtheit als die hier anwesenden Talente können sich kaum bieten, um zwei Fragen der Stunde asymptotisch zu klären: Was ist denn nun zu halten von dem heftigen Protest gegen die Abiturprüfungen konkret dieses Jahres? Und wie geht es der Mathematik allgemein?

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Die Frage landet zunächst in den Ohren von Tita, 11. Klasse am spezialisierten Heinrich-Hertz-Gymnasium in Berlin. Und ihre Antwort möchte man sofort auszeichnen als "elegante Lösung", denn für solche werden bei den Olympiaden ja wirklich Sonderpreise verliehen. Tita sagt, sie würde sich anstelle der betroffenen Abiturienten auch beschweren, denn "die Note steht ein Leben lang im Zeugnis und ich würde im Rahmen der Regeln versuchen, das Beste herauszuholen". Tita sagt aber auch, sie würde einem solchen Einspruch dann aber nicht stattgeben, denn "wenn die Aufgaben immer leichter werden, dann können wir irgendwann kein Mathe mehr". Tita bilanziert schließlich in maßvoller Lakonie: "Die haben jetzt eben Pech gehabt und wenn das Abi bei uns noch schwerer wird, dann haben wir eben Pech gehabt."

Verständnis für Frust

Ähnlich gesehen wird der Sachverhalt im Team Rheinland-Pfalz. Sie könnten die Frustration einiger durchaus verstehen, sagen die Schüler, man dürfe aber zwei Dinge nicht vergessen. Nämlich, erstens, zu unterscheiden zwischen der Aufgabe als solcher und ihrer Formulierung. Umständliche oder gar unverständliche Formulierungen seien zu kritisieren, schwere Aufgaben nicht unbedingt. Denn, zweitens, "es sollte bei Aufgaben im Abi auch Überraschungen geben, damit die belohnt werden, die nicht nur auswendig gelernt haben". So sagt es Franz, und Maximilian kommt vom Konkreten zum Grundsätzlichen, zur öffentlichen Rolle der Mathematik. Es ärgere ihn, sagt Maximilian, dass es in Deutschland "noch immer cool klingt, wenn man sagt: In Mathe war ich immer schlecht".

Die Folgefrage gerät ein wenig kompliziert und lautet, woher diese launige Distanzierungsfolklore denn komme, obwohl doch viele wüssten, dass die Mathematik elementar sei für alle Technologie und damit einen immer größeren Teil unseres Lebens? Maximilian wartet mehr aus Höflichkeit, als dass er wirklich überlegen müsste, dann sagt er, vielleicht hänge das auch mit der Kulturgeschichte zusammen, "wir waren ja immer das Land der Dichter und Denker und da denken die Leute in der Rückschau eben eher an Goethe als an Gauß".

Mathe als kreatives Fach

Sätze wie dieser nähren den begründeten Verdacht, dass sich die jungen Menschen hier im Raum in den meisten ihrer Leistungsparameter eher auf der sonnigen Seite der Normalverteilung befinden. Und diese seltene Gelegenheit sei genutzt, diese Menschen, denen Gauß näher ist als Goethe, nach der Schönheit der Mathematik zu befragen. Man könne sich bei Gefallen unendlich lange mit Problemstellungen befassen, sagt Cedric, es gebe da im guten Sinne kein Ende. Für solche Problemstellungen gelte oft, sagt Svenja, "dass es nur eine Lösung gibt, aber mehrere Wege dahin". Mathematik sei deswegen ein unheimlich kreatives Fach, sagt Franz. "Und obwohl die Mathematik so kreativ ist, ist sie gleichzeitig stringent und überprüfbar", sagt Maximilian. Das unterscheide sie, zum Beispiel, von der bildenden Kunst.

Es sei wichtig, zu zeigen, dass es Leute gebe, die Mathematik nicht nur können, sondern die sie auch mögen, sagt Norman Bitterlich. Er steht den Organisatoren der Bundesrunde vor und ist damit zuständig für alle Fragen, die einem bei so einer Olympiade noch in den Sinn kommen. Etwa, erstens: Wie hoch ist der Anteil der Mädchen? "Will ich gar nicht sagen", sagt Bitterlich, er hätte sich einen höheren Wert gewünscht als 36 von 197. Noch immer fehlt es an weiblichen Vorbildern und noch immer ist es in der Tendenz so, dass bei Begabungskonkurrenzen von Musik über Sprachen bis zu Mathe Jungen sich eher für letztere entscheiden und Mädchen eher dagegen.

Und etwa zweitens: Beschäftigen sich die Schüler hier mit mehr als Mathematik? Ja, sagt Bitterlich, man habe versucht, die schwierige Lage, in der sich die Stadt Chemnitz politisch befinde, zu vermitteln und auch die Herausforderung, die für die hiesige Universität und überhaupt die Gesellschaft vom rechten Rand ausgehe. Bitterlich sagt, seine Olympioniken würden "schon über den Tellerrand hinaus denken, die sind weltoffen". Und das hat ja auch Sinn, Mathematiker haben doch schon immer gerne mit Unbekannten gerechnet.

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