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Loveparade-Unglück in Duisburg:Die Frage nach der Schuld

Die Massenpanik auf der Duisburger Loveparade forderte 19 Todesopfer. Ein Tunnel wurde für viele Technofans zur Falle. Nach der Katastrophe steht die Frage im Raum: Wer trägt die Verantwortung für die Katastrophe?

Die Katastrophe bei der Duisburger Loveparade hat eine Welle von Trauer und Entsetzen ausgelöst - und schon kommt die Frage nach der Verantwortung auf. Bundespräsident Christian Wulff und die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) forderten eine rückhaltlose Aufklärung.

Mindestens 19 Menschen kamen bei der Massenpanik ums Leben. Außerdem seien 342 Verletzte gemeldet worden - wie schwer ihre Verletzungen waren, blieb zunächst unklar.

Hunderttausende Technofans hatten sich am Samstagmittag auf den Weg zum alten Duisburger Güterbahnhof gemacht. Sie wurden aus zwei Richtung dorthin geleitet, die Menschenmassen trafen zwischen zwei Tunneln aufeinander, wo ein gepflasterter Weg zum Güterbahnhof hinaufführt. Nach Zeugenaussagen entstand dort eine unerträgliche Enge. Menschen versuchten, eine Mauer und eine Treppe hinaufzuklettern. Als einige von ihnen aus mehreren Metern Höhe in die Menschenmasse unter ihnen stürzten, brach nach Polizeiangaben Panik aus.

Fahrlässigkeit, mangelnde Sicherheitsvorkehrungen und Profitgier - die Kritik an den Veranstaltern ließ nicht lange auf sich warten. Doch Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) verteidigte das Sicherheitskonzept für die Veranstaltung als "stichhaltig". Auf der Pressekonferenz an diesem Sonntag im Duisburger Rathaus werden weder Partystimmung noch neue Besucherrekorde ein Thema sein, sondern der traurige Ausgang eines der größten deutschen Musikfestivals. Dabei dürfte die Frage im Vordergrund stehen, ob es richtig war, bei der Erwartung von mehr als einer Million Besuchern und einem Gelände für maximal 250.000 Menschen nur einen Zugang anzubieten, der wiederum nur durch Tunnel erreichbar war. Sauerland sagte bereits: Es "lag nicht am Sicherheitskonzept, das nicht gegriffen hat, sondern wahrscheinlich an individuellen Schwächen."

Der Cheforganisator der Kulturhauptstadt "Ruhr.2010", Fritz Pleitgen, sagte nach dem Unglück: "Ganz klar fühle ich mich auch mitverantwortlich, aber eher im moralischen Sinne". Die Loveparade galt im Vorfeld als eine der wichtigsten und größten Veranstaltung zur "Ruhr.2010" im Kulturhauptstadtjahr. Pleitgen betonte, er könne nicht sagen, wie es zu dem Drama gekommen sei. Das Kulturhauptstadt-Projekt sei "mittelbar beteiligt". Die Veranstaltungen würden nun aber nicht abgesagt. "Da wir nicht lauthals losfeiern, werden die Veranstaltungen weiter gehen. Wir werden uns immer erinnern, was hier geschehen ist", so Pleitgen.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) kritisierte das Sicherheitskonzept der Veranstalter hingegen heftig. Es sei sehr gefährlich, bei Massenveranstaltungen das Gelände fast komplett einzuzäunen, sagte der stellvertretende Berliner GdP-Vorsitzende, Michael Reinke. Bei der Loveparade in der Hauptstadt bis zum Jahr 2006 habe es dagegen weite Ausweichflächen im Berliner Tiergarten gegeben. Ein Tunnel als einziger Fluchtweg habe in Duisburg zur Katastrophe geführt: "Dort fühlt man sich eh schon eingeengt. Bei einer Panik verhalten sich die Massen wie eine Rinderherde."

Feuerwehren und andere Rettungsdienste auch aus dem weiteren Umland starteten nach der Massenpanik einen gigantischen Einsatz. Die am Partygelände vorbeiführende Autobahn 59, die aus Sicherheitsgründen ohnehin gesperrt war, wurde zum Anlaufpunkt für Rettungsfahrzeuge und Hubschrauber. In den Tunnels, in denen sich die Katastrophe abspielte, fuhren noch Stunden später Notarztwagen mit Blaulicht. Leichtverletzte Loveparade-Besucher wurden mit Bussen in Kliniken gefahren. Bis nach Mitternacht verließen Leichenwagen den Unglücksort. Die Polizei hatte das Gelände mit Zäunen und Sichtblenden weiträumig abgesperrt. In der Nacht kamen erste Trauernde zu dem Tunnel, um ihr Mitgefühl mit den Opfern zu bekunden. Einige zündeten Kerzen an.

Die Loveparade unter dem Motto "The Art Of Love" gilt als eine der wichtigsten und größten Veranstaltungen zur "Ruhr.2010" im Kulturhauptstadtjahr. Die Raver-Parade war 1989 in Berlin gegründet worden und ist 2007 ins Ruhrgebiet gezogen. 2009 hatte die Stadt Bochum kein geeignetes Gelände gefunden. In Duisburg fand sie erstmals auf einem abgeschlossenem alten Bahngelände mit nur 15 Wagen, den sogenannten Floats, statt. Dabei musste lange um die Finanzierung gekämpft werden. Die hoch verschuldete Stadt steht unter Haushaltsaufsicht und brauchte für ihre Ausgaben die Zustimmung des Landes.

Im Sommer 2011 sollte die Loveparade in Gelsenkirchen Station machen. Ob sie stattfindet, ist allerdings fraglich.

© sueddeutsche.de/dpa/cag/boen

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