Großbritannien:Teurer wohnen mit Friedrich Engels

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Blick auf das neue Hochhausviertel am Deansgate Square, wo das Apartment „The Engels“ zu finden ist. In den 1840er-Jahren befand sich ganz in der Nähe ein Slum, über den Engels schrieb, er enthalte „die scheußlichsten Wohnungen“. (Foto: Imago/Cavan Images)

290 Quadratmeter, drei Millionen Euro: In Manchester steht ein Luxus-Penthouse zum Verkauf, das nach dem Mitbegründer des Kommunismus benannt ist. Absurd? Nur auf den ersten Blick.

Von Alexander Menden

In Manchester ist baulich viel passiert in der jüngeren Vergangenheit. Zwischen den Backstein-Repräsentationsbauten, die der industrielle Reichtum der Stadt im 19. Jahrhundert bescherte, sind immer mehr Glas- und Stahlgebäude in den Himmel gewachsen, allen voran der 169 Meter hohe Beetham Tower, in dem Cristiano Ronaldo einst eine ganze Etage bewohnte. Im vergangenen Jahr erst wurden am Ufer des Flusses Irwell die Aviva Studios eröffnet, ein Kultur- und Veranstaltungszentrum (Baukosten umgerechnet rund 216 Millionen Euro), das sich unmittelbar an das im Süden gelegene Industriemuseum anschließt, zu dem ein Durchbruch geschaffen wurde und mit dem es nun einen riesigen Kulturkomplex mitten in der Stadt bildet.

Wenn man nur dieses frisch sanierte Manchester kennt, sind die geradezu unmenschlichen Verhältnisse noch unvorstellbarer, derer der Barmener Fabrikantensohn Friedrich Engels ansichtig wurde, als er zu Beginn 1840er-Jahre nach Manchester reiste. Sein Vater betrieb dort eine Fabrik. In den Arbeitersiedlungen am Fluss Irk, schrieb Engels in seiner Schrift „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“, komme man „in einen Schmutz und eine ekelhafte Unsauberkeit, die ihres Gleichen nicht hat – namentlich in den Höfen die nach dem Irk hinführen, und die unbedingt die scheußlichsten Wohnungen enthalten, welche mir bis jetzt vorgekommen sind“. Diese Lebensbedingungen der Arbeiterinnen und Arbeiter, die in den Baumwollspinnereien der Stadt beschäftigt waren, waren das Ergebnis von Landflucht und Industrialisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Das Wort „Manchesterkapitalismus“ ist bis heute Inbegriff hemmungsloser Ausbeutung.

Friedrich Engels wurde bekanntlich gemeinsam mit seinem Freund Karl Marx zum Begründer des historischen Materialismus und des Marxismus. Sein Name steht in der öffentlichen Wahrnehmung für vieles, aber nicht für baulichen Luxus. Das hat das britische Bauunternehmen Renaker nicht davon abgehalten, ein Luxus-Penthouse-Apartment in Manchester nach ihm zu benennen. „The Engels“ liegt im sogenannten East Tower am Deansgate Square, wo gerade ein neues, „New Jackson“ genanntes Hochhausviertel entsteht. Nach Angaben des Bauträgers verfügt das 290 Quadratmeter große Apartment über drei Schlafzimmer mit eigenem Bad, einen Home-Office- sowie einen offenen Wohnbereich. In Werbematerialien wurde der Wert von „The Engels“ mit 2,5 Millionen Pfund angegeben, das sind umgerechnet knapp drei Millionen Euro.

Deansgate war früher eines der Slumgebiete, über die Engels in seinem Traktat schrieb. Er selbst wohnte nicht weit vom Standort der Luxusimmobilie entfernt, die jetzt seinen Namen trägt. Die Wohnverhältnisse sind nirgends in der Stadt mehr so schlimm wie damals. Doch Manchester leidet unter stark gestiegenen Mieten und einem erheblichen Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Es gibt derzeit mehr als 15 000 Anträge auf eine Sozialwohnung.

Der Prototyp des Champagnersozialisten

Manchester tat sich lange schwer mit seinem Erbe der historischen Verbindung zu einem der Begründer des Kommunismus. Doch mittlerweile steht am Tony Wilson Place sogar eine überlebensgroße Engels-Statue, die aus alten ukrainischen Sowjetbeständen stammt und seit 2017 vor dem Theater „Home“ zwischen Restaurants und Bars aufragt.

„The Engels“ sei nur ein weiteres Beispiel dafür, dass Manchester sehr gut darin geworden sei, „politisch radikale Elemente seiner Geschichte in eine Marke zu verwandeln“, zitiert der Guardian Isaac Rose von der Mietervereinigung „Greater Manchester Tenants Union“. Friedrich Engels sei „absichtlich aus der Existenz der Bourgeoisie geflohen, um unter Arbeitern zu leben“, so Rose, „aber vielleicht hätte er es letztendlich amüsant gefunden, dass alles so verrückt geworden ist, dass man Penthäuser nach ihm benennt“.

In gewisser Weise steht „The Engels“ aber durchaus symbolisch für das faszinierende Paradox der gesamten Existenz des Fabrikantensprösslings aus dem Bergischen Land. Denn Friedrich Engels profitierte ja zeitlebens von dem Elend, das er systemisch zu bekämpfen versuchte. Auch nach seinem Austritt aus der Firma Ermen & Engels im Juli 1869 lebten er und die finanziell von ihm Abhängigen, einschließlich Karl Marx, vor allem von den Zinsen des Anteils am Familienunternehmen, den er sich hatte auszahlen lassen. Man kann ihn also als Sozialrevolutionär betrachten, der den Kapitalismus gleichsam von innen heraus attackierte, mit der gleichen Berechtigung aber auch als Prototyp des Champagnersozialisten, der aus vollkommener wirtschaftlicher Absicherung heraus agieren und agitieren konnte.

Dean Kirby, ein in Manchester ansässiger Journalist und Historiker, der Engels’ Besuche in den innerstädtischen Slums für seine Doktorarbeit untersuchte, sagte der BBC, Engels sei eben „ein Mann der Widersprüche“ gewesen. „Wenn er heute leben würde“, so Kirby, „hätte er vielleicht den Lebensstil im Luxus-Hochhaus genossen und gleichzeitig über die Existenznöte geschrieben, die es in britischen Städten wie Manchester noch immer gibt.“

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