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Maschine der Air France:Führte falsches Tempo zum Absturz?

Plötzlich wirkten ungeheure Kräfte: Starke Winde könnten die Geschwindigkeit der Airbus-Maschine kurz vor dem Absturz drastisch verringert haben.

Jens Flottau

Drei Tage nach dem Absturz des Air France-Fluges 447 vor der brasilianischen Atlantikküste mehren sich die Anzeichen dafür, dass ein verheerender Gewittersturm der entscheidende Auslöser für den Unfall gewesen sein könnte. Der Airbus A330-200 ist in der Folge möglicherweise in großer Höhe auseinandergebrochen. Eine Bombenexplosion oder Blitzschlag gelten als Ursache als extrem unwahrscheinlich.

Kerosinspur im Atlantik: Eine Bombenexplosion halten Experten inzwischen für extrem unwahrscheinlich.

(Foto: Foto: AP)

Die brasilianische Luftwaffe hat erste Wrackteile des Airbus gesichtet. Die französische Kommission BEA bestätigte zudem den Inhalt automatischer Warnmeldungen, die das Flugzeug unmittelbar vor dem Absturz abgesetzt hat. Daraus ergibt sich eine Indizienkette, die den Ablauf erahnen lässt.

Und so könnte sich die Tragödie abgespielt haben: Die Besatzung verschickt die letzte manuelle Meldung gegen 23 Uhr. Die Piloten teilen mit, dass die Maschine in eine Zone mit schwarzen, elektrisch aufgeladenen Wolken geraten war. Zehn Minuten später schalten sie den Autopiloten aus, um das Flugzeug selbst zu steuern.

Zeitgleich löst der Bordcomputer automatische Meldungen aus, die Defekte in mehreren Systemen betrafen, darunter die computergesteuerte Stabilisierung des Flugzeuges, die Turbulenzen abfedern soll. Spätestens ab diesem Zeitpunkt müssen extreme Erschütterungen Passagiere und Flugzeug gebeutelt haben. Etwa eine Minute später fallen die wichtigsten Anzeigen im Cockpit aus, die Piloten haben abgesehen von einem manuellen Kompass und einem batteriebetriebenen Geschwindigkeitsmesser keine Informationen mehr, im nächtlichen Sturm ist es auch nicht möglich, sich durch einen Blick nach draußen zu orientieren. Gegen 23.14 Uhr ist der Kabinendruck stark abgefallen, die Stromversorgung zusammengebrochen - womöglich bricht das Flugzeug genau in diesem Moment auseinander.

Wenn der Rumpf den Lasten nicht standhalten kann

Der Meteorologe Tim Vasquez hat ausgerechnet, dass der Airbus auf einer Strecke von rund 75 nautischen Meilen (etwa 125 Kilometer) Böen von bis zu 170 Stundenkilometern ausgesetzt war. Das entspricht einer Flugzeit von etwa zwölf Minuten. Dennoch ist es eher unwahrscheinlich, dass diese Turbulenzen direkt dazu geführt haben, dass das Flugzeug auseinanderbricht. "Tropische Stürme wie dieser sind über die Jahre vermutlich Hunderte Male ohne ernsten Zwischenfall durchflogen worden", so Vasquez.

Plausibler erscheint die Theorie, dass die starken Winde die Geschwindigkeit des Flugzeuges unvermittelt drastisch verändert haben. Dies ist in großer Höhe wegen der geringen Luftdichte gefährlich. Unterschreitet eine Maschine das erforderliche Tempo, das oft nur wenige Stundenkilometer unter der normalen Reisegeschwindigkeit liegt, kann die Strömung über den Tragflächen abreißen und das Flugzeug den nötigen Auftrieb verlieren: Der Jet gerät außer Kontrolle, die Piloten sind nicht mehr imstande, die Fluglage zu stabilisieren. Plötzlich wirken Kräfte, die weit jenseits der Stärke jeder Sturmböe liegen; irgendwann kann der Rumpf den Lasten nicht mehr standhalten. Airbus soll am Donnerstag seine Kunden darauf hingewiesen haben, dass die korrekte Geschwindigkeit bei schlechtem Wetter unbedingt einzuhalten ist.

Auch die ersten entdeckten Reste der verunglückten Maschine deuten darauf hin, dass der Airbus in großer Höhe auseinandergebrochen ist: Trümmerteile wurden auf einer Strecke von rund 100 Kilometern entdeckt. Auch ein 20 Kilometer langer Ölteppich trieb auf der Meeresoberfläche - der Jet ist also nicht explodiert. Alleine die ungeheuer starken Kräfte, die auf Flugzeug und die 228 Insassen wirkten, machen es unwahrscheinlich, dass noch sterbliche Überreste von Passagieren und Besatzung gefunden werden.

Der Air-France-Airbus wäre nicht das erste Flugzeug, das in einem solchen Szenario verunglückt ist. 2006 geriet eine Tupolew TU-154 der russischen Fluggesellschaft Vnukovo unter vergleichbaren Bedingungen außer Kontrolle. Im Jahr 1963 ereilte eine Boeing 720 der amerikanischen Northwest Orient (heute Delta Air Lines) das gleiche Schicksal.

Tragisch ist, dass Flug 447 die Sturmfront weitgehend durchflogen hatte, als die Katastrophe ihren Lauf nahm. Eine Boeing 747 der Lufthansa sowie ein Airbus A340 der Fluggesellschaft Iberia, die eine knappe halbe Stunde zuvor respektive zehn Minuten nach der Air France die Region durchflogen, hatten keine größeren Probleme, durch das Sturmgebiet zu kommen. Sie mussten allerdings mehrfach Gewitterzellen ausweichen.

© SZ vom 05.06.2009/hai
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