Missbrauchsfall in Lügde NRW-Innenminister: Mindestens drei weitere Opfer

Polizeibeamte bei der Spurensicherung auf dem Campingplatz in Lügde.

(Foto: dpa)
  • Laut NRW-Innenminister Herbert Reul sind im Missbrauchsfall von Lügde weitere Opfer identifiziert worden. Bei 14 weiteren besteht der Verdacht, dass sie ebenfalls von den mutmaßlichen Tätern missbraucht worden sein könnten.
  • Die Staatsanwaltschaft Detmold geht inzwischen davon aus, dass Beweismaterial bewusst entwendet wurde und ermittelt wegen Diebstahls.
  • Ein zeitweiliger Leiter der Ermittlungskommission ist vorläufig vom Dienst suspendiert worden. Gegen ihn wird wegen des Verdachts der Strafvereitelung ermittelt.

Im Missbrauchsfall von Lügde haben die Ermittler weitere Opfer identifiziert. Damit steigt die Zahl auf insgesamt 34 Personen, bei 14 weiteren bestehe der Verdacht, dass auch sie Opfer sexuellen Missbrauchs auf dem Campingplatz in Lügde geworden sein könnten. Dies gehe aus der Sichtung des umfangreichen, in dem Fall sichergestellten Datenmaterials hervor, wie der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) am Donnerstag im Innenausschuss des Landtags mitteilte. Von den bisher identifizierten Opfern ist bekannt, dass die meisten zum Tatzeitpunkt zwischen vier und 13 Jahren alt waren - bei den weiteren Fällen gibt es bislang keine entsprechenden Altersangaben. Alle der insgesamt 48 Personen würden inzwischen in Opferschutzmaßnahmen betreut, heißt es in dem Bericht des Ministers.

Reul schließt inzwischen den Verlust oder die Manipulation von weiterem Beweismaterial nicht aus. Das geht aus Antworten des Ministers auf Fragen der Opposition hervor. 155 Datenträger waren aus einem nicht gesicherten Raum bei der Polizei in Detmold verschwunden. Der Verlust wurde offenbar erst Wochen später bemerkt.

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Wie Reul nun bekanntgab, wurde Strafanzeige gegen einen Kriminalkommissar aus Bad Salzuflen gestellt, der zunächst vom 18. Dezember bis zum 4. Januar als leitender Ermittler im Fall Lügde eingesetzt war. Er stehe im Verdacht der "Strafvereitelung im Zusammenhang eines Sexualstrafverdachtsfalls". Außerdem bestehe der "Verdacht des Verstrickungsbruches in drei Fällen". Konkret geht es um das Verschwinden von Beweismaterial. In zwei weiteren Fällen aus den Jahren 2015 und 2016 soll der Beamte als Sachbearbeiter an Ermittlungen beteiligt gewesen sein, bei denen ebenfalls Asservate nicht mehr auffindbar waren. Gegen den Polizisten sei nun zusätzlich ein Disziplinarverfahren eingeleitet worden, so der Innenminister. Er wurde außerdem vorläufig vom Dienst suspendiert.

Der massenhafte Missbrauch auf dem Campingplatz im Kreis Lippe war im Herbst 2018 durch die Anzeige einer Mutter aus Bad Pyrmont am 20. Oktober aufgedeckt worden. Kinder im Alter von vier bis 13 Jahren sollen über einen Zeitraum von zehn Jahren im Campingwagen des Hauptverdächtigen Andreas V. missbraucht worden und dabei auch gefilmt worden sein. Bei den 34 identifizierten Opfern und den 14 möglichen soll es sich um 34 weibliche und 14 männliche Personen handeln.

Der 56-jährige Andreas V., der 33-jährige Mario S. und der 48-jährige Heiko V. sitzen seit Ende 2018 und Anfang 2019 in Untersuchungshaft. Gegen einen weiteren Mann wird ermittelt, weil er kinderpornografisches Material besessen haben soll, das auf dem Campingplatz entstanden ist. Gegen drei weitere Tatverdächtige wird wegen des Verdachts auf Datenlöschung und Beihilfe zum sexuellen Missbrauch ermittelt.

Inzwischen hat die 60 Polizisten umfassende Sonderkommission "Eichwald" die Ermittlungen in dem Missbrauchsfall übernommen. Die Beamten stehen weiterhin vor einer Mammutaufgabe. Insgesamt müssen sie mehr als drei Millionen sichergestellte Bilder und knapp 90 000 Videodateien auf weitere Spuren hin überprüfen. In dem Bericht, den Reul im Innenausschuss vorstellte, heißt es bezüglich der Erfassung des Beweismaterials durch die Kreispolizei Lippe, die den Fall zunächst untersucht hatte: "Sie ist mangelhaft".

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