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Maskenpflicht:"Ich würde einen Gangsterrapper kontaktieren"

Maskenpflicht im Einzelhandel

Einige Bundesländer wollen die Maskenpflicht schon wieder lockern.

(Foto: Bernd Wüstneck/dpa)

Man brauche Vorbilder, die Masken tragen, sagt der Psychologie-Professor Claus-Christian Carbon, der zur Wirkung von Masken forscht - und eine kritische Masse an Trägern für nötig hält.

Interview von Oliver Klasen

Seit mehr als zehn Wochen gilt die Maskenpflicht jetzt in Deutschland, zum Teil wurde schon zuvor dazu geraten, ohne dass das Tragen in der Öffentlichkeit verpflichtend war. Eigentlich genug Zeit, um sich daran zu gewöhnen, könnte man denken. Doch noch immer gibt es Streit um die Maske. Wie man es mit der Maske und dem Maskentragen hält, das sagt viel über die Menschen aus, manchmal verrät es sogar, wo man politisch steht. Claus-Christian Carbon lehrt Psychologie an der Universität Bamberg und forscht zur Wirkung von Masken. Er erklärt, warum die Maske derzeit solch ein Streitthema in der Gesellschaft ist und warum eine kritische Masse an Maskenträgern nötig ist.

SZ: Herr Carbon, mal ehrlich, wie halten Sie es selbst mit der Maskenpflicht?

Claus-Christian Carbon: Ich habe schon in einer relativ frühen Phase der Pandemie Maske getragen. Ich wollte ein Zeichen setzen. Und ich habe es im Bekanntenkreis auf ein Gespräch ankommen lassen. Viele fragten mich: Fühlst du dich unsicher? Hast du Angst? Du bist doch sonst kein ängstlicher Mensch.

Sie wurden also sofort eingeordnet als jemand, der Angst hat?

Ja, ich kam unter Rechtfertigungsdruck. Ich musste mein Verhalten erklären. Und diese Beobachtung, die ich in meinem Alltag erlebte, habe ich dann in meine Forschung eingebracht.

Wie?

Wir haben mehrere Studien durchgeführt; eine zur sozialen Akzeptanz von Masken, das war noch vor Einführung der Maskenpflicht in Bayern am 27. April. Eine andere nach Einführung der Maskenpflicht, da ging es um das Erkennen von Emotionen. Bei der ersten Studie haben die Versuchspersonen immer ein Display von zwölf Gesichtern gesehen. Unterschiedlich viele von denen trugen eine Maske, mal alle zwölf, mal sechs, mal nur zwei, mal keiner. Die Frage war stets: Fühlen Sie sich wohl dabei, selbst eine Maske zu tragen?

Was haben Sie herausgefunden?

Wir konnten den Effekt quantifizieren, von dem an die Menschen das Maskentragen als sozial angemessen betrachten, oder anders gesagt: von dem an die Menschen sich nicht mehr strange fühlen, wenn sie eine Maske tragen.

Claus-Christian Carbon

Claus-Christian Carbon, 49, ist Psychologie-Professor an der Universität Bamberg und beschäftigt sich vor allem mit Ästhetik sowie Wahrnehmungs- und Gedächtnispsychologie. Auch die Corona-Krise ist Gegenstand seiner Forschung.

(Foto: privat)

Das heißt, man braucht eine kritische Masse an Maskenträgerinnen und Maskenträgern?

Genau. Man kann das auch an anderen Beispielen sehen: Die Skihelme, die sich irgendwann durchgesetzt haben. Oder in den 70er-Jahren, die Sicherheitsgurte in den Autos. Oder das Rauchen. Wenn wir heute französische Filme sehen mit Romy Schneider und Michel Piccoli, in denen ständig geraucht wurde, dann empfinden wir das heute als ungewohnt, vielleicht sogar als seltsam.

All diese Dinge brauchten Jahre.

Richtig. Aber in der Corona-Krise sehen wir schon jetzt einen Effekt. Bei Fernsehshows zum Beispiel, die vor Beginn der Pandemie aufgezeichnet und erst später ausgestrahlt wurden, da befremdete uns die unbefangene Nähe, mit der die Menschen sich dort bewegen. Natürlich werden wir keine Masken mehr tragen, wenn die Krise vorbei ist. Aber unser Hygieneverhalten wird sich ändern. Das haben wir verinnerlicht. Das ist akzeptiert. Für die meisten Menschen ist es wichtig, dass ihr Verhalten von den anderen nicht als merkwürdig betrachtet wird. Sie wollen sich nicht fühlen wie, oddballs nennen wir das in der Psychologie, Außenseiter also. Was merkwürdig und was sozial angemessen ist, hat sich in der Corona-Krise sehr schnell geändert. Oft dauert es länger. Tragen Sie zum Beispiel manchmal einen Hut?

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Nein. Höchstens mal eine Mütze, aber auch das nur selten.

Und können Sie das beschreiben? Warum tragen Sie keinen Hut?

Einerseits steht mir das nicht. Andererseits assoziiere ich einen Hut mit einem alten Mann. Und als 40-Jähriger, der ich bin, versucht man, jünger auszusehen.

Sehen Sie. In unserer Kultur sieht man keine jungen Männer mehr, die Hüte tragen, obwohl ein Hut irre praktisch ist, sehr gut vor Sonne schützt und die Kopfhaut damit viel natürlicher schwitzen kann als mit einer Mütze. Es hat also nicht mit den realen Eigenschaften eines Hutes zu tun, sondern mit der Sichtbarkeit von Hüten in der Öffentlichkeit. Wenn Sie als Student vor 80 Jahren in meine Sprechstunde gekommen wären, hätte ich sie gefragt, ob Sie ihren Hut vergessen haben, wenn sie keinen aufgehabt hätten. So wie man früher zum Anzug eben stets Lederschuhe trug. Erinnern Sie sich noch an Joschka Fischer und die Turnschuhe?

Ja. 1985 in Hessen bei seiner Vereidigung zum Minister.

Damit könnte heute niemand mehr ein Statement setzen. Genauso wenig mit dem Stoppelbart. Vor 40 Jahren mussten Sie sich dafür entschuldigen, heute ist das clean shaving unter Umständen eher erklärungsbedürftig.

Nun ist die Maske in Corona-Zeiten mehr als eine bloße Mode. Es ist ein politisches Thema. Wie man zur Maske und zu den Kontaktbeschränkungen steht, sagt viel darüber aus, wie man politisch denkt. Erst recht in den USA.

Ja, dort gilt es in manchen Bundesstaaten als unpatriotisch oder unmännlich, eine Maske zu tragen. Das ist natürlich fatal. Wenn ich politischer Berater in den USA wäre, würde ich versuchen, dem nicht durch Argumente über die Sinnhaftigkeit von Masken entgegenzutreten, sondern anders. Ich würde zum Beispiel einen Gangsterrapper kontaktieren.

Einen Gangsterrapper?

Ja. Man braucht role models, die Masken tragen. Coole Typen, zu denen die Menschen aufsehen. Gewissermaßen Masken-Influencer. Genauso wichtig ist es, dass Politiker die Masken in der Öffentlichkeit tragen. Sie sollten sie aufhaben, wenn sie in den Sitzungssaal gehen und die Kameras sie filmen, und sie sollten sie erst ablegen, wenn sie am Platz sind.

In dem Sinne ist es hilfreich, dass sich Angela Merkel das erste Mal mit Maske gezeigt hat.

Ja. Wir lernen über das Visuelle. Je mehr Masken wir sehen, desto mehr wird es zur Standardprozedur. Wichtig sind klare und einfach zu verstehende Regeln, in welchen Situationen die Maske zu tragen ist. Wenn wir die zu stark aufweichen, nehmen die Menschen die Maskenpflicht nicht mehr ernst. Dann gehen sie den Weg des kleinsten Widerstandes.

Okay, angenommen, die Zweifler haben den Widerstand gegen das Maskentragen aufgegeben. Wie lösen wir das Problem, dass wir das Gesicht und damit die Emotionen unseres Gegenübers nicht sehen?

Das ist genau die Frage, die in unserer Studie zur Erkennung von Emotionen steckte. Wir haben 36 Menschen Gesichter mit sechs verschiedenen emotionalen Zuständen gezeigt, mit Maske und ohne. Ungünstig war nicht nur, dass die Menschen die Emotionen hinter der Maske nicht einschätzen konnten. Es kam auch zu charakteristischen Verwechslungen. Ein angeekelter Gesichtsausdruck wurde mit Wut verwechselt. Das können wir abmildern, indem wir uns nicht allein auf das Gesicht verlassen, um Emotionen zu transportieren. Wir können Gesten einsetzen. Oder unseren Humor. Wir können in die Offensive gehen und gezielt einen Witz darüber machen, dass der oder die andere uns missverstanden hat. Wir sind da ja alle in der gleichen misslichen Lage, und wir werden hoffentlich auch alle gemeinsam wieder aus dieser Lage herauskommen.

© SZ/ick
Maskenpflicht in einem Geschäft in Stralsund

Meinung
Maskenpflicht-Debatte
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Kommentar von Stefan Braun, Berlin

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