bedeckt München 20°

Loriot wird achtzig:Unter Möpsen und Menschen

Wenn im offiziell Nichtigen das Geltende und im offiziell Geltenden das Nichtige sichtbar wird - Besuch bei dem Schöpfer einer ganz speziellen, großartigen Welt.

Münsing, 11. November - "Wenn Sie", bittet mit leiser Stimme Bernhard Victor Christoph Carl von Bülow, der von seinen Freunden Vicco genannt wird, von der fühlenden Menschheit aber Loriot, "wenn Sie einen lächerlichen Garderobefehler entdecken, dann sagen Sie es mir bitte." Es geht um ein Foto, und obwohl kein Garderobefehler, schon gar kein lächerlicher, an dem alten Herrn zu entdecken ist, streift ihm seine Frau Romi ebenso sorgsam wie resolut Hemdbrust und Haare glatt. Man müsse wissen, fährt Loriot fort, dass ihm, wann immer er für Filmaufnahmen in der Ecke des berühmten Sofas Platz nahm, das Jackett von hinten sechs- oder siebenfach mit Fäden festgezurrt wurde, damit es nur ja keine Falten warf.

Perfekte Besetzung auf dem Sofa: Bernhard Victor Christoph Carl von Bülow und Evelyn Hamann.

(Foto: Foto: dpa)

Vorsicht im Alter

Hier im Wohnzimmer bleibt das Sofa leer, die Strickweste unverzurrt. Loriot hat sich in einem Polstersessel niedergelassen und die Beine so elegant übereinander geschlagen wie nur je in der Ecke des genannten Sofas. Als Tribut an die 80 Jahre, die er jetzt wird, deutet er an, dass man in diesem Alter nicht mehr allzu jäh aufstehen sollte, widrigenfalls mit kurzzeitiger Blutarmut im Kopfe zu rechnen wäre.

Ein echter Mops

Über dem Sofa hängen Loriots Vorfahren in Öl, unter ihnen prominent der Urururgroßvater. Auf Fenstersimsen und Möbelkanten: Möpse in allen Varianten, zu denen Mopsenliebe und Kunsthandwerk fähig sind. Der einzige echte Mops, der den Bülows verblieben ist, heißt Emil und hat, seiner Lebhaftigkeit ungeachtet, überaus schlechte Augen. Er ist fast blind, wie man leider sagen muss, und man denkt bei seinem Anblick an den Philosophen Odo Marquard. Nicht dass er wie Emil aussähe, bewahre, aber Marquard konstatierte einmal, dass der Mops deswegen Mops heiße, weil die Menschen sich ihre Menschlichkeit von ihm mopsen müssten.

Mehr Knollennase wagen

Man soll dergleichen nicht nur dem Mops Emil zuliebe referieren, sondern auch um zu belegen, auf welch gewaltiger Höhe die Exegese von Loriots Person und Werk mittlerweile rouliert. Odo Marquard äußerte sich zu Loriot, als dieser vor einigen Jahren den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor bekam, und seine Kernthese lief darauf hinaus, dass der Humor im offiziell Nichtigen das Geltende und dadurch im offiziell Geltenden das Nichtige sichtbar werden lasse. Dem ist umso freudiger zuzustimmen, als Marquard darüber hinaus auch konkret wurde und die Loriotschen Knollennasen mit dem Horazischen respektive Kantischen "Sapere aude!" in Verbindung brachte: Man müsse mehr Knollennase wagen, also mehr auf die menschliche Endlichkeit achten, deren Attribut sie, die Knollennase, nun einmal sei.

Im Sog des Loriotschen Figurenhimmels

So oder so ähnlich jedenfalls Odo Marquards Gedanken, und wenn sie nicht nachweislich von ihm wären, könnten sie gut und gerne auch von Loriot sein, der sie, etwa in seiner Personifikation als Professor Damholzer, sicher kompetent vorzutragen gewusst hätte. Indem man darüber nachsinnt, ist man schon mitten im Sog des Loriotschen Figurenhimmels, gar nicht weit von der Versuchung, Marquard für eine schöne Erfindung und Maske Loriots zu halten, und nur die Tatsache, dass der Geehrte damals in Kassel unter den Zuhörern war, sichert seinem Laudator die Existenz. Immerhin bewies der Philosoph durch seine Preisrede, dass er notfalls auch als Parodist sein Auskommen fände.

Sofortige Wiedererkennung

Seit gut einem halben Jahrhundert arbeitet Loriot an seinem ebenso seltsamen wie amüsanten Kosmos, einer vermeintlichen Über- und Gegenwelt, die aber in Wirklichkeit das genaue, durch parodistische Brechung nur unwesentlich getrübte Spiegelbild unserer alltäglichen Welt ist. Es gibt kaum einen Menschen hier zu Lande, der sich in den Geschöpfen dieses Kosmos, den knollennasigen Stresemannträgern, terroristischen Tieren, feindselig liebenden Ehepaaren, Jodelschülern oder in ihrem Sprachschrott gefangenen Medienleuten, nicht sofort wiedererkennen könnte. Es wird eine wunderbare Aufgabe für die Nachwelt sein, durch vergleichende Forschung herauszufinden, ob und wann die beleidigt vorkragende Oberlippe der Lorioten zu einem Körpermerkmal der Deutschen wurde und in deren Erbmasse einging.

Genauigkeit im Handwerklichen

Wie fast alle professionellen Schöpfer macht Loriot nicht viel Aufhebens von seiner Arbeit, die ja, vom Fleiß einmal abgesehen, nichts Geringeres zum Ziel hatte, als das Chaos mit den Werkzeugen der Präzision in eine Gestalt zu zwingen, und zwar in eine möglichst angenehme. Dieses Thema ist Loriot eine Herzensangelegenheit, da kommt er, mit Verlaub, richtig in Fahrt. Die Genauigkeit im Handwerklichen, die man ihm nachsage, habe nichts mit Pedanterie zu tun, wohl aber sehr viel damit, dass die von ihm produzierte Komik nach strengen rhythmischen und formalen Kriterien funktioniere. Die geringste Unstimmigkeit, und der fein austarierte Mechanismus der Heiterkeit komme ins Stocken.

Wer unseren Mann nun noch weiter aus der Reserve locken will und ihm damit kommt, was für eine großartige Welt ihm da doch gelungen sei, der wird seiner Schmeichelei nicht froh, weil er dahingehend beschieden wird, dass sich das alles halt so ergeben und entwickelt habe, unter der Hand gewissermaßen. "Ich hab's gemacht", sagt er ebenso sanft wie dezidiert, "ohne inneren Auftrag." Ob er innerlich glüht vor Freude, dass sich auch ohne Auftrag alles so wunderbar gefügt hat, ist dem feinen Alten nicht anzumerken; äußerlich, fürs Protokoll gewissermaßen, begnügt sich Loriot mit freudigem Erstaunen darüber, dass Zwölfjährige heute noch mit seinem Œuvre etwas anfangen könnten.

Ausdauer und Pflichtgefühl

Obwohl Vicco von Bülow, der gebürtige Brandenburger, bald fünf Jahrzehnte in Bayern lebt, und das noch dazu am notorisch schönen und vor folkloristischem Schnickschnack nie ganz sicheren Starnberger See, hat er sich dem Gastvolk nie anverwandelt. Er ist Preuße geblieben, wiewohl keiner, der dem in Bayern umlaufenden Klischee vom lärmenden, siebengescheiten Renommierer entspräche; dafür hält er auf Ausdauer, Pflichterfüllung und Genauigkeit. Manchem Bayern dürfte das ähnlich suspekt vorkommen, wie wenn Loriot ständig mit dem Säbel rasselte, doch wird er im Zweifel eher vom stillen als vom lauten Preußen denken: Ja, wenn sie nur alle so wären!

Über seine Ahnen

Von seinen fernen Vorfahren erzählt Loriot, dass einst ein Ritter einem Vogel folgte, der einen Ring im Schnabel hatte, und als der Vogel anhielt und den Ring fallen ließ, konnte der Ritter dort einen Schatz heben. Dieser fand, in Form von vierzehn goldenen Kugeln, ebenso Eingang ins Wappen wie der Vogel, und da es sich bei dem Vogel um einen Pirol alias Bülow handelte, hatte die Sippe ihren Namen weg: von Bülow. Der Schatz hat sich verflüchtigt, die Bülows aber blieben erhalten als ein weit verzweigtes, angesehenes Geschlecht von Soldaten, Landwirten, Politikern und Künstlern: Hans von Bülow beispielsweise, der große Dirigent und, wie man wohl sagen kann, Wegbereiter Wagners; Bernhard von Bülow sodann, der Reichskanzler und Erfinder der nachmals so wenig lohnenden "Nibelungentreue"; schließlich Viccos Großvater, der bei Hofe gern an den Tisch des Kaisers gesetzt wurde, weil er Majestät zu amüsieren verstand. Dem Enkel blieb es vorbehalten, den alten Wappenvogel unter dessen französischem Namen loriot zu neuen Höhenflügen zu führen.

Münsing ist in diesen Tagen vor dem großen Geburtstag wie wattiert von Nebel. Da ist man beinahe intim mit dem Jubilar und kann es riskieren, ihn mit der da und dort kolportierten Vermutung zu konfrontieren, es führe von Goethe über Thomas Mann eine Linie bis zu ihm - tatsächlich identifizierte ihn, den Mann in der Sofaecke, ein namhafter Literaturkritiker als den "Geist der Erzählung" im Thomas Mannschen Sinne.

Loriot sieht einen dabei an wie der von ihm erfundene Ehemann, dem man sagt, seine Frau sei sehr sympathisch, und der darauf antwortet: "Ach was!?" Zu Goethe lässt er sich, Nebel hin oder her, nichts entlocken, wohl aber zu Thomas Mann, dessen mit Ironie unterfütterte Tüfteligkeit ihm in hohem Maße zusagt. Sein Vater, ein sowohl ernster als auch witziger Mann, mochte den Romancier übrigens keineswegs, sondern reagierte überaus empfindlich, wenn er in den "Buddenbrooks" oder im "Zauberberg" mit so lustigen Sachen wie dem Verfall einer Familie oder einem pfeifenden Pneumothorax konfrontiert wurde.

Der Virtuose auf dem Thron

Dass Loriot ein Faible für den Alten Fritz hat, ist besser bekannt als der Grund dafür: Weil Friedrich der Große seine künstlerischen Ambitionen einem ungeliebten Beruf unterordnen musste und sich trotzdem seine geistige Freiheit zu bewahren vermochte. Den Flötenspieler auf dem Thron hat Loriot übrigens auf seine Weise ins Werk eingebaut, nämlich als den Flötenvirtuosen, der nie zum Spiel kommt, weil sich die Zuhörer in letzter Sekunde ständig umgruppieren. Noch heute kann er die vergeblich ansetzenden Mundbewegungen des Künstlers so getreulich nachahmen, dass man weinen möchte, wenn man's nur vor lauter Lachen könnte.

Lebensbilanz? Nicht mit Loriot

Zu einer Lebensbilanz, und sei sie nur provisorisch, ist einer wie Loriot nicht zu bewegen, was bei seiner altpreußischen Enthaltsamkeit in solchen Dingen auch nicht weiter verwundert. Zu einem wenigstens lässt er sich hinreißen, nämlich zu dem Wunsch, dass ihm die Kritik der eigenen Arbeit gegenüber erhalten bleibe beziehungsweise dass er es rechtzeitig merke, wenn er, was mit achtzig ja vorkommen könne, in der Qualität nachzulassen beginne.

Nachfrage: Ob er, indem er die Deutschen durch seine lustigen Arbeiten auf die Grundmuster ihres Verhaltens aufmerksam machte, ihre Fähigkeit zur Selbsterkenntnis gefördert habe? "Das ist Ihre Auslegung", erwidert er. Und wenn es so war? "Dann würde ich sehr glücklich sein."

Als Loriot kürzlich von der Universität der Künste in Berlin zum Honorarprofessor ernannt wurde, wiegelte er selbst in seiner Antrittsrede gehörig ab: Man habe wohl einen bejahrten Herumstreuner resozialisieren wollen. Der Ehre entging er dennoch nicht, denn sein Freund Peter Wapnewski sagte ihm auf den Kopf zu, dass er die vox humana in den Mittelpunkt seiner Kunst stelle. Das ist ganz allgemein die Menschenrede, speziell aber ein Orgelregister wie die vox angelica und die vox caelestis, die Engels- und die Himmelsstimme. Und da wir nun schon so weit oben sind, sollten wir nicht verschweigen, dass der Vogel Bülow, der Loriot, unter seinen vielen Namen auch den eines "Gottesvogels" führt.

Mitfeiern

"Loriot", Bayerische Akademie der Schönen Künste, Max-Joseph-Pl.3, Sa., 8.Nov., bis 25.Jan., tägl. außer Mo. 10-17 Uhr, T. 089 - 29 00 770;

"Loriots Dramatische Werke", Komödie im Bayerischen Hof, Promenadepl.6, Premiere: Di., 11. Nov., 20 Uhr, T. 089 - 29 2810 und 089 - 29 161 633.

13. November 2003, 20.15 Uhr, ARD: "Loriots 80. Geburtstag".

(SZ vom 12.11.2003)