Süddeutsche Zeitung

Entführte Bankiersfrau:Mordfall Maria Bögerl: Die Ermittler geben auf

Vor 13 Jahren wird Maria Bögerl aus ihrem Haus in Heidenheim entführt. Wochen später findet ein Spaziergänger ihre Leiche. Die Ermittler werten über 10 000 Spuren aus - vergeblich. Nun wird das Verfahren in einem der bekanntesten Mordfälle Deutschlands eingestellt.

Die Ermittlungen im Fall der entführten und ermordeten Bankiersfrau Maria Bögerl aus Heidenheim in Baden-Württemberg sind eingestellt worden. Nach 13 Jahren "intensivster gemeinsamer Ermittlungsarbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft und der Auswertung von über 10 000 Spuren" habe kein Täter ermittelt werden könnten, teilten Polizeipräsidium Ulm und Staatsanwaltschaft Ellwangen am Montag mit.

Maria Bögerl, die Ehefrau des damaligen Heidenheimer Sparkassenchefs, war am 12. Mai 2010 aus ihrem Wohnhaus in Heidenheim entführt worden. Am selben Tag habe ihr Mann einen Anruf eines Unbekannten erhalten, der 300 000 Euro Lösegeld forderte - die Übergabe scheiterte jedoch. Am 3. Juni 2010 entdeckte ein Spaziergänger die Leiche von Maria Bögerl an einem Waldrand wenige Kilometer vom Haus der Bögerls entfernt.

Mann von Maria Bögerl nahm sich das Leben - Kinder kritisieren Arbeit der Ermittler

Ehemann Thomas Bögerl wurde Opfer von offensichtlich grundlosen Spekulationen, er sei in die Tat verwickelt gewesen. Er nahm sich im Juli 2011 das Leben. Auch die beiden Kinder gerieten ins Visier der Ermittler, ebenfalls ohne Ergebnis. Sie werfen der Polizei angesichts ihres Martyriums bis heute schwere Fehler vor: gescheiterte Geldübergabe, mangelhafte Spurensicherung, die Unfähigkeit, auch nur die Leiche ihrer Mutter zu finden.

In einem Interview mit zeitenspiegel.de kritisierten Maria Bögerls Kinder Christoph und Carina 2012, ihr Vater habe sich allein um die Beschaffung des Lösegeldes kümmern müssen: "Wir haben den Soko-Chef in einem späteren Gespräch so verstanden: Wenn ein Bankdirektor das nicht könne, wer dann?" Weil ihm die Polizei nicht geholfen habe, sei der Ehemann zu spät zum Übergabeort gekommen. Das Geld wurde nie abgeholt.

Spurensicherung beginnt erst zwölf Stunden nach der Entführung

Zudem hätten die Ermittler erst zwölf Stunden nach der Entführung damit begonnen, Spuren im Haus der Bögerls zu sichern. Die Garage, in der das Auto stand, in dem Maria Bögerl entführt wurde, sei trotz wiederholten Drängens der Familie erst vier Monate nach der Tat inspiziert worden.

Auch bei der Suche nach der Entführten lief offenbar nicht alles nach Plan. In dem Waldstück, in dem die Leiche später von einem Spaziergänger entdeckt wurde, hatten die Beamten zuvor bei einem groß angelegten Sucheinsatz nichts gefunden.

Im Juli 2016 kamen die Ermittler zudem einem Mann auf die Spur, der in Hagen, Westfalen, schwer alkoholisiert auf der Straße zwei Männer auf den Fall angesprochen und sich mit dem Mord an Maria Bögerl gebrüstet hatte. Die beiden Männer halfen der Polizei, ein Phantombild anzufertigen, stellten auch eine Aufzeichnung des Gesprächs zur Verfügung, die sie mit ihrem Smartphone gemacht hatten. Die Polizei benötigte ein Jahr und eine öffentliche Fahndung, um den Mann schließlich zu finden. Dabei hatte er seine Heimat eindeutig identifiziert: "Ich komm vom Ochsenberg", habe er gesagt, einem Ortsteil von Königsbronn, zehn Kilometer von Heidenheim entfernt. Ein DNA-Abgleich mit Spuren, die aus dem Auto von Maria Bögerl stammen, ergab allerdings keine Übereinstimmung.

Ermittlungsverfahren wird vorläufig eingestellt

Nun also, 13 Jahre nach dem Tod von Maria Bögerl, werde das Ermittlungsverfahren eingestellt, wie es in der Pressemitteilung heißt, da aktuell keine weiteren Ermittlungsansätze vorlägen. Der Fall werde jedoch weiter beim Polizeipräsidium Ulm geführt, um alle notwendigen Detailkenntnisse zum Sachverhalt in erfahrener Hand zu belassen.

Da der Vorwurf des Mordes nicht verjährt, kann das Verfahren bei neuen Ermittlungsansätzen jederzeit wieder aufgenommen werden. Den Ermittlungsbehörden liegt weiterhin eine eindeutig einem männlichen Täter zuzuordnende DNA-Spur vor.

Chronologie des Mordfalls Maria Bögerl

12. Mai 2010: Maria Bögerl, 54, zweifache Mutter und Frau eines Sparkassen-Chefs, wird aus ihrem Haus in Heidenheim entführt. Ihr Mann hinterlegt 300 000 Euro Lösegeld an der Autobahn 7. Die Polizei spricht später jedoch von einer Panne: Das Geld habe nicht rechtzeitig an der vereinbarten Stelle abgelegt werden können.

13. Mai 2010: Das Geld wird nicht abgeholt, der Kontakt zum Entführer bricht ab. Von der Frau fehlt jede Spur.

14. Mai 2010: Maria Bögerls Handy wird gefunden. Ihr Auto entdeckt die Polizei nach Hinweisen im Hof des Klosters Neresheim, etwa 20 Kilometer von Heidenheim entfernt.

16. Mai 2010: Ein zunächst verdächtigter Mann wird kurz nach seiner Festnahme wieder freigelassen.

18. Mai 2010: Die Belohnung für Hinweise zur Aufklärung des Falls wird auf 100 000 Euro verdoppelt. Die Soko "Flagge" wird gebildet.

19. Mai 2010: Mit einem verzweifelten Appell wendet sich die Familie in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" an die Täter.

3. Juni 2010: Ein Spaziergänger entdeckt die Leiche von Maria Bögerl an einem Waldrand wenige Kilometer vom Haus der Bögerls entfernt.

24. Juni 2010: Die Polizei sucht nun auch mit Speichelproben nach dem Täter.

11. Juli 2011: Bögerls Ehemann tötet sich selbst.

14. Juli 2011: Die Kinder der Bögerls kritisieren öffentlich die Polizei.

5. September 2012: Die Polizei wendet sich über "Aktenzeichen XY... ungelöst" erneut an die Bevölkerung. Daraufhin führt ein Mann die Polizei monatelang mit falschen Hinweisen in die Irre. Dafür kassiert er zunächst mehrere Tausend Euro Belohnung - und schließlich zwei Jahre Haft auf Bewährung.

Februar und August 2014: In Neresheim (Ostalbkreis) und Giengen an der Brenz (Kreis Heidenheim) beteiligten sich Tausende Männer an einem DNA-Massentest. Im Auto von Bögerl hatte die Polizei DNA-Spuren entdeckt, mutmaßlich von den Entführern.

November 2015: Die Ermittler werten mit einer neuen Software 600 000 alte Datensätze aus - darunter vor allem Handy-Verbindungsdaten aus dem Tatzeitraum.

April 2016: Die Polizei geht noch einmal 150 neuen Ermittlungsansätzen nach.

5. April 2017: Die Ermittler suchen nach einem Verdächtigen; der Mann ist in Nordrhein-Westfalen gesehen worden. Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" berichtet erneut über den Fall.

6. April 2017: Das Bundeskriminalamt gibt bekannt, dass ein Verdächtiger festgenommen worden sei. Die DNA-Probe bei dem Mann ist negativ.

Januar 2020: Die Polizei durchsucht in Bayern und Baden-Württemberg Wohnungen von drei Beschuldigten. Der Tatverdacht erhärtet sich aber nicht.

Mai 2020: Zum zehnten Jahrestag von Bögerls Tod geht eine Reihe neuer Hinweise ein - sie bringen die Polizei aber nicht weiter.

14. August 2023: Das Ermittlungsverfahren wird vorerst eingestellt.

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