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Gesetz gegen Sauftourismus auf Mallorca:"Kurzfristig sind wir komplett überfordert"

Touristen feiern am Ballermann auf Mallorca.

Touristen feiern am Ballermann auf Mallorca.

(Foto: Getty Images)

Die Regionalregierung der Balearen will den Sauftourismus bekämpfen und hat ein Notstandsgesetz erlassen. Die betroffenen Hoteliers haben sich nun dagegen formiert.

Wer ab dieser Saison auf Mallorca all-inclusive bucht, darf zum Mittag- und Abendessen jeweils nur noch drei alkoholische Getränke kostenfrei bestellen - danach wird er zur Kasse gebeten. Das neue "Gesetz gegen den Exzess-Tourismus" auf den Balearen soll den berüchtigten Sauftourismus bekämpfen. Hoteldirektor Christoph Gräwert empfindet die Norm als wettbewerbsschädigend.

Herr Gräwert, Sie wehren sich gegen das neu verabschiedete Gesetz. Weil Sie den Sauftourismus unterstützen?

Christoph Gräwert: Im Gegenteil! Wir haben mit 45 Hotels eine Plattform gegründet, auf der betroffene Hoteliers ihre Interessen bündeln. Wir wollen, dass die Qualität des Tourismus auf Mallorca steigt - wir würden alle sofort unterschreiben, dass der Sauftourismus bekämpft werden muss. Nur dieses nun erlassene Gesetz greift nicht am richtigen Punkt. Ich befürchte, dass es eher zu noch mehr Exzessen führen wird.

Wie das?

Zunächst einmal: Wir haben uns über die Jahre weiterentwickelt, um als Hotels den Tourismus zu reformieren. Jetzt kommt aus dem Blauen dieses Notstandsgesetz, ohne dass wir uns darauf hätten vorbereiten können, vier Tage bevor wir die Saison starten. Und dann verbietet es All-Inclusive-Angebote nicht generell sondern in willkürlich eingefassten Zonen. Als hätte sich Picasso zu seiner besten Phase des Kubismus auf der Landkarte ausgetobt. Wir zum Beispiel liegen in der Zone, ein Hotel auf der anderen Straßenseite liegt außerhalb. Die Politiker sagen diese Zonifizierung sei auf der Grundlage von Polizei- und Krankenberichten festgelegt worden.

Warum soll das den Sauftourismus verschlimmern?

Wer all-inclusive bucht, will sein Urlaubsbudget gedeckelt wissen. Diese Kunden werden dann in andere Hotels gehen. Wir werden dadurch unsere Preise senken müssen, alles was wir getan haben, um hochqualitativen Tourismus anzuziehen, wird uns verbaut. All-Inclusive-Kunden haben bislang ihren Konsum innerhalb des Hotels getätigt - nun müssen sie sich ihre Verpflegung außerhalb suchen. Vor allem den Alkoholkonsum.

Gesetz gegen Exzesse auf Mallorca

Christoph Gräwert, 40, Hoteldirektor in Magaluf, kommt eigentlich aus Augsburg, lebt aber seit 2008 auf Mallorca.

(Foto: Clara Margais/dpa)

Und da gibt es Touristen, die über die Stränge schlagen.

Im Hotel sind die Rahmenbedingungen stark kontrolliert, wir haben kein Interesse daran, dass die Kunden über die Stränge schlagen. Wer zu viel trinkt, bekommt nichts mehr. Das ist auf der Straße nicht der Fall. Die Bars leben ja davon, sie animieren die Kunden dazu, mehr zu kaufen. Denen ist egal, wie die Kunden sich benehmen, spätestens wenn die Bar schließt, gehen sie ja wieder auf die Straße und in ihre Hotels. Wird dieses Gesetz also nicht durch mehr Kontrollen auf der Straße begleitet, bringt es kaum etwas. Auf der Schinkenstraße zum Beispiel sind etwa 10 000 Menschen an einem normalen Abend und kaum Polizeipräsenz. Die Leute feiern Exzesse, ohne dass der Staat eingreift.

Warum wird die Polizeipräsenz nicht gesteigert?

Im August zum Beispiel, wenn bei uns Hochsaison herrscht, sind vielleicht 10 Beamte nachts im Dienst. Aber jeden Morgen stehen 120 Polizisten an den Straßen, um den Schulverkehr zu regeln. Das ist natürlich viel angenehmer, statt sich nachts mit den Touristen rumschlagen zu müssen. Das will niemand, deswegen ist niemand da - ist aber auch nur meine Meinung, dafür habe ich keine Studien.

Vom Staat wurden in den vergangenen Jahren aber doch immer schärfere Regeln für Schinkenstraße und Co auferlegt.

Es gibt gewisse neue Normen, ja. Hier in Magaluf wurde alles verboten, was unter Sauftourismus fällt: Öffentliches Urinieren, Prostitution, freie Oberkörper auf der Straße, Getränke auf der Straße. All das besteht bereits! Aber unterm Strich hat das wenig gebracht. Hätte die Regierung wirklich Interesse, den Sauftourismus einzudämmen, hätte sie längst die Möglichkeit, das umzusetzen. Nun reicht sie den schwarzen Peter an die Hotels weiter.

Warum gerade jetzt?

Es wurde nicht der normale Weg über das Parlament gewählt, wo Veränderungen hätten eingebracht werden können. Um das zu vermeiden wurde es als Notstandsgesetz sofort gültig. Während der wichtigsten spanischen Touristenmesse in Madrid. Da wollte Mallorca für die anstehende Saison positiv auffallen.

Haben Sie da überhaupt eine Chance, noch gegenzuwirken?

Das ist jetzt geltendes Gesetz. Es könnte noch verfassungswidrig erklärt werden auf europäischer oder spanischer Ebene, aber wir können hier nur gegen die Sanktionen, nicht gegen das Gesetz an sich klagen. So ein Prozess dauert dann aber nicht Monate sondern Jahre. Kurzfristig sind wir mit der Situation komplett überfordert. Für uns ist das stark wettbewerbsschädigend, wegen der willkürlichen Zonierung.

Klingt, als hätte kein Gesetzgeber sich mit den Hoteliers besprochen.

Ich würde es anders ausdrücken, ohne es beweisen zu können. Meine Interpretation ist: Der Gesetzgeber hat sich mit bestimmten Hotels geeinigt. In Magaluf gehören die ausgelassenen Zonen zufällig dem weltgrößten Betreiber von Resorts. Zufällig!

Beweisen können Sie das aber nicht?

Naja, dieser Zufall müsste schon extrem sein.

Stehen Sie in Kontakt mit diesen Hotels?

Mit manchen habe ich gesprochen, aber ein konkreter Fall ist besonders interessant: Ein Hotelier, der weder in der Zone liegt, noch all-inclusive anbietet. Das Gesetz könnte ihm also komplett egal sein. Aber er sagt: Ich bin dagegen, weil die Preise innerhalb der Zone sinken werden, dort muss ja dann Halbpension angeboten werden. Der Hotelier sieht sich also neuer Konkurrenz ausgesetzt, die günstigere Preise anbieten muss. Also muss er jetzt überlegen, ob er nicht doch all-inclusive anbietet. Der Bedarf daran wird ja steigen.

© SZ
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