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Youtube:Aus den "Lochis" werden "die Lochmanns"

Abschiedskonzert der Lochis

Nehmt Abschied, Brüder: Die Lochis bei ihrem letzten Konzert.

(Foto: Roberto Pfeil/dpa)

Mit Songs und Sketchen sammelten sie Millionen Fans im Netz. Jetzt erfinden sich "Deutschlands bekannteste Zwillinge" neu - und lassen ein gesamtes Fan-Universum verunsichert zurück.

Von Nadeschda Scharfenberg

Die berühmtesten Zwillinge Deutschlands, sind das nicht Lotte und Luise? Oder wenigstens Alice und Ellen Kessler? Oder ganz vielleicht noch Lars und Sven Bender? Nein, "wir sind die Lochis: Heiko und Roman Lochmann. Wir sind Deutschlands bekannteste Zwillinge", schreiben eben diese Lochis auf der Startseite ihres Youtube-Kanals. Leute, die in ihrer Kindheit Erich Kästner gelesen haben und noch lineares Fernsehen und dort insbesondere die "Sportschau" schauen, mögen sich fragen: Heiko und Roman wer? Die anderen, die lieber netflixen und youtuben und das Lesen eher für ein notwendiges Übel erachten, sagen: Na klar, die Lochis!

Heiko und Roman Lochmann also, 20 Jahre alt, "aus dem beschaulichen Riedstadt nahe dem südhessischen Darmstadt", wie die Deutsche Presse-Agentur sehr präzise lokalisiert. Zwei Twens aus der deutschen Provinz. Mit 2,7 Millionen Youtube-Abonennten und eineinhalb Millionen Instagram-Followern - pro Zwilling wohlgemerkt.

Die Lochis sind ein sogenanntes Phänomen, sie stehen also für etwas, was man bis vor Kurzem so nicht kannte. Musiker werden, Hallen füllen, Bühnen rocken, das war einmal mühsame Fleißarbeit mit Demo-Tapes, Verhandlungen mit Plattenfirmen, windigen Managern und falschen Versprechungen. Das kann heute immer noch so sein, muss aber nicht. Heute gibt es Youtube.

Justin Bieber zum Beispiel ist einer, der seine ersten Songs im Internet hochlud, oder Adele, der schon gestorbene schwedische DJ Avicii, der Rapper Cro. Und die Lochis. Auf deutsche Quatsch-mit-Soße-Art.

Vor dem Einschlafen bitte kein Spüli trinken!

Im Alter von zwölf Jahren fingen die Lochmann-Zwillinge an, im heimischen Wohnimmer im beschaulichen Riedstadt nahe dem südhessischen Darmstadt Videos zu drehen und ins Internet zu stellen. Parodien bekannter Songs zum Beispiel oder nützliche Tipps, was man beim Einschlafen vermeiden sollte (Lederjacke anziehen, Spülmittel trinken). Und auch ein pinker Dildo kommt vor, hihi, kicherkicher! Auch ein paar selbst geschriebene Lieder sind dabei, denn: "Wir sind nicht die besten Gitarristen, aber zum Songschreiben reicht es allemal", sagten sie einmal der Frankenpost. Insgesamt eine Milliarde Mal wurden ihre Filmchen angeklickt, angeblich verdienen sie alleine mit Youtube 19 000 Euro pro Monat.

Sie sind aber nicht im Internet geblieben, sondern sind raus in die reale (und doch irgendwie immer surrealer werdende) Welt. 2013, zwei Jahre nach dem Start ihres Videokanals, schafften sie es mit dem Song "Durchgehend Online" in die deutschen Singlecharts, Reim-Kostbrobe: "Meine Mum checkts ned', für sie ist alles hightech. Damals gab's kei' Internet. Jetzt schon, was ein Dreck!" Kurz darauf spielten sie zum ersten Mal live, und ihr Debutalbum #Zwilling, produziert von Department Music, landete auf Platz eins. Mittlerweile sind sie bei Warner Music unter Vertrag.

Jetzt soll das alles schon wieder vorbei sein, am Samstag haben die Lochis ihr letztes Konzert gespielt, in der Dortmunder Westfalenhalle vor 7500 Fans, die sich selbst "Lochiversum" nennen. Der Kartenverkauf für ihre Tournee lief so lala, vielleicht passen manche Formate doch besser ins Internet. Wobei: Ihren Youtube-Kanal legen sie jetzt dann auch bald still.

"Wir haben uns Die Lochis genannt, da waren wir zwölf", riefen sie in Dortmund ihrem Publikum zu. "Und jetzt sind wir erwachsen." Die dpa zitiert eine Lara, 17: "Das ist so krass, dass das jetzt einfach vorbei ist." Und was sagen die Lochis? Sie wollen sich jetzt "Die Lochmanns" nennen und weiter irgendwas mit Musik machen. "Gerade im Online-Bereich musst du bestimmte Dinge erfüllen, damit die Algorithmen dich überhaupt finden", sagte Heiko Lochmann kürzlich dem Focus. "Da wird Content oft nicht mehr erstellt, weil man ihn gut findet, sondern weil er ins System passt. Das verstehe ich, aber langfristig ist es wichtiger, das zu machen, wofür man brennt." In Dortmund verabschiedeten sie sich mit den Worten: "Unsere Geschichte ist noch lange nicht vorbei." Klingt ein bisschen wie eine Drohung.

© SZ vom 30.09.2019/jael
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