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Mallorca:Ein Strand zum Fürchten - für den Hai

  • Am Strand von Mallorca wird ein Blauhai gesichtet.
  • Der deutsche Boulevard überschlägt sich, in Spanien bleibt man gelassen.
  • Blauhaie sind in der Regel für den Menschen ungefährlich; das Tier war schwer verletzt und musste eingeschläfert werden.

Von Titus Arnu und Marlene Weiß

Hai-Alarm auf Mallorca! - so lautete der Titel eines wirklich schrottigen RTL-Actionfilms aus dem Jahr 2003. Die Handlung klingt grotesk unglaubwürdig: Wissenschaftler klonen einen riesigen Urzeithai für die Krebsforschung, der entkommt aus dem Labor und verschlingt arglose deutsche Urlauber. Am Ende erlöst der Held, gespielt von Bodybuilder Ralf Möller, die Ferieninsel von der kollektiven Fischfurcht, indem er den Mega-Hai harpuniert und in die Luft sprengt. "Hanebüchener Unfug unter heißer mediterraner Sonne, grottenschlecht inszeniert, desaströs gespielt", konstatiert das Lexikon des Internationalen Films.

Hai-Alarm auf Mallorca! - So lautete auch die Schlagzeile der Bild-Zeitung am Montag. Sprachlich ging der Bericht in Richtung RTL-Actionfilm: "unheimliche Begegnung", "Badeverbot am Ballermann", "Panik unter Urlaubern". Ein zwei Meter großer "Problem-Hai" sei am Wochenende mehrmals an der Südwestküste gesichtet worden und habe am Sonntagmorgen einen Bild-Leser "beim Baden überrascht", was natürlich eine bodenlose Frechheit ist. Verletzt oder getötet wurde niemand - außer dem Blauhai. Das von einem Angelhaken am Kopf lädierte Tier wurde am Strand von Can Pastilla unweit des Flughafens angespült und schließlich eingeschläfert - nicht mit einer Sprengstoff-Harpune wie im Film, sondern mit Hilfe eines Morphium-Pfeils.

Für die spanische Presse war der angebliche Problemhai kein Riesenthema. In der auflagenstärksten Zeitung der Balearen,Ultima Hora, tauchte der Hai erst auf Seite zwölf unten auf, der Tonfall des Berichts war eher gemäßigt. "Den letzten Hai-Alarm gab es hier im Mai 2016", sagt Bernd Jogalla, Chefredakteur der deutschsprachigen Wochenzeitung Mallorca Magazin, "damals hat kein Hahn danach gekräht." Dass der Hai diesmal überregional so groß rauskommt, liege wohl an der Präsenz von Bild-Reportern auf der Insel, vermutet er. Vor kurzem erst "Neonazis am Ballermann", jetzt "Hai-Alarm am Ballermann" - solche vermeintlich schockierenden Nachrichten "garantieren eben eine gewisse Einschaltquote", sagt Jogalla. Zehn Millionen Touristen kommen pro Saison nach Mallorca, 40 Prozent davon sind Deutsche.

Wenn er beim Schwimmen einem Hai begegne, würde er allerdings auch schauen, dass er Land gewinne, gibt Jogalla zu. Das empfehlen auch Hai-Experten, gerade bei kranken Tieren: "Man kann nicht vorhersehen, wie ein verletztes Tier sich verhält", sagt Friederike Kremer-Obrock von der Haischutz-Initiative Sharkproject. "Wer einen augenscheinlich verletzen Hai sieht, sollte das Wasser verlassen und die Polizei benachrichtigen."

Normalerweise sind Blauhaie aber ungefährlich für den Menschen, nur wenige Angriffe sind bekannt. Das liegt auch daran, dass es reine Hochsee-Haie sind: "Man muss meist 20 bis 30 Seemeilen aufs Meer fahren und lange anködern, um überhaupt einen zu sehen zu bekommen", sagt Kremer-Obrock.

Dass sich das auf Mallorca gefundene Exemplar so nah an den Strand wagte, dürfte an der Verletzung des Tieres gelegen haben. Am Kopf haben Haie ihre hochempfindlichen Sinnesorgane. Werden sie verletzt, kann der Orientierungssinn gestört werden und Blauhaie können sich an die Küste verirren. Etwa 50 verschiedene Hai-Arten gibt es im Mittelmeer, darunter auch Weiße Haie, die neben Tigerhaien und Bullenhaien am häufigsten Menschen angreifen, auch wenn dies sehr selten vorkommt. Jährlich gibt es im Schnitt nur einige Dutzend Zwischenfälle, die meisten davon ereignen sich in Amerika und Australien. In Italien und Spanien hat es laut Datensammlung des Shark Research Institutes seit 1900 nur je gut 20 Angriffe gegeben. Das letzte Hai-Opfer in Spanien starb demnach 1912 nach dem Sturz aus einem Boot.

Auf der Gegenseite sieht die Bilanz anders aus, viele Hai-Bestände sind bedroht. Auch den Blauhai, der fast überall auf der Welt vorkommt, führt die Weltnaturschutz-Union IUCN als "potenziell gefährdet", im Mittelmeer wird er als "vom Aussterben bedroht" eingestuft. Grund dafür ist vor allem die Fischerei. Rund zehn Millionen Blauhaie, schätzten Forscher schon im Jahr 2006, werden jährlich getötet, weil ihre Flossen in Asien als Suppen-Zutat begehrt sind, viele sterben auch als Beifang.

"Komisches Talent zum Unglücklichsein"

Auf der RTL-Website ist ein "Exklusiv-Video" des "Schock-Moments" am Wochenende zu sehen, als der Blauhai den Badegästen "gefährlich nahekommt". In Wirklichkeit ist es genau umgekehrt: Eine Horde deutscher und spanischer Touristen verfolgt das benommene, desorientierte Tier in knöcheltiefem Wasser mit gezückten Handys, ein dickbäuchiger Mann versucht, das Tier anzupacken. Stimme aus dem Off: "Krass, 'n Hai, Alter! Und noch'n Idiot hintendran." Am Tag nach der angeblichen Hai-Panik auf Mallorca ist das Badeverbot längst wieder aufgehoben. In der Bucht von Canyamel im Nordosten der Insel zum Beispiel schwimmen schon um sieben Uhr morgens ein Dutzend Badegäste weit hinaus. Wenn man den Hoteldirektor Juan Massanet vom Hotel Laguna auf Mallorca auf die Hai-Angst anspricht, winkt er ab und sagt: "Die tollen Deutschen und ihr so komisches Talent zum Unglücklichsein!"

Bernd Jogalla bemüht sich um Sachlichkeit und relativiert einiges an dem Bild-Bericht. Zum Beispiel sei der Hai nicht am Ballermann, also beim Strand Balneario Nr. 6 in S'Arenal aufgetaucht, sondern am Balenario Nr. 14, fast zwei Kilometer davon entfernt. Aber "Hai-Alarm am Ballermann" klingt natürlich knackiger. Dass der "Ballermann" mit dem Rambazamba-Lokal Bierkönig und den sangríasaufenden Pauschaltouristen das Image der Insel mit geprägt hat, ist ein Stück weit deutschen und britischen Boulevardblättern zu verdanken. "Natürlich gibt es hier manchmal Schlägereien und Briten, die betrunken vom Balkon fallen", sagt Bernd Jogalla, "wenn man Boulevard-Reporter ist, muss man sich nur an die entsprechenden Orte begeben und warten." Aber dass die Bild-Zeitung und die britischen Boulevardzeitungen ein dermaßen trashiges Bild von Mallorca zeichnen, sei schade und schlichtweg falsch, findet er. Denn die Insel ist weitaus vielfältiger.

Andererseits hat negative PR der Feriendestination Mallorca bislang wenig Umsatzeinbußen eingebracht, und der Hai wird ebenso schnell vergessen sein, wie er auftauchte. In den Kommentaren auf Facebook und Twitter zum Hai-Alarm herrschte jedenfalls Mitleid mit dem Tier vor. Es wurde unter den neugierigen Blicken von Schaulustigen, die alles mit dem Smartphone filmten, in die ewigen Jagdgründe befördert. Wenn man Angst haben muss an einem Mittelmeerstrand, dann vor allem als Fisch.

© SZ vom 27.06.2017/mane

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