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Falsche Zitate:"Das Wort Idiot hätte Loriot nie verwendet"

Loriot erhält Kulturellen Ehrenpreis 2007 der Stadt München

Er hat viel Kluges gesagt, aber eben nicht alles, was man ihm heute zuschreibt: der 2011 verstorbene Humorist Vicco von Bülow alias Loriot, hier während einer Preisverleihung 2008.

(Foto: Frank Mächler/dpa)

Ein schlauer Ausspruch des Humoristen passend zur Corona-Krise macht seit Kurzem die Runde in sozialen Netzwerken. Nur: Er hat ihn nie gesagt. Ein Gespräch mit Gerald Krieghofer, Experte für "Kuckuckszitate".

Schlaue Sätze für besondere Situationen - wie empfänglich viele dafür sind, zeigt ein Zitat, das seit Wochen durch die sozialen Medien geistert: "In Krisenzeiten suchen Intelligente nach Lösungen, Idioten suchen nach Schuldigen." Es wird auch von Journalisten, Politikerinnen, Professoren gepostet und geteilt. Und dem Humoristen Loriot zugeschrieben. Der aber hat das nie gesagt, wie Gerald Krieghofer, 67, herausgefunden hat. Der Wiener Philosoph geht seit mehr als zehn Jahren in seinem Blog "Falschzitate" entstellten oder frei erfundenen, sogenannten "Kuckuckszitaten", nach. 493 vermeintliche Zitate, von Adorno bis Zola, sind dort inzwischen aufgeführt.

SZ: Herr Krieghofer, wann ist Ihnen das vermeintliche Loriot-Zitat erstmals untergekommen?

Gerald Krieghofer: Der Stuttgarter Bibliothekar Bernd-Christoph Kämper hat mich darauf aufmerksam gemacht. Ihm war dieses Zitat am 11. Mai aufgefallen.

Interview am Morgen

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Und es kam Ihnen komisch vor?

Ich hatte noch nie davon gehört. Also habe ich angefangen, es zu überprüfen.

Wie gehen Sie dabei vor?

Durch die Digitalisierung und durch die Suchmaschinen, in denen man chronologisch suchen kann, geht das viel schneller als noch vor wenigen Jahren. Kämper und ich haben gleichzeitig losgelegt. Er hat herausgefunden, dass das Zitat am 5. Mai erstmals auf einer Facebook-Seite Loriot zugeschrieben wurde. Ohne Loriot als Quelle ist es das erste Mal Ende März ebenfalls auf Facebook gepostet worden. Und wir haben ermittelt: Es kommt aus dem spanischen Sprachraum.

Dort liegt der Ursprung?

Ja, da ist es haufenweise aufgetaucht etwa ab Mitte März. Durch ein Youtube-Video einer bekannten Schauspielerin, in dem sie es erwähnt, wurde es dann richtig populär. Es ist einfach das perfekte Zitat für die Corona-Krise.

Haben Sie eine Erklärung, warum man es in Deutschland Loriot zugeschrieben hat? Einem Humoristen?

Da gibt es eine interessante Vermutung: In Italien wurde das Zitat recht schnell dem dort sehr bekannten Humoristen Totó zugeordnet. Vielleicht ist deswegen bei uns Loriot daraus geworden. Aber da habe ich keine Gewissheit.

Ist Loriot ein passender Pate für diesen Satz?

Man kann schon eine Typologie erstellen, wem welche Zitate gerne untergeschoben werden. Politisch starke Zitate landen bei Churchill oder Bismarck. Lustige sind eher für Mark Twain oder Bernard Shaw. Offensichtlich hat Loriot eine Autorität, auch wenn man bei ihm gerne an die Nudel an der Nase denkt. Wobei die Kenner von ihm sagen: Das Wort "Idiot" hätte Loriot nie verwendet.

Können Sie als Experte falsche Zitate "riechen"? Einfach, weil sie in Wortwahl und Formulierung so gar nicht nach ihrem Urheber klingen?

Was Dante unterschoben wird oder Franz von Assisi: Unglaublich! Jeder, der sich nur einen halben Nachmittag mit den beiden beschäftigt hat, müsste merken: Das kann gar nicht passen. Aber viele haben ein schlechtes Gehör dafür.

Haben Sie ein Beispiel?

"Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der andere packt sie kräftig an und handelt". Das wird Dante zugeschrieben, gerne bei Manager-Seminaren. Seit Jahrzehnten.

Aber warum Dante? Ein Dichter, der in der "Göttlichen Komödie" die Hölle beschrieben hat?

Eben. Aber es taucht immer wieder auf, schon 1983 bei einer Rede eines Unionspolitikers im Bundestag. Kuckuckszitate finden ihren Weg übrigens gerne in Parlamente. Weil sie argumentative Kraft geben: Sieh, schon Dante konnte dich widerlegen. Bereits Churchill wusste das. Auch der AfD-Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland, der angeblich ein Bismarck-Experte ist, hat schon ein Kuckuckszitat von ihm verwendet.

Coronavirus - Beratung der Landesregierung

Bienen und Physiker: Die Politikerin Manuela Schwesig zitierte im vergangenen Jahr Albert Einstein falsch.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, lag im vergangenen Jahr daneben, als sie Albert Einstein zitierte: "Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, keine Menschen mehr."

Das hat 1944 irgendein konfuser Imker Einstein zugeschrieben. Und jedes Mal, wenn Bienen sterben, taucht seitdem in irgendwelchen Artikeln dieses Zitat auf. Die Leute bedenken nicht, dass Einstein kein Biologe war und kein Prophet, sondern Physiker. Aber warum sollte ein Physiker etwas über Bienen sagen?

Sie stellen nun schon seit mehr als zehn Jahren Zitate richtig. Mit welchen Handgriffen könnte ich als Laie solche Zitate denn selbst auf Herz und Niere prüfen?

Als Erstes sollte man bei Google Books schauen, ob es vorkommt. 95 Prozent aller falschen Zitate lassen sich auf diese Weise innerhalb von ein paar Minuten identifizieren. Die restlichen fünf Prozent sind dann oft schon schwierig.

Wenn Sie bei diesen fünf Prozent fündig werden: Packt Sie dann so etwas wie ein Entdeckerstolz?

Da kommt man sich fünf Minuten wie Sherlock Holmes vor, ja. Stolz war ich, als ich einem der berühmtesten Zitate von Gustav Mahler nachging: "Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers." Das hat der italienische Sozialdemokrat Matteo Renzi noch 2015 zum Zentrum einer Rede gemacht. 1988 tauchte es erstmals in einem Interview auf. Und wenn ein Zitat das erste Mal in einem Interview auftaucht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es nicht echt ist. Dann schaut man weiter, und sieht: Aha, es wird auch noch Papst Johannes XXIII. und einem Fürsten zugeschrieben. Dann bin ich darauf gekommen, dass es eigentlich der französische Sozialist Jean Jaurès 1910 gesagt hat. Das war eine schöne Recherche. Aber als meine Tochter Matura (das österreichische Abitur, d. Red.) machte, da tauchte das Zitat wieder falsch auf. In der Rede der Direktorin! Neben drei anderen falschen Zitaten, die sie verwendete. Es ist also nicht nur die Facebook-Welt, in der das passiert. Ich finde das nicht nur amüsant. Die vielen falschen Zitate auf Todesanzeigen, bei Festreden und sogar in Dissertationen sollten uns nicht egal sein.

Offenbar bedürfen schlaue Gedanken einer Adelung durch einen prominenten Namen.

Ja, man erträgt es nicht, dass ein normaler Mensch etwas Gutes sagt. Ein Sponti-Spruch der 70er-Jahre war: "Stell dir vor, es gibt Krieg, und keiner geht hin." Das stand damals häufig an Hauswänden. Aber seit 20 Jahren wird das Bertolt Brecht untergeschoben, der das nie gesagt hat.

Gerald Krieghofer - Zitateforscher

"Die vielen falschen Zitate auf Todesanzeigen, bei Festreden und sogar in Dissertationen sollten uns nicht egal sein": Gerald Krieghofer, 67, ist langjähriger Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften in Wien.

(Foto: privat)

Herr Krieghofer, Sie haben auf Ihrer Seite inzwischen 493 Zitate widerlegt. Aber es gibt immer noch ein paar sehr berühmte Zitate, die dort nicht zu finden sind. Wollen wir einen kurzen Schnelltest machen?

Nur zu.

"Man sieht nur mit dem Herzen gut."

Das stimmt, Antoine de Saint-Exupéry, "Der kleine Prinz". Richtig.

"Die Jugend liebt heute den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt mehr vor älteren Leuten und diskutiert, wo sie arbeiten sollte."

Ein tolles Zitat. Hat sich vermutlich jeder Heranwachsende an der Schule anhören müssen. Jahrzehntelang hat man gesucht, wo das Platon geschrieben haben könnte. Dann hat ein amerikanischer Zitatforscher herausgefunden, dass das das erste Mal 1907 in einer englischen Dissertation auftaucht. Es stimmt nicht.

"Mit 50 hat man das Gesicht, das man verdient."

Soll von George Orwell sein. Das habe ich mir aber noch nicht genau angeschaut. Da kann ich jetzt nur raten.

Klingt es nach Orwell?

Ehrlich gesagt: nein. Es ist nicht elegant genug. Ich vermute, es ist ein altes Sprichwort.

Das Zitat von Loriot, das nun in der Welt ist: Glauben Sie, es wird durch Ihre Aufklärungsarbeit bald wieder verschwinden?

Ohne die Intervention von Kämper und mir wäre es vermutlich schon weiter verbreitet. Ganz verschwinden wird es nicht mehr.

Aber in einer Politikerrede wird es eher nicht mehr auftauchen, oder?

Das ist schon passiert: Der CSU-Generalsekretär Markus Blume hat Loriot vor Kurzem damit zitiert.

© SZ/zip

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