Massenflucht nach Erdbeben Der Exodus von Port-au-Prince

Die Hilfsgüter erreichen Port-au-Prince, doch die Menschen verlassen die zerstörte Stadt. Die USA bereiten sich derweil auf einen Flüchtlingsansturm vor.

In diesen Tagen leert sich Port-au-Prince. Tausende Einwohner der vom Erdbeben verheerten Hauptstadt Haitis verlassen die Stadt. Per Bus, Boot, im Auto oder zu Fuß machen sich diejenigen, die davongekommen sind, auf, die zerstörte Stadt zu verlassen.

Haitianer in Port-au-Prince auf dem Weg aus dem Albtraum heraus: Der Exodus hat begonnen.

(Foto: Foto: dpa)

Raus aus der Hauptstadt, über der der Gestank der Verwesung wabert, wo sich Anarchie und Lynchjustiz ausbreiten zwischen den Trümmern, den Müllbergen und überlaufenden Kanälen.

Die Menschen flüchten aufs Land, in der Hoffnung dort Schutz und frisches Wasser zu finden. Manche haben schlichtweg Angst zu verhungern. Von den Hilfsgütern aus dem Ausland haben erst wenige etwas bekommen.

Am Hafen warteten Tausende auf einen Platz im Boot, um die Stadt verlassen zu können, schreibt die New York Times. Die Busse stünden in langen Reihen an den noch funktionstüchtigen Tankstellen - danach beginnen sie ihre lange Fahrt ins Landesinnere. Viele haben dort Verwandte, die etwas Landwirtschaft betrieben, so wie Livela Livel. "Wir haben nichts mehr zu essen und kein Dach mehr über dem Kopf. Wegzugehen ist die einzige Möglichkeit", sagt die 22-jährige Kleinhändlerin der Nachrichtenagentur AFP.

Livel tägt ihre einjährige Tochter Othmeline auf dem Arm. Die junge Mutter will zu ihrem Vater nach Les Cayes, vier Fahrstunden südwestlich von Port-au-Prince. "Dort können wir wenigstens Nahrung anbauen."

Andere Überlebende versuchen, Haiti über den Flughafen Port-au-Prince zu verlassen. Tausende US-Bürger - viele darunter mit haitianischen Wurzeln - warten auf einen Flug in den Norden, in die Vereinigten Staaten.

Sie haben gute Chancen: Der Airport wird von den Amerikanern kontrolliert, die sich zwischenzeitlich herbe Kritik gefallen lassen mussten: zu wenig Koordination, die USA seien primär daran interessiert, eigene Staatsangehörige herauszufliegen.

Die US-Regierung machte bereits deutlich, dass illegal aus Haiti einreisende Flüchtlinge auch abgeschoben werden. Washington verhängte zwar einen vorläufigen Abschiebestopp für Haitianer, die sich zum Zeitpunkt des Erdbebens am 12. Januar bereits in den USA aufhielten. Dieses Moratorium gilt aber nicht für Haitianer, die nach dem Beben die USA zu erreichen versuchen.

USA erhöhen Truppenstärke auf 12.000

Washington will dieTruppenstärke auf 12.000 erhöhen, außerdem sollen Tausende zusätzliche UN-Soldaten die Überlebenden vor Gewalt und Anarchie schützen.

Der Weltsicherheitsrat werde wohl noch am Dienstag über eine Aufstockung der Blauhelmtruppen entscheiden, erklärte der stellvertretende amerikanische UN-Botschafter Alejandro Wolff. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat weitere 2.000 Soldaten und 1.500 internationale Polizisten angefordert, um die Verteilung der Hilfsgüter in Haiti zu sichern. Ob dies die Fluchtwelle stoppt, wird zumindest in Washington bezweifelt.

Die USA bereiten sich auf einen Ansturm von Flüchtlingen vor. In einem Auffanglager für Einwanderer in Florida soll vorsorglich Platz für die Aufnahme von Überlebenden des Erdbebens geschaffen werden, teilte das Heimatschutzministerium mit. Dazu würden 250 bis 400 gegenwärtig in dem Lager festgehaltene Einwanderer in andere Einrichtungen verlegt.

Einige Flüchtlinge könnten gegebenenfalls auch auf den US-Militärstützpunkt Guantanamo auf Kuba gebracht werden. Sie würden aber getrennt von den im Gefangenenlager festgehaltenen Terrorverdächtigen untergebracht, versichert das Ministerium. Allerdings gebe es bislang keine konkreten Anzeichen für eine Massenflucht aus Haiti.

Verdoppelte Ticketpreise

Der Exodus findet vor Ort statt - es ist der große Auszug aus Port-au-Prince. Die New York Times zitiert Dieumetra Sainmerita, einen Mitarbeiter des Busbahnhofes, der von gestiegenen Ticketpreisen spricht und von verzweifelten Menschen, die alles verkauften, um sich eine Fahrkarte leisten zu können.

Die einfache Fahrt kostet sie jetzt mit umgerechnet 5,40 Euro doppelt so viel wie vorher. Die meisten Haitianer verdienen so viel in drei Tagen nicht. Busfahrer Saint-Julien sagt, er könne nicht anders, als den Preis anzuheben. "Es ist nicht meine Schuld! Kraftstoff ist doppelt so teuer geworden", sagt er einem Journalisten von AFP. Für eine Tankfüllung muss er jetzt umgerechnet 35 Euro hinlegen.

Die meisten Stadtflüchtlinge sagen, sie wollten später einmal zurück nach Port-au-Prince. Manche schicken auch nur ihre Kinder aufs Land und bleiben selbst zurück, um eine Bleibe zu finden und irgendwie wieder eine Lebensgrundlage zu schaffen.

Der Busbahnhof sei übervoll, so war es noch nie, erzählt Sainmetra. "Die Ersten, die herkamen, waren die, die ihre Häuser verloren haben, dann kamen die Leute, die ihre Verwandten verloren haben", sagt er.

"Nun sehe ich Menschen, die Angst haben - Angst vor Dieben, die ihnen in der Nacht das Verbliebene stehlen."

Im Video: Wyclef Jean bittet Haitianer um Geduld. Mit Tränen in den Augen appellierte der in den USA lebende Rapper an seine Landsleute. Zugleich wies Wyclef Jean Anschuldigungen, er habe sich mit seiner Hilfsorganisation Yele Haiti bereichert, zurück.

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