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Malmö: Anschläge auf Migranten:Schuss ins Herz

"Selbst zu Hause kann man sich nicht mehr sicher fühlen." Im südschwedischen Malmö schießt ein Heckenschütze immer wieder auf Migranten. Die Polizei agiert hilflos. Jetzt jagen ihn auch kriminelle Banden.

Wäre der Blumentopf nicht gewesen, die Kugel hätte tödlich sein können. "Hier ist sie abgeprallt" sagt Bejzat Becirov. Der Vorsitzende des Islamic Center in Malmö zeigt auf eine Schramme am wuchtigen Tongefäß, im Fenster dahinter ist noch das daumendicke Einschussloch zu sehen. Am Schreibtisch vor dem Fenster saß am 31. Dezember 2009 ein Mitarbeiter der Moschee und verschickte Neujahrsgrüße, als der Schuss fiel. Er verfehlte den Kopf des Mannes nur knapp und traf einen Schrank. In der Dunkelheit des Silvesterabends floh der Attentäter dann über die Wiese hinter der Moschee.

Einschusslöcher in einer Moschee in Malmö: Die Kugeln des Heckenschützen verfehlten die Zielperson nur knapp.

Bis heute ist er auf freiem Fuß. Und er hat immer wieder zugeschlagen: Etwa 15 Mal innerhalb eines Jahres, schätzt die Polizei. Acht Menschen soll er verletzt, eine Frau getötet haben. In allen Fällen feuerte der Unbekannte auf dunkelhäutige Personen. Warum, das kann keiner sagen. Viele vermuten Fremdenhass oder Rassismus als Motiv. In Malmö, der schwedischen Stadt mit der höchsten Ausländerquote, ist fast jeder dritte Bürger ein Einwanderer. Und diese Stadt im malerischen Schonen befindet sich mehr und mehr im Würgegriff des Gefühls, dass es jeden treffen könnte, der nicht "schwedisch" aussieht. Die Opfer, soviel glaubt man zu wissen, haben nichts miteinander zu tun, der Heckenschütze nahm sie offenbar wahllos ins Visier. Er schoss auf offener Straße, an Bushaltestellen, durch die Fenster von Läden, Büros, Wohnungen.

An diesem Vormittag ist von der Bedrohung nichts zu spüren. Die Sonne scheint, auf der Wiese hinter der Moschee spielen Schüler der muslimischen Schule Fußball. "Natürlich haben die Leute Angst", sagt Becirov. Und noch ist es hell, und der Heckenschütze kommt immer im Dunkeln. Becirov erzählt von Bekannten, die zur Nachtschicht jetzt lieber ein Taxi nehmen als das Fahrrad. "Ich kenne sogar Leute, die das Licht dimmen und die Gardinen zuziehen, wenn sie im Wohnzimmer sitzen. Selbst zu Hause kann man sich nicht mehr sicher fühlen."

Wie sich der Alltag in der Moschee verändert hat? Becirov zuckt traurig mit den Schultern. "Wir haben uns schon lange daran gewöhnt, Angst zu haben." Das Islamic Center im Stadtteil Jägersro gilt in Schweden als Muster für gelungene Integration. Die Gläubigen hier stammen aus 90 Nationen und sprechen 130 verschiedene Muttersprachen, wie Becirov erzählt. Die Imame aber predigen auf Schwedisch und auch in der Verwaltung wird keine andere Sprache geduldet. Delegationen aus aller Welt haben Becirov besucht, um von seinem Beispiel zu lernen. Doch selbst die positiven öffentlichen Reaktionen konnten die Moschee nicht schützen.

"Die Politiker zucken mit den Schultern"

Feindseligkeit und Gewalt kennt Becriov nicht erst, seit der Schuss aus der Dunkelheit seine Fensterscheibe durchschlug. "In den 40 Jahren, die ich mit diesem Projekt arbeite, bin ich ständig bedroht worden." Die traurige Bilanz: Drei Brandanschläge, 2003 brannten große Teile bis auf die Grundmauern nieder. Es wurden Fenster eingeschlagen, Wände mit fremdenfeindlichen Parolen beschmiert, einmal trieb jemand nachts eine Schweineherde in die Moschee. Eine Boulevardzeitung hat die Übergriffe gezählt - sie kam auf etwa 300. Und nun der Heckenschütze.

Mit den Taten steht er wohl nicht in Zusammenhang, aber sie zeugen davon, dass Malmö hinter der Idylle eines schönen Herbsttages wie diesem, noch ein zweites, ein hässliches Gesicht hat. Ein Gesicht, das bislang kaum jemand sehen wollte, wenn man Becirov glauben darf. Allen Anschlägen auf die Moschee sei eines gemeinsam: Nie sei ein Schuldiger verurteilt worden. "Die Politiker zucken mit den Schultern. Der Polizei fehlen die Ressourcen", sagt er. "Die nehmen das nicht ernst."

Nach dem Schuss an Silvester heuerte das Islamic Center einen Sicherheitsdienst an, der nun um die Moschee patrouilliert. "Wir hatten das Gefühl, dass wir selbst auf uns aufpassen müssen." In schwedischen Medien wird jetzt öfter gefragt, warum die Polizei 15 Anschläge und mehr als ein Jahr verstreichen ließ, bevor sie vor einem Serientäter warnte und eine Großfahndung startete. Man sei sich eben nicht sicher gewesen mit dem Verdacht, erklärte neulich ein Beamter. Inzwischen gibt es Vermutungen, dass der Heckenschütze schon viel länger aktiv war. Bislang ging man davon aus, dass die Serie mit einem Anschlag am 9. Oktober 2009 begann, bei dem eine Frau getötet wurde. Aber am Montag erklärte die Polizei, man wolle auch ältere Fälle aufrollen, um nach Zusammenhängen zu suchen.

"Er fordert sein Schicksal nicht heraus"

Mangelnden Einsatz wollen sich die Malmöer Ermittler nicht mehr vorwerfen lassen. Sie haben den Heckenschützen zum wichtigsten Fall erklärt und eine Spezialeinheit aus Stockholm eingeflogen, um ein Täterprofil zu erstellen. Die ersten Erkenntnisse sind jedoch eher vage: Der Schütze ist vermutlich männlich, 20 bis 40 Jahren alt und radelt zu seinen Anschlägen. Auch plant er offenbar die Flucht vom Tatort sehr genau. "Er fordert sein Schicksal nicht heraus. Das macht es schwer für uns", sagt ein Polizeisprecher.

Gegen 18 Uhr senkt sich die Dämmerung über Rosengård, wo besonders viele Einwanderer leben. Jetzt beginnt die Zeit, in der viele Menschen anfangen zu überlegen, bevor sie auf die Straße gehen. Die Zeit, in der Vorhänge zugezogen und Lampen gedimmt werden. In der Sporthalle versucht Dialy Mory Diabaté, den hier alle "Dallas" nennen, mit Boxtraining Normalität in den bedrohlichen Alltag zu bringen. Obwohl er Rentner ist, verbringt er immer noch fünf Tage die Woche ehrenamtlich im Boxclub. "Wir dürfen uns nicht fürchten. Aber wir können vorsichtig sein", sagt Diabaté, der aus dem Senegal stammt. "Wenn die Menschen Angst haben, kann sonst was passieren." Das ist jetzt auch eine Furcht in Malmö: Dass der Heckenschütze Panik auslösen könnte.

In der Vergangenheit ist in Rosengård schon mehrfach randaliert worden. Nun haben Leute vereinzelt zur Selbstjustiz aufgerufen. Die Zeitung Sydsvenskan interviewte vor einigen Tagen das Mitglied einer von mehreren kriminellen Banden der Stadt. Der Gangster, der sich "Leo" nennen ließ, erklärte, "die Unterwelt" werde den Heckenschützen jagen. "Der kann nur hoffen, dass die Polizei ihn vor uns findet." Im Boxclub ist man anderer Meinung. "Gegen die Kugeln eines Wahnsinnigen kann man sich ohnehin nicht wirklich schützen", glaubt Diabaté.

Kürzlich bekam der Boxtrainer Unterstützung vom Integrationsminister Erik Ullenhag. Der war nach einem der jüngsten Anschläge nach Malmö geeilt, um Solidarität mit den Einwanderern zu bekunden. Der Moschee-Vorsitzende Bejzat Becirov wird wütend, wenn er daran denkt. "Was hat ein Irrer, der auf Menschen schießt, mit Integration zu tun?", fragt er. "Wir brauchen jetzt keine PR-Auftritte". Das sei ein Fall für die Justizministerin. Und nötig sei etwas ganz anderes: "Wir brauchen endlich Sicherheit."