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Corona:The Art of "Stoßlüften"

Geöffnete Schulfenster

Könnte eine ordentliche Querlüftung sein: Fenster einer Grundschule in Baden-Württemberg zu Beginn dieses Schuljahres.

(Foto: Christoph Schmidt/picture alliance/dpa)

Angela Merkel hält Lüften für die möglicherweise "billigste und effektivste Maßnahme", um die Corona-Pandemie abzubremsen. Die deutsche Begeisterung fürs Fensteraufreißen nennt der britische "Guardian" nun eine "nationale Obsession". Zu Recht?

Von Mareen Linnartz

Wer gedacht hat, beim Thema Lüften ginge es einfach nur darum, Fenster aufzureißen und überhaupt sei dazu in Pandemie-Zeiten alles schon gesagt worden, der irrt. Erst in der vergangenen Woche ist die AHA-Corona-Formel (Abstand halten, Hygiene beachten, Alltagsmaske tragen) von Bund und Ländern um ein "L" wie "lüften" verlängert worden, was der Abkürzung etwas von ihrer Griffigkeit genommen hat. Etwa zeitgleich gab Kanzlerin Merkel ihren Bürgerinnen und Bürgern das Wissen weiter, Lüften sei die möglicherweise "billigste und effektivste Maßnahme", um sich vor dem Coronavirus zu schützen. Und nun ist auch noch im britischen Guardian ein ausführlicher Text erschienen, der die deutsche Luft-Leidenschaft im Wandel der Zeit beschreibt und sie eine "nationale Obsession" nennt. Man schwankt beim Lesen zwischen "Indeed!" und: "Really?"

An der Nordsee wie am Bodensee gleichermaßen wäre es absolut Standard, heißt es darin, "selbst im Winter" zweimal am Tag gewohnheitsmäßig die Fenster aufzureißen, der Deutsche unterscheide zwischen "Stoßlüften" ("impact ventilation") und "Querlüften" ("cross ventilation"). Überhaupt gäbe es hierzulande eine "sophisticated hinge technology", mit der man steuern könne, wie viel Luft man hineinlasse - we call it Kippfenster. An Schulen wie an Arbeitsplätzen sei regelmäßige Luftzufuhr Standard. Der Guardian steht mit seiner Beobachtung nicht alleine da: Schon vor einem Jahr widmete sich eine Folge von "Meet the Germans" der Deutschen Welle dem Phänomen, so sei ein klassischer Satz, wenn jemand einen Raum betrete: "Woah ist das stickig hier", ein Zustand, dem immer und sofort abgeholfen werde. Weil nach innen so viel Luft von außen ströme, würden Deutsche "gerne Schals" tragen.

Nun ist das ja immer so bei der Beschreibung nationaler Eigenarten: Sie sind so überzeichnet, dass sie eigentlich nie ganz stimmen können. Wer regelmäßig das Zimmer eines germanischen Teenagers betritt, weiß um die Begrenztheit länderspezifischer Vorlieben. Das Odeur darin erinnert meist eher an einen Pumakäfig als an einen Alpengipfel. Andererseits: Während es im Englischen offenbar noch nicht einmal adäquate Worte fürs Stoß- wie fürs Querlüften zu geben scheint, zeigt sich hierzulande auf einschlägigen Seiten ausgeprägtes Fachwissen. So empfiehlt die "Innenraumlufthygiene-Kommission" des Umweltbundesamtes, bei Sport fünfmal pro Stunde zu lüften, und grundsätzlich nach Husten und Niesen "unmittelbar", und so steht auf einer Plattform für Hausbesitzer eine Tabelle mit jahreszeitlichen "Richtwerten" für den "Lüftungsvorgang" ("Während der Heizperiode reichen fünf Minuten pro Lüftungsvorgang aus").

Was aber ist mit den gar nicht so wenigen Menschen, die der deutschen Liebe zur Luft misstrauisch gegenüberstehen, weil sie nicht im Zug sitzen wollen? Die, laut Guardian, gerne das Bonmot bemühten, "Erfroren sind schon viele, erstunken ist noch keiner"? Geöffnete Fenster bei kalten Temperaturen könnten durchaus einen steifen Nacken begünstigen, lässt sich Bernd Kladny von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie in der Wirtschaftswoche zitieren. Andererseits könne man sich ja auch schon aus Sorge vor kalter Luft verspannen. Das wiederum sind Aspekte des Lüftens, bei denen man in diesem Pandemie-Winter vielleicht auch einfach mal auf Durchzug schalten kann.

© SZ
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