bedeckt München 15°

Ärger um bunten Leuchtturm:Was weiß war, soll weiß bleiben

Spanish artist Okuda San Miguel poses next to his mural on the Ajo lighthouse in Bareyo, Cantabria, northern Spain. Okud

Zu bunt? Der Street-Art-Künstler Okuda San Miguel vor dem von ihm bemalten Leuchtturm im Küstendorf Ajo.

(Foto: Miguel Ramos/Imago Images/Agencia EFE)

Der spanische Künstler Okuda San Miguel hat den Leuchtturm im Dorf Ajo kunterbunt angemalt. Zu bunt für einige Anwohner und Denkmalschützer. Nun tobt in der Region ein Kulturkampf.

Interview von Malin Hunziker

In Ajo, einem Küstendorf im Norden Spaniens, steht seit 90 Jahren ein Leuchtturm, und 90 Jahre war er weiß. Seit ein paar Wochen ist er knallbunt, der prominente Street-Art-Künstler Okuda San Miguel, 39, hat ihn mit geometrischen Mustern und Tierornamenten verziert. 45 000 Menschen haben den 16-Meter-Turm schon besucht, seit er so farbenfroh in der Landschaft steht. Aber es gibt in der Gegend auch Leute, denen das alles zu bunt ist. Sie finden: Was weiß war, sollte weiß bleiben. 4000 Anwohner haben eine Petition unterschrieben, eine politische Partei hat Beschwerde eingereicht. Mit so viel Ärger hätte der Künstler nicht gerechnet.

SZ: Herr San Miguel, Sie haben schon Burgen und Schlösser bemalt und jetzt den Leuchtturm. Tut es nicht auch eine Leinwand?

Okuda San Miguel: Ich mache tatsächlich beides. Also auch Studioarbeit, auf Leinwand. Aber ich liebe es, Orten und Plätzen neues Leben einzuhauchen. Ich habe auf der Straße als Graffiti-Künstler angefangen. Wegen der Reisebeschränkungen habe ich dieses Jahr erst vier Projekte im öffentlichen Raum gemacht. Letztes Jahr um diese Zeit waren es 60.

Und gibt es da jedes Mal so einen Stress?

Normalerweise bemale ich private Gebäude. Da habe ich nie Probleme. Aber der Leuchtturm gehört der spanischen Regierung. Darum gibt es anscheinend politische Gruppen, die gegen mein Kunstwerk sind. Das ist das erste Mal, dass jemand meine Arbeit in solchem Ausmaß ablehnt. Und das in meiner Heimat. Ich bin schon etwas erstaunt.

Nur erstaunt oder auch ein bisschen schockiert?

Ach, ich persönlich kann damit umgehen. Es ist mir egal, was Leute über mich denken, die den ganzen Tag nur damit beschäftigt sind, Hassbotschaften zu verfassen. Ich fühle mich gut, ich liebe meine Kunst und bin zu hundert Prozent von ihr überzeugt. Was mich traurig macht, ist meine Mama.

Warum das denn?

Weil sie alles liest, jeden Beitrag über mich, in jedem Blog und auf allen Social-Media-Kanälen. Meine Mama macht sich dann Sorgen. Sie denkt zu viel darüber nach. Ich sage ihr immer, sie soll nicht mehr alles lesen. Und die meisten Leute sind ja sehr glücklich über den bunten Turm.

Faro de Cabo Ajo - lighthouse on a cape near Ajo town on the Atlantic Ocean coast in Cantabria region of Spain. (Konrad Zelazowski)

So sah der Leuchtturm früher aus. Passt er in Weiß besser in die Landschaft?

(Foto: Konrad Zelazowski/Imago Images)

Was haben Sie denn Nettes zu hören bekommen?

Ich habe in Ajo in einem Hostel gewohnt, und die Familie, die das leitet, freut sich sehr, weil nun viel mehr Gäste kommen. Während ich gemalt habe, sind immer wieder Leute auf den Leuchtturm geklettert, um mir Gesellschaft zu leisten oder den Sonnenuntergang anzuschauen. Zwei Grundschulkinder haben mir Bilder gezeigt, die sie vom Leuchtturm gemalt haben.

Nach dem Turm-Projekt haben Sie für das Internationale Filmfest Oldenburg eine Hausmauer mit einem riesigen Graffito überzogen. Was malen Sie eigentlich als nächstes an?

Im November geht es nach Dubai, da werde ich ein großes Haus bemalen, mitten zwischen all den hypermodernen Gebäuden. Das muss man sich einmal vorstellen: eine flache Mauer-Leinwand, mitten in avantgardistischer moderner Architektur!

Wenn Sie die freie Auswahl hätten: Welches Gebäude würden Sie sich aussuchen?

Es gibt eine "Chicken Church" in China. Eine Kirche, die aussieht wie ein riesiges Hühnchen. Die ist völlig verlassen, eine Ruine. Ich habe sie zufällig entdeckt, als ich das letzte Mal im Internet nach freakigen Gebäuden auf der Welt gesucht habe. Die möchte ich bemalen!

© SZ/nas
Wolfgang Tillmans Interview

SZ Plus Corona-Kunst
:"Was verloren geht, könnte für immer verloren sein"

Wolfgang Tillmans zählt zu den renommiertesten Künstlern Deutschlands. Ein Gespräch über die zerstörerische Dynamik des Lockdowns, über Solidarität und die Möglichkeiten der Kunst in Zeiten der Pandemie.

Interview von Jens Bisky und Catrin Lorch

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite