bedeckt München
vgwortpixel

Letzte Gaultier-Schau:Au revoir!

Jean Paul Gaultier gilt in seiner Heimat als Heiligtum und weltweit als einer der bekanntesten Designer. Nun verabschiedet sich der französische Modeschöpfer mit einem Best of - virtuos und überbordend einfallsreich.

Könnte sein, dass nun tatsächlich das finale Schaulaufen eines wirklich Großen der Mode stattgefunden hat: Jean Paul Gaultier lässt sich feiern.

(Foto: Anne-Christine Poujoulat/AFP)

Zum Schluss ist es noch einmal die ganz große Bühne - und dazu so viel Wiederauferstehungssymbolik, dass sofort die Frage auftaucht: War es das vielleicht doch noch nicht mit Jean Paul Gaultier und der Mode? Vor einer Woche hatte der französische Modeschöpfer, in seiner Heimat ein Heiligtum und weltweit einer der bekanntesten Designer, auf Twitter überraschend seine letzte Show im Rahmen der Haute-Couture-Tage in Paris angekündigt. Daraufhin kollektive Schnappatmung in der Szene, "un coup de tonnerre", schrieb Le Monde, ein Donnerschlag.

Als sich am Mittwochabend die Gäste auf die Ränge und im Parkett des Théâtre du Châtelet verteilen, ist von Schwermut nicht viel zu sehen. Wieso wehklagen? Pariser Mode ohne Jean Paul, undenkbar, das Ganze kann einfach nicht wahr sein. Der 67-Jährige macht dann aber ziemlich Ernst mit seinem Ausstieg. Er lässt zum Auftakt eine nachtschwarze Trauergesellschaft aufmarschieren. Pompöse Musik, Blumenkränze, ein Sarg wird gebracht.

Als dem Schrein eine Art Geisha entstiegen ist, lässt sich das zwar sinnbildlich als Triumph über den Tod interpretieren, aber Gaultier präsentiert anschließend eine gut einstündige Show, die so virtuos und überbordend einfallsreich ist, wie es eine Abschiedsrevue eben zu sein hat. Während ein Model nach dem anderen sowie reichlich Prominenz von Amanda Lear bis Paris Jackson über den Laufsteg stelzt, dämmert den Zuschauern: Könnte sein, dass hier tatsächlich das finale Schaulaufen eines wirklich Großen der Mode stattfindet.

Gaultier, der aus einer Kleinstadt bei Paris stammt und als 18-jähriger Autodidakt bei Pierre Cardin anheuerte, hatte als junger Designer rasch den Ruf eines Enfant terrible. Er provoziert die elitäre Welt der Luxusmode mit Männerröcken, überflutet den Markt mit spitzbrüstigen Parfumflakons, holt sich die Inspiration für seine Kreationen von der Straße: das schwarze Leder der Halbwelt, viel Punk, die Blockstreifen und Schlaghosen der Matrosen.

Das ist in den Achtzigerjahren eine Sensation, gerade weil er den subversiven Grundton seiner Entwürfe mit höchster Schneiderkunst paart: präzise Schnittführung, Stilsicherheit bis in kleinste Details. Die Gaultier-Kundin ist eine Frau, die auffallen und doch unverkennbar pariserisch elegant sein will. Als der Designer 1990 das ikonische Bustier für Madonnas "Blond Ambition Tour" entwirft, ist er auf dem Höhepunkt seines Ruhms.

Madonna

Madonna in ihrem ikonischen Gaultier-Bustier 1990 in Dortmund.

(Foto: Franz-Peter Tschauner/dpa)

Inzwischen ist längst nicht mehr jede Kollektion ein Aufreger. Gaultier ist eine feste Größe, aber seine Differenzen mit der Luxusgruppe Puig, zu der sein Haus gehört, sind bekannt. 2014 die letzte Prêt-à-porter-Schau, er beschränkt sich auf Haute Couture. Und jetzt die Abschiedsgala zu Live-Songs von Boy George. Rüschenkleider im Tarnmuster, hautenge Torerohosen, Lingerie-Elemente und Anklänge an Reifröcke: Die Präsentation ist ein Best-of-Gaultier.

Er selbst erscheint am Ende tanzend in einer Art Blaumann auf der Bühne. Das sieht tatkräftig und nicht nach Abschied aus. Über Twitter lässt der Designer verlauten, seine Marke werde weiter bestehen. Ob mit oder ohne ihn, bleibt unklar. So oder so, die After-Show-Party ist gewohnt rauschend, wie immer bei JPG.

© SZ vom 24.01.2020
Zur SZ-Startseite