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Masernausbruch in Berlin:An den Masern sterben weltweit täglich 400 Menschen, sagt die WHO

Johannes Schäfer, der aus Rücksicht auf seine Kinder seinen richtigen Namen nicht nennen will, holt kopfschüttelnd einen Artikel hervor, der mal an der Schule herumging. Er trägt den Titel "Masern heute", darin wird der Philosoph und Naturwissenschaftler Rudolf Steiner zitiert: Das hohe Fieber der Masern sei "wie ein Eisen, das man im Feuer schmieden will", das Kind mache damit einen "Entwicklungsschritt" durch. "Beispielsweise hat ein Kind beim Malen nur gekritzelt. Nach der Krankheit malte es einen Menschen." In der Impfdebatte treffen Ansichten aus dem 19. Jahrhundert offenbar den Nerv der nach Optimierung strebenden Mittelschicht. Eine Infektionskrankheit wird in dieser Logik zu einer Station im Lebenslauf.

Die Verharmlosung der Masern, an denen nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation weltweit jeden Tag 400 Menschen sterben, ist unter Eltern weit verbreitet. Spaziergang im Monbijoupark in Berlin-Mitte. Felix L., 36, Unternehmer, verheiratet mit einer Künstlerin, schiebt sein Kind im Bugaboo-Kinderwagen zum Spielplatz. Hier haben die Eltern entweder so viel zu tun, dass sie mit einer Hand ihr Kind schaukeln und mit der anderen ein iPhone 6 ans Ohr halten. Oder sie haben Zeit und Muße, Sandförmchen mit den Namen ihrer Kinder zu beschriften: Pauline, Dora-Sophie.

Felix L., rundes Gesicht, Trenchcoat, spricht reflektiert, man merkt, dass er sich Gedanken macht. Er habe nichts mit Esoterik am Hut, sagt er. Aber Krankheiten könnten vielleicht "eine Chance" sein, um "im Leben zu stehen", "Entscheidungskraft" zu bekommen. Er fragt sich, was aus einer Generation werde, die gar keine Krankheiten durchmachen muss. "Vielleicht sind wir dadurch später antriebsschwach." Er habe selbst die Masern gehabt, und "bei Krankheiten, die nicht tödlich sind, sagt man dann, man leistet sich das."

Gut Gebildete denken, sie wüssten selbst Bescheid

Sein Kind geht in eine internationale Kita, wächst dreisprachig auf, L. geht mit ihm regelmäßig zum Kinderarzt. An seinen ersten Besuch erinnert er sich gut. Eine Praxis mit Holzspielzeug und viel Homöopathie. Als es um das Impfen ging, bekam er ein Buch mit Argumenten dafür und dagegen. "Aus dem Bauch heraus" habe er seinen Sohn gegen Tetanus und Polio impfen lassen, aber nicht gegen Masern, Mumps und Röteln. Überlegt, ob er damit vielleicht anderen schade, habe er damals nicht. Für ihn sei das eine Sache "zwischen Vater, Mutter und Kind" gewesen.

Warum denken gerade gut Gebildete so? Anruf bei Cornelia Betsch, Psychologin in Erfurt. Sie hat über die Beweggründe von Impfskeptikern geforscht. Zu dem Thema kam sie, als sie selbst Mutter wurde und alle rundherum über das Impfen stritten. Betsch sagt, gerade die gut Gebildeten würden sich so lange informieren, bis sie glaubten, sie wüssten selbst am besten Bescheid. Dazu komme, dass man bestimmte Krankheiten heute nicht mehr kennt, dafür aber viele Geschichten über Impfschäden kursieren. "Dann denkt man schnell, wozu brauche ich das?"

Ein Schulverbot für ungeimpfte Kinder? Auch dagegen kann man klagen

Fragen, die sich auch Johannes Schäfer vor etlichen Jahren stellte. In Berlin grassierten die Masern, ungeimpfte Kinder durften nicht zur Schule, wochenlang. Schäfer zieht das Protokoll eines Elternabends von damals hervor. Jemand schlug vor, es sollten die zu Hause bleiben, die Angst vor einer Ansteckung haben. Ein Jurist bot an, gegen das Schulverbot zu klagen. Als das Thema Impfen aufkam, sagte ein Vater, die Wirkung der Impfung sei doch gar nicht erwiesen. "Kopfnicken der Eltern", heißt es im Protokoll.

Schäfer zog schließlich vor das Familiengericht, um klären zu lassen, welcher Elternteil für die Masernimpfung zuständig ist. Er argumentierte mit dem Kindeswohl und den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission. Die Richter schlossen sich dem an. "Zermürbend" sei das gewesen, sagt Schäfer, nicht zuletzt für die Kinder, die zwischen den Eltern hin- und hergerissen waren.

Über die Mutter will Schäfer nicht viel sagen. Aus den Akten ergibt sich das Bild einer Frau, die ein Impfen nach Impfplan ablehnt, weil das einen "erheblichen Eingriff" in die Gesundheit des Kindes darstelle. Sie machte aber mehrmals Angebote, sich außergerichtlich zu einigen, und wird als gute Mutter beschrieben. Die, wie der Vater, nur das Beste für ihre Kinder wolle.

Appell an soziale Motive kann helfen

Psychologin Cornelia Betsch glaubt, dass es andere Wege gibt als Gerichte oder die viel diskutierte Impfpflicht, um Leute zu überzeugen - Aufklärung etwa. Impfskepsis stehe in direktem Zusammenhang mit den Informationen, die man über das Impfen einhole. Oder der Appell an soziale Motive. Einer Studie zufolge lasse sich ein Teil der Impfgegner umstimmen, wenn es um ein höheres Ziel wie Elimination der Masern gehe.

So auch Felix L., der seinem Kind im Monbijoupark jetzt einen Ball zuwirft. Er hat es inzwischen gegen die Masern impfen lassen, weil Impfentscheidungen "über die Familie hinaus" gehen. Und selbst die Geschichte der Schäfers hatte ein versöhnliches Ende. Obwohl die Mutter dem Vater vor Gericht unterlegen war, brachte sie die Kinder mit ihm gemeinsam zum Impfen.

© SZ vom 12.03.2015/cmy
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