Nun ist das Rätsel um Madeleine McCann also auch am Rande von Hannover angekommen, in Kleingärten zwischen Ahlem und Letter. Zwei Tage lang gruben dort Polizisten und Techniker mithilfe eines Spürhunds und mittelschweren Maschinen Parzellen um, an der Bundesstraße 441 und dem Stichkanal Hannover-Linden. Auf dem Grundstück wurde nach Spuren gesucht, die mit dem Verschwinden und dem mutmaßlichen Tod der vor mehr als 13 Jahren verschwundenen, damals dreijährigen Engländerin McCann zu tun haben könnten.
Am Mittwochabend verkündete die Polizei das Ende der Grabungsarbeiten. Ob etwas gefunden wurde, blieb zunächst unklar.
Die jüngste Polizeiaktion ist die Fortsetzung eines Krimis, bei dem es seit einigen Wochen einen Verdacht gibt, aber bisher keinen Beweis. Am 3. Mai 2007 verschwand das Mädchen aus dem Ferienapartment der Familie in Praia da Luz im Süden Portugals. Im Juni präsentierten das Bundeskriminalamt und die Staatsanwaltschaft Braunschweig überraschend einen Verdächtigen - Christian B., einen 43 Jahre alten Deutschen, der wegen einer anderen Tat in einem Kieler Gefängnis sitzt.
Hunderte Hinweise gingen seither ein. Die Behörden haben keinen Zweifel, dass er der Täter ist, doch sie präsentierten vorläufig nur Indizien. Ihr Material scheint für keinen Haftbefehl zu reichen, für keine Anklage. Was hofften die Ermittler jetzt auf diesem Gelände im Umkreis von Niedersachsens Landeshauptstadt zu finden?
Das fragten sich Beobachter aus aller Welt, unter anderem Fernsehsender und Zeitungen aus Großbritannien und Australien hatten Reporter entsandt. Die Braunschweiger Staatsanwaltschaft ließ lediglich verlauten, dass die Durchsuchung im Zusammenhang mit den Mordermittlungen stehe. Einzelheiten wurden nicht verraten. Am frühen Mittwochnachmittag soll noch ein Kellerraum auf dem Gelände freigelegt worden sein.
Gebiet abgeschirmt
Kein Uneingeweihter weiß, ob es hier um eine mögliche Leiche ging oder um Kleidungsstücke oder Datenträger. Spürhunde können alles Mögliche erschnüffeln. Fotos und kurze Videos zeigen Polizisten hinter Bäumen und Zäunen, an einer Art Gartenlaube auf einem gerodeten Areal. Ein Polizist hält in der einen Hand ein Notebook und in der anderen Hand eine Drohne, für Unbeteiligte wurde der Luftraum über dem Terrain gesperrt. Ein anderer Polizist trägt eine Lampe auf dem Kopf. Auch ein Bagger ist im Einsatz, auf einem Feld nebenan steht ein dunkles Polizeifahrzeug mit Funktechnik.
Einsatzkräfte schirtmen das Gebiet ab, Gerüchte machten die Runde. Eine Frau will Christian B. mal gesehen haben, ein anderer Anwohner nicht. Der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung berichtete ein Nachbar von einer ominösen Vergangenheit der Parzelle, ein Mann habe den Garten 2006 oder 2007 gemietet. Ein Jahr danach sei ein Unbekannter mit zwei Hunden und einem Campingbus regelmäßig dort gewesen. Auch von Fahrzeugen mit ausländischen Kennzeichen ist die Rede, ehe die Hütte verfallen sei.
Verdächtigter mehrfach verurteilt
Im Zeugenaufruf ist seit Wochen unter anderem ein Campingbus zu sehen, mit dem Christian B. seinerzeit unterwegs gewesen sei. Er lebte jahrelang an der Algarve und zwischendurch immer wieder in Deutschland, vorübergehend auch in Braunschweig und Hannover. Verurteilt wurde er mehrfach, zu seinen Verbrechen gehörte auch sexueller Missbrauch Minderjähriger.
Derzeit ist er wegen Drogenhandels in Haft, die Strafe endet am 7. Januar 2021, seinen Antrag auf vorzeitige Entlassung zog er kürzlich zurück. Am Landgericht Braunschweig erging Ende 2019 außerdem ein Urteil wegen Raubüberfalls und Vergewaltigung einer 72-jährigen Amerikanerin 2005 im selben Praia da Luz, in dem zwei Jahre später Madeleine McCann verschleppt wurde. Der Europäische Gerichtshof muss entscheiden, ob das Verfahren zulässig war, Portugal hatte B. wegen einer anderen Sache ausgeliefert.

