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Lena Meyer-Landrut:Schaut her, schaut weg

Eine Frau, viele Gesichter, alle davon auf Instagram.

(Foto: instagram.com/lenameyerlandrut)

Sie ist manchmal das nette Mädchen von nebenan, manchmal zickiger Popstar. Will Lena Meyer-Landrut das selbst so? Ein Treffen in Berlin.

Gerade befindet sich Lena Meyer-Landrut in Phase drei, nach eigener Zählung. Es ist die Phase ihres öffentlichen Lebens, in der sie in eine enge Berliner Parklücke rückwärts einfädelt und dann ausruft: "Wenn ich eins kann, du!" Sie sagt das in gespielt prolliger Aussprache, ziemlich witzig. Es ist aber auch die Phase, in der sie von ihren Ängsten erzählt. Manches in den vergangenen Jahren, so sagt sie es, war ein "Horrortrip".

Die Lena Meyer-Landrut des Herbstes 2019 chauffiert den Journalisten in ihrem Auto fröhlich plaudernd von einem Café in Prenzlauer Berg ins andere, weil es im ersten zu laut war. Und weil es dann immer noch laut ist, bietet sie an, das Aufnahmegerät während des Gesprächs selbst zu halten. Diese Lena ist eine andere als die, von der man in den vergangenen Jahren gehört hat. Schwer zu sagen, ob da nun eine neue Lena sitzt, jedenfalls wirkt es an diesem Nachmittag so, sie wirkt locker, nahbar. Sie sagt: "Ich habe das Gefühl, ich habe meinen eigenen Kern wieder freigeschaufelt."

Das konnte man in den vergangenen zehn Jahren ihrer Karriere nicht immer behaupten. Ganz am Anfang war sie das Mädchen von nebenan gewesen, die Normale, die für jeden erreichbar sein wollte. 2010 hatte die heute 28-Jährige mit ihrem Song "Satellite" den Eurovision Song Contest gewonnen. Wenn sie heute über damals spricht, sagt sie Sätze wie diesen: "Ich bin erstaunt darüber, wie lange ich mir ein kindliches Verhalten erhalten habe." Früher sei sie anderen Menschen unvoreingenommen begegnet. Trotz ihrer Kindheit. Meyer-Landrut trägt zwar den Nachnamen zweier deutscher Spitzendiplomaten. Sie wuchs aber ohne den Namensgeber alleine in einer kleinen Wohnung mit ihrer Mutter auf, ihr Vater verließ die Familie, als sie zwei war. "Ich bin damit aufgewachsen, dass es keine Kohle gibt", hat sie vor einiger Zeit einmal gesagt.

Und dann kam der Ruhm. Aus dem Mädchen wurde der Popstar, der arrogant wirken konnte und bei Fragen auch mal pampig reagierte. Wie mit Scheuklappen sei sie damals unterwegs gewesen, sagt Lena Meyer-Landrut heute: "Ich habe oft neuen Situationen keine Chance mehr gegeben und gedacht: Ich weiß ja eh, wie das wird." Wenn der Ruhm über einen hereinbricht, von einem Moment auf den anderen, dann kann sich das anfühlen wie eine Welle, die einen zu ertränken droht. Beispiele, denen es so erging, gibt es genügend, gerade in der Unterhaltungsbranche. Lena Meyer-Landrut tat, was viele vor ihr auch schon getan haben: Sie baute eine Wand zwischen sich und der Welt.

Die totale Überforderung

Wenn sie damals auf die Straße ging, wenn sie in einen Zug stieg, war immer auch die Angst da, angesprochen zu werden. "Ich war so verkrampft", sagt sie und ballt die Fäuste, wenn sie sich daran erinnert. Sie war 18, als der Erfolg über sie kam, die totale Überforderung. Der Umgang mit ihren Ängsten, das ist ein großes Thema für sie. In ihrem beruflichen Leben gibt es keine Konstante, jeden Tag verändert sich alles, sie sagt: "Deswegen fürchte ich mich unglaublich doll vor persönlicher Veränderung." Vermutlich weiß sie, dass man ihr diese Furcht nicht unbedingt ansieht, wenn man ihren Instagram-Account aufruft.

An diesem Nachmittag trägt Lena Meyer-Landrut ihr "Gammeloutfit", wie sie es nennt: schwere, schwarze Stiefel, Military-Style, eine unscheinbare Hose und ein übergroßes, grauschwarzes T-Shirt. Um ihren Hals baumelt eine Goldkette mit einer Art Plakette, nichts Glamouröses. Auf Instagram trägt sie: ultraknappe Sportoutfits, sexy anmutende Badeanzüge, weit ausgeschnittene Oberteile, sie ist geschminkt, gestylt, ein Popstar eben.

Anfang dieses Jahres hat sie öffentlich gemacht, dass die Liebesbeziehung mit ihrem langjährigen Freund, dem Basketballer Max von Helldorf, beendet ist, ebenfalls auf Instagram. In einem Videoclip zum Song "Love" spricht sie unter Tränen über das Verhältnis. Ihr Fotograf hatte den Gefühlsausbruch mitgefilmt. Meyer-Landrut entschied, dass die Aufnahmen gezeigt werden.

Es ist ein heikler Grenzgang zwischen Privatleben und Öffentlichkeit, den sie beschreitet. Mehr als drei Millionen Menschen folgen ihr auf Instagram, sie macht dort Werbung für eine Automarke, für Make-up und für einen Sportartikelhersteller. Und natürlich für ihre Musikalben. Was treibt sie an, auch sehr intime Momente mit der Öffentlichkeit zu teilen? Bedient sie damit nicht genau die Erwartungen an die Rolle als Popstar?