Lindenberg wird 60 Suite, Suite Darling

Udo Lindenberg ist der berühmteste Deutsche mit Hauptwohnsitz Hotel. Er gehört zu einer aussterbenden Art.

Von Martin Zips

Keanu Reeves wohnte sieben Jahre lang im Hotel. Nabokov sogar sechzehn. Coco Chanel starb in der Suite. Und Lizarazu ist gerade ausgezogen.

Panikrocker Udo Lindenberg wird 60.

(Foto: Foto: dpa)

Manche Menschen lieben das Leben im Hotel. Weil Hotels Orte zwischen Heimat und Fremde sind, zwischen Konsum und Enthaltung, zwischen Bindung und Freiheit. Anders gesagt: "Privatheit husch husch und Bühne." So formuliert es Udo Lindenberg, der berühmteste lebende Deutsche mit Hauptwohnsitz Hotel.

An diesem Mittwoch wird er 60. Anders als noch vor zehn Jahren feiert Lindenberg diesmal nicht im Umfeld von Barkeepern und Buchsbäumen. "Udo meint: Wenn ich 6000 Gäste einlade, dann sind immer noch 1000 beleidigt", sagt Udos Bruder Erich am Handy. Erich - ein Maler, der Hotels nicht so gern mag wie sein Bruder - kauft gerade ein Geschenk für Udo.

Erich sagt: "Der Udo feiert diesmal klein." An einem geheimen Ort. Ohne husch husch und so. Und dann? "Dann geht Udo wieder ins Hotel."

Panikrocker aus Gronau

Hotels sind wie Menschen. Manche protzen, manche sparen, manche sind offen für alles, andere grenzen sich ab. Das Kempinski Atlantic an Hamburgs Außenalster ist ein altes würdevolles Haus.

Seit elf Jahren ist es die Heimat des alten würdevollen Panikrockers aus Gronau - und zwei anderen namenlosen Dauergästen. Ein Grand-Rocker im Grand-Hotel. Nur auf den ersten Blick ein Widerspruch.

Das Atlantic mag seinen extraordinären Gast. Eine Linde im Innenhof ist ihm gewidmet. In der Bar hängen seine Bilder, auf seinem Fach an der Rezeption steht "Udo". Sein kleines Privatkino, er nennt es "Lindenberg-Lichtspiele", darf von jedermann gemietet werden. Es gibt auch ein Udo-Atelier unter dem Dach.

Der Ejakulator ist verschwunden

Nur der Ejakulator ist weg. Ein Schlagzeug, auf das der Musiker so gerne Farbe kippte und im Hotelkeller verspritzte. Doch seit ein paar Monaten ist der Keller eine schicke Party-Location. Und der Ejakulator ist verschwunden.

"Als ich begriff, dass ich dieses Licht jeden Morgen wiedersehen würde, konnte ich mein Glück nicht fassen", beschrieb der Maler Henri Matisse seinen Blick aus dem Hotel Régina in Nizza. Allein wegen dieses Lichts hatte er eine Suite im dritten Stock als Dauerquartier bezogen.

Lindenberg wiederum schätzt die Nacht und schaut sich im Fernsehen Marlon-Brando-Filme an. Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir indes, ebenfalls Hotelfans, bewohnten zwei dunkle Zimmer einer kleinen Unterkunft im XIV. Pariser Arrondissement. Im bürgerlichen Reihenhaus wären sie wahrscheinlich verrückt geworden.

Hoteldauergäste werden rar

Vladimir Nabokov schätzte das Palace Hotel in Montreux und Ernest Hemingway das Ritz in Paris. Klaus Mann bewohnte im erzwungenen politischen Exil das Hotel Bedford in New York. Hinter bezifferten Türen spielten und spielen viele Biografien. Autor Tennessee Williams erstickte 1983 in einem Hotel an der Verschlusskappe eines Sprühfläschchens! War es Mord?

Die Suche nach heutigen Dauergästen gestaltet sich schwierig. Allenthalben Diskretion am Tresen. Das erwartet der Gast. Immerhin: Fußballer Bixente Lizarazu, Franzose, wurde bis vor kurzem noch im Münchner Vier Jahreszeiten gesichtet.

Nun ist er ausgezogen und hat sich in den Ruhestand verabschiedet. Tennis- und Trennungslegende Boris Becker bevorzugt gelegentlich ebenfalls die Nähe zu Frühstücksbuffet und Handtuchwärmer. Und dann gibt es noch Eddi Arent. Dem gehörte sein Hotel sogar. Aber es ging Pleite. Immerhin muss er nicht ausziehen.

Freiheit ist Luxus, und Luxus kostet

Susanne Semmroth vom Hamburger Atlantic meint, dass das Phänomen "Hauptwohnsitz Luxushotel" heute nur noch selten anzutreffen ist. "Der Lebensrhythmus der Menschen hat sich verändert", sagt sie. "Vielleicht ist man heute nicht mehr so frei wie früher."

Freiheit ist Luxus. Und wer Luxus leben möchte, braucht Geld (auch Lindenberg bezahlt für sein Zimmer). Dass der Blick auf die Welt aus der Perspektive von Eiswürfelmaschine, Minibar und Früchtekorb ein sehr verzerrter Blick sein kann - das muss ja nicht stören.

Auf Stars wie Omar Sharif, noch so ein Lobbydauergast, könnte gerade dieser Blick anziehend wirken. Wie sagt Udo, sechzigjähriger Sohn eines Installateurs? "Leicht over the edge wird Künstlertum ideenreicher." Anders formuliert: Privatheit husch husch - und Bühne.