Massenkarambolage auf der A2 "Wie ein Blindflug"

Schlechte Sicht, hohes Tempo, geringer Abstand - auf der Autobahn A 2 rasen 259 Autos ineinander. Dutzende Insassen sind verletzt.

Von Christiane Langrock-Kögel

Es war die größte Massenkarambolage, die die Autobahnpolizei Braunschweig in ihrem Streckenbereich erlebt hat. Am frühen Sonntagabend sind auf der der als besonders unfallträchtig geltenden Autobahn A 2 zwischen Braunschweig und Peine auf rund 30 Kilometern 259 Autos in insgesamt 73 Auffahrunfälle geraten. 82 Menschen wurden dabei verletzt, darunter auch Kinder.

Etwa 340 Rettungskräfte waren im Einsatz. Sie versorgten in Zelten auf der gesperrten Autobahn A 2 die Verletzten und transportierten die beschädigten Fahrzeuge ab.

(Foto: Foto: Reuters)

Die zehn Schwerverletzten, die in Rettungshubschraubern von der Autobahn geholt werden mussten, waren am Montag außer Lebensgefahr. Für die Verletzten wurde eine Sammelstelle auf einem Parkplatz eingerichtet, von der aus sie in umliegende Krankenhäuser verteilt wurden. Notfallseelsorger betreuten die Reisenden, für die der Urlaub oder Wochenendausflug mit einem Schock endete.

"Das war ein Trümmerfeld, wie ich es noch nicht vorher gesehen habe", sagte der Einsatzleiter der Feuerwehr Braunschweig, Torge Malchau. "Wir hatten großes Glück, dass am Sonntag noch keine Lkws unterwegs waren." Möglicherweise hätte es dann auch Tote gegeben. Polizeifotos zeigen, dass auf der dreispurigen Autobahn teilweise mehr als zwölf Autos pro Spur ineinanderkrachten. Augenzeugen nennen als Ursache der Serienunfälle vor allem das Wetter. Eine Regenfront mit heftigen Niederschlägen behinderte den dichten Verkehr. Auf den Anzeigetafeln wurde die Geschwindigkeit auf 80 Kilometer pro Stunde beschränkt.

"Gleißendhelles Sonnenlicht"

Ein Fahrer, der unfallfrei nach Hause kam, berichtet, dass gegen 19 Uhr die genau in Fahrtrichtung untergehende Sonne plötzlich hinter einer dunklen Wolke aufgetaucht sei. Die Gischt der vorausfahrenden Autos habe "mit einem Schlag gleißend hell" aufgeleuchtet. Zusammen mit der Spiegelung des Sonnenlichts auf der regennassen Fahrbahn sei die Sicht "plötzlich von 500 auf null Meter" gesunken. Auch von Aquaplaning als Unfallursache war die Rede.

Am Montagmorgen sieht die Polizei, die jeden einzelnen Aufprall rekonstruiert und die Daten auswertet, die Dinge ein wenig anders. Der Leiter der Autobahnpolizei Braunschweig, Hubert Schwaninger, sagt, die Autofahrer hätten ihr Fahrverhalten unzureichend an die Wetterlage angepasst: In vielen Fällen seien sie mit zu hoher Geschwindigkeit unterwegs gewesen. Auch die Abstände zu den Vorausfahrenden seien viel zu gering gewesen.

Schlechte Sicht, geringer Abstand

Schlechte Sicht, hohes Tempo, geringer Abstand - das sind nach Angaben von Verkehrsexperten fast immer die Ursache für Massenkarambolagen. So auch im März 2005, als bei plötzlich aufkommendem Nebel auf der A 96 München-Lindau mindestens 100 Fahrzeuge ineinanderrasten. Bilanz: 25 Verletzte. Bei einem Unfall mit insgesamt 100 beteiligten Fahrzeugen auf der A 7 Fulda-Würzburg gab es im Jahr 2000 zwei Tote und 70 Verletzte. Ursache war auch in diesem Fall dichter Nebel und überhöhte Geschwindidkeit. Bei einem der folgenschwersten Massenunfälle auf deutschen Autobahnen starben 1990 auf der A 9 Berlin-Nürnberg elf Menschen: 200 Fahrzeuge rasten bei dichtem Nebel ineinander. Mehr als 70 Menschen wurden verletzt.

"Die A 2 hat als Ost-West-Achse ein sehr hohes Verkehrsaufkommen, aber solche Unfälle haben ein ganzes Bündel von Ursachen," sagt der Fachbereichsleiter Verkehr des ADAC Niedersachsen/Sachsen-Anhalt, Hermann Fedrowitz. "Nach unseren Informationen wirbelte Gischt auf, deshalb war es für die Fahrer bei tiefstehender Sonne wie ein Blindflug." Auf jeden Fall rät er dazu, in solchen Situationen auf der Autobahn den Fuß vom Gaspedal zu nehmen.

Überhöhte Geschwindigkeit

Leider verhalten sich die Menschen auf deutschen Autobahnen ganz anders, als sich ADAC und Polizei das vorstellen. Die Braunschweiger Autobahnpolizei beobachtet sonntagabends immer die gleiche Verkehrssituation, so auch kurz vor der Karambolage am Sonntag. Viele Langstreckenpendler aus dem Osten fahren ihren Jobs im Westen entgegen. Es herrscht dichtes Gedränge und dennoch bleiben die Geschwindigkeiten hoch - die Pendler kennen ihre Strecke und viele wollen schnell ans Ziel kommen. Zwischen Lehrte und Braunschweig, wo die meisten Unfälle passierten, gilt Tempo 120, offenbar waren viele Autofahrer weitaus schneller unterwegs.

Die Polizei geht davon aus, dass es in einigen Fällen zu Ermittlungen wegen fahrlässiger Körperverletzung kommt. Die Unfallberichte lassen Schlüsse über Abstände, Geschwindigkeiten und Unfallverursacher zu. Hubert Schwaninger rechnet damit, diese "Puzzlearbeit" in vier bis sechs Wochen abzuschließen. Drei Ermittler sitzen an der Aufklärung der Massenkarambolagen. Auf der dreispurigen A 2 setzt die niedersächsische Polizei seit Ende 2007 eine digitale Abstandsüberwachungstechnik ein. Die Beamten stellen dabei pro Stunde durchschnittlich 80 Verstöße fest.