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Mainz:Verstörend

An einer katholischen Kindertagesstätte in Mainz haben drei- bis sechsjährige Kinder brutale Handlungen aneinander vorgenommen. Die Erzieher haben trotz Hinweisen von Eltern monatelang nicht reagiert.

Von Christina Berndt und Matthias Huber, Mainz/München

Fassungslosigkeit liegt in der Stimme von Dietmar Giebelmann. Der Generalvikar des Bistums Mainz muss derzeit Geschehnisse erklären, die ihm selbst unbegreiflich sind. Wie so oft in den vergangenen Jahren, wenn die katholische Kirche in Probleme gerät, geht es um sexuelle Gewalt. Doch diesmal, und das macht alle Beteiligten so ratlos, haben Kindergartenkinder einander solche Gewalt angetan.

In der Kita "Maria Königin" in Mainz-Weisenau hatten die Drei-bis Sechsjährigen Handlungen aneinander vorgenommen, die weit über das Maß von Doktorspielen hinausgingen, mit denen Kinder üblicherweise Geschlechtsteile erkunden. In mindestens einem Fall ist es zu Verletzungen im Genitalbereich gekommen, auch seien Kinder gezwungen worden, "den Po hinzustrecken, damit ihnen Gegenstände in den Anus eingeführt werden - wiederholt und über einen längeren Zeitraum", zitiert die Mainzer Allgemeine Zeitung aus einem Schreiben der Gemeinde an die Eltern. Drohungen und Erpressungen, um etwa die Herausgabe von Spielzeug zu erzwingen, sind in der Kita offenbar verbreitet gewesen, ohne dass Erzieher eingeschritten wären. "Wir sind fassungslos", sagt Giebelmann, "wie in einer Kita ein solcher Gesamtgeist der Verrohung entstehen konnte, ist mir unbegreiflich." Auch der Bischof, Karl Lehmann, lasse "seine tiefe Bestürzung" ausdrücken.

Kindertagesstätte 'Maria Königin'

Die katholische Kindertagesstätte "Maria Königin" in Mainz: Hier soll es zu sexuellen Übergriffen unter Kindern gekommen sein.

(Foto: Harald Kaster/dpa)

In der Kita habe es einen "Gesamtgeist der Verrohung" gegeben, sagt der Generalvikar

Von den 55 Kindern, die die Kita "Maria Königin" besuchten, scheinen fast alle betroffen zu sein, "aktiv oder passiv", wie Giebelmann sagt. Die Zahl derjenigen, die andere aktiv quälten, schätzt er auf etwa 15, aber er betont: "Das ist nur eine Schätzung mit sehr breitem Daumen."

Wie Kinder dazu kommen, andere auf solche Art zu quälen, können auch Experten nur schwer beantworten. Kinder würden sich so etwas jedenfalls "nicht von selbst ausdenken", sagt Michael Huss, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Mainz, der mit den Vorgängen aus der Kita "Maria Königin" vertraut ist und sie als "schockierend und verstörend" bezeichnet. "Selbst für uns, die wir viel mit Missbrauchsfällen zu tun haben, ist dieser Fall etwas Besonderes", sagt Huss. Er geht davon aus, dass Kinder pornografisches Material gesehen haben oder selbst Opfer von sexuellem Missbrauch wurden, bevor sie die Geschehnisse in der Kita nachahmten. Womöglich habe es zu Beginn nur einen oder wenige Täter gegeben. Dann aber habe es eine "Art moralische Abwärtsspirale" unter den Kindern gegeben, "die sich über die Zeit verselbständigt hat". Denn Kinder, die zunächst selbst gedemütigt wurden, seien mit der Zeit auf die Seite der Täter gewechselt und hätten "Ähnliches in möglicherweise stärkerer Form an anderen Kindern verübt". Von "sexuellem Missbrauch" spricht Huss aus gutem Grund nicht. Diesen gebe es nur durch Erwachsene, die sich ihrer Taten bewusst seien. Die Taten der Mainzer Kinder "würde ich als sadistische Gewalt mit sexueller Tönung bezeichnen".

Michael Huss, Direktor Kinderpsychiatrie Mainz

"Selbst für uns, die wir viel mit Missbrauchsfällen zu tun haben, ist dieser Fall etwas Besonderes."

Unbegreiflich ist dem Kinderpsychiater ebenso wie dem Generalvikar, wie all dies geschehen konnte, ohne dass die Erzieher eingriffen. Diese seien zwar nicht in die Tätlichkeiten involviert gewesen, sagt Giebelmann: "Dafür gibt es keine Anzeichen." Doch schon im vergangenen Dezember haben Eltern von drei Kindern die Erzieher über sexuelle Übergriffe anderer Kinder informiert. Die Eltern eines Jungen hätten sogar ein ärztliches Attest vorgelegt, in dem Verletzungen am Penis beschrieben wurden. "Die Erzieher sagen, sie hätten die Hinweise der Eltern falsch verstanden", sagt Giebelmann. "Aber angesichts dieser Vorwürfe muss man sich schon fragen, wieso man da etwas falsch verstanden haben kann." Der Pfarrer, zu dessen Gemeinde die Kita gehört, habe jedenfalls am vorvergangenen Montag zum ersten Mal von den Vorwürfen gehört - und direkt Konsequenzen gezogen. Noch am Abend sei entschieden worden, die Kita zu schließen und sämtlichen Erziehern sowie der Leitung der Kindertagesstätte fristlos zu kündigen. Mittlerweile sind auch das Jugendamt und die Staatsanwaltschaft informiert, die wegen möglicher Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflichten ermittelt.

Bis zum Beginn des neuen Kindergartenjahrs bleibt die Kita nun erst einmal geschlossen. Neues Personal muss gesucht werden - und andere Kinder. Denn diejenigen, die dort so Grässliches erleben mussten, sind bereits auf andere katholische Kindergärten verteilt. Den Vorschulkindern, die im Herbst eingeschult werden, habe die Kirche Plätze an einer katholischen Grundschule angeboten, sagt Generalvikar Giebelmann: "Es ist ihnen nicht zuzumuten, dass sie sich alle an der einzigen staatlichen Grundschule im Stadtteil Weisenau wiedertreffen."

© SZ vom 13.06.2015

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