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Campingplatz in NRW:So brach das Missbrauchssystem in Lügde zusammen

Missbrauch von Kindern auf dem Campingplatz Eichwald

Auf dem Campingplatz in Lügde im Kreis Lippe sollen mindestens 29 Kinder sexuell missbraucht worden sein.

(Foto: Guido Kirchner/dpa)
  • Der Dauercamper Andreas V. soll über mindestens zehn Jahre mindestens 29 Kinder auf einem Campingplatz in Lügde missbraucht haben.
  • Unter den Opfern ist seine Pflegetochter, die er offenbar auch als Lockvogel für andere Kinder benutzte.
  • Trotz früherer Hinweise begannen Ermittlungen erst im Oktober 2018, als bei der Polizei eine Reihe von Anzeigen eingingen.

Der Tag, der alles ändert, ist ein Samstag im Oktober 2018. Eine Frau meldet sich auf einer Polizeistation: Ihre neunjährige Tochter habe vor zwei Monaten bei ihrer Freundin auf einem Campingplatz in Lügde übernachtet, gibt die Mutter zu Protokoll.

Dort sei etwas passiert. Ihre Tochter sei sexuell missbraucht worden - von jenem Mann, bei dem ihre Freundin seit fast zwei Jahren lebte. Das Mädchen, Maja, ist acht Jahre alt.

Ein paar Wochen später taucht eine junge Frau, gerade volljährig, ebenfalls bei der Polizei auf. Sie wolle etwas anzeigen: Sie sei als Zwölfjährige von einem Mann missbraucht worden, auf einem Campingplatz in Lügde. Dann bricht das Missbrauchssystem von Andreas V. zusammen. Es hatte sich wohl in der Stadt herumgesprochen, dass jemand Anzeige erstattet hatte.

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Die Forderung ist eine Reaktion auf den jahrelangen Missbrauch auf einem Campingplatz in Lügde. Innenminister Reul spricht in dem Fall inzwischen von "Behördenversagen".

"Es meldeten sich immer mehr Opfer, die ihrerseits Hinweise auf mögliche andere Opfer gaben, die befragt wurden und erneut Hinweise gaben, und so ging es immer weiter", sagt der Detmolder Oberstaatsanwalt und Sprecher der Staatsanwaltschaft, Ralf Vetter, im Gespräch mit der SZ. Es war, als wäre eine jahrelange Schweigespirale durchtrennt worden.

Vetter ist ein kleiner, freundlicher Mann mit blonden Haaren und Dreitagebart, er leitet die Ermittlungen in einem der schlimmsten Missbrauchsfälle Ostwestfalens. Seit Bekanntwerden des Falls in der vergangenen Woche sind mehr als 20 entgangene Anrufe auf seinem Bürotelefon keine Seltenheit. Wenn er über den Fall Lügde spricht, nimmt Vetter immer wieder seine schwarze Brille ab, reibt sich übers Gesicht. Auch für den erfahrenen Staatsanwalt ist dieser Fall kein Alltag.

Mehr als 1000 Fälle

Der 56-jährige Dauercamper Andreas V. soll mindestens zehn Jahre lang mindestens 26 Mädchen und drei Jungen im Alter zwischen vier und 13 Jahren in mehr als 1000 Fällen sexuell missbraucht haben, in einem alten Campingwagen, der von allen Seiten von selbstgebauten Holzverschlägen eingefasst ist. Die Parzelle liegt am Rande des Campingplatzes "Eichwald" im abgeschiedenen 9500-Einwohner-Städtchen Lügde im Teutoburger Wald.

Dort lebte V. seit mehr als 30 Jahren, seit Anfang 2017 wohnte die damals sechsjährige Pflegetochter Maja (die in Wahrheit anders heißt) auf Wunsch ihrer leiblichen Mutter und nach siebenmonatiger Prüfung des Jugendamts auch offiziell bei ihm; etwa 1000 Euro Pflegegeld bekam V. pro Monat vom Jugendamt.

Auch sonst waren fast immer Kinder, die auf dem Campingplatz Ferien machten oder in der Nähe wohnten, bei dem alleinstehenden, arbeitslosen Mann. Er war so etwas wie der inoffizielle Animateur, organisierte Ausflüge in Freizeitparks, in Schwimmbäder, Squad-Touren, Ausritte mit seinem Pferd, machte den Kindern Geschenke.

Auf dem Campingplatz will niemand die vergangenen zehn Jahre etwas bemerkt haben. Am 13. November wird Maja vom Jugendamt Lippe vom Campingplatz geholt und in eine Bereitschaftspflegefamilie gebracht. Am 6. Dezember wird V. verhaftet, er sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Er soll Maja nicht nur missbraucht, sondern auch als Lockvogel für andere Kinder eingesetzt haben. Es werden nun zahlreiche Kinder befragt - und alle haben sie Hinweise oder berichten von eigenen Missbrauchserfahrungen.

Zwei Mädchen, die von V. und einem 33-Jährigen aus Steinheim abwechselnd missbraucht und dabei gefilmt worden sein sollen, erinnern sich an den Vornamen des jüngeren Mannes. Er lebte mit seinen Eltern seit 2014 immer mal wieder auf dem Campingplatz, ein paar hundert Meter von V.s Parzelle entfernt. Und die Mädchen wissen auch noch den Namen eines dritten Mannes. Der war, so jedenfalls erzählen sie es, per Live-Chat während des Missbrauchs zugeschaltet.

14 Terabyte Material

"Auf einem konfiszierten Computer von V. fanden wir Mails, in denen er sich mit einem Mann mit diesem Vornamen zum ,Cam-Chat' verabredete. Da haben die Ermittler dann die beiden Spuren zusammengefügt", sagt Vetter. So kam die mittlerweile 20-köpfige Ermittlungskommission der Polizei auf den 48-Jährigen aus Stade. Er legte bei seiner Verhaftung als einziger ein Teilgeständnis ab und will nach Aussage seines Anwalts "zweimal per Live-Chat" am Missbrauch teilgenommen haben. "Wir gehen aber davon aus, ohne seinen Wunsch wäre es dazu an diesem Tag nicht gekommen", sagt Vetter.

Bisher gebe es keine Anhaltspunkte, dass für die Aufnahmen Geld geflossen sei oder die beiden arbeitslosen Männer ihre selbstgefilmten Kinderpornos im Netz verkauft hätten. Der 48-jährige Monteur aus Steinheim habe ausgesagt, V. habe ihn auf den Campingplatz eingeladen, daraufhin habe er aber den Kontakt zu den beiden Männern abgebrochen. Die Chats fanden nicht im Darknet oder in speziell gesicherten Foren statt, sondern im frei verfügbaren Internet.

14 Terabyte kinderpornografisches Material haben die Ermittler bisher beim mutmaßlichen Haupttäter sichergestellt, die Auswertung dauert an. Der Anteil der selbstgedrehten Videos sei gering, sagt Vetter. Bei den meisten Fotos und Videos handele es sich um Material, das in den Datenbanken des Bundeskriminalamtes bereits bekannt sei.

Aber wie konnten V. und seine beiden Mittäter ihre perfiden Taten so lange geheim halten? Versagten die zuständigen Jugendämter und Polizeistationen? Warum wurden Hinweise nicht verfolgt?

Unsittliche Berührungen

Eine Jobcenter-Mitarbeiterin aus Blomberg wendete sich schon 2016, einige Wochen nach einem Gespräch mit V., mit einem Gedächtnisprotokoll an die Polizei: Das Mädchen Maja habe im Winter verschmutzte Sommerkleidung getragen. V. habe gesagt, das Kind würde ihn "heiß machen", dann aber nicht mehr wollen, "so seien halt Frauen". Für Süßigkeiten würde das Mädchen aber "alles machen". Das Kind soll der Frau gesagt habe, sie ekle sich vor dem Geruch von Männern, weil "die immer so schwitzen". Vor eben dieser Jobcenter-Mitarbeiterin prahlte V. offenbar auch, er habe das Kind "schon mit neun Monaten von der Mutter geschenkt bekommen".

Und: Ein Mann aus Bad Pyrmont prügelte sich 2016 mit V. auf einem Kindergeburtstag, nachdem dieser sich die Tochter des Mannes auf die Schultern gesetzt und gesagt haben soll, dass er es "schön finde, kleine Mädchen mit Röckchen im Nacken sitzen zu haben, die schwitzen". Danach meldete der Mann V. bei der Polizei, weil dieser seine beiden Töchter unsittlich berührt hätte.

Vielleicht waren die Formulierungen noch drastischer, vielleicht auch weniger dramatisch. "Es gibt zwei, drei Versionen der Aussagen, wie bei Stille Post", sagt Staatsanwalt Vetter, "die Richtung war aber immer gleich." Vetters Aufgabe ist daher nun auch, zu prüfen, ob die beiden zuständigen Jugendämter, die diese Hinweise von der Polizei weitergeleitet bekamen, Fehler machten.

Oberstaatsanwältin Katja Erfurt vom Sonderdezernat führt die Ermittlungen gegen zwei Polizisten wegen Strafvereitelung im Amt, weil diese die beiden Hinweise aus dem Jahr 2016 zwar an die Jugendämter weitergaben, aber selbst nicht gegen V. ermittelten. Vetter stellt aber klar: "Das sind Nebenermittlungen, unser Hauptfokus liegt auf den drei Männern."

Im Juni soll der Prozess starten.

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