Eine fürchterliche Tragödie sei das, was sich am Nachmittag in Leipzig ereignet habe, sagt Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) am frühen Montagabend, „wir sind fassungslos über das, was geschehen ist“. Neben Jung stehen Sachsens Innenminister Armin Schuster (CDU), der Polizeipräsident und die Leitende Oberstaatsanwältin auf den Stufen des Neuen Rathauses, im Hintergrund rauschen noch immer Polizeifahrzeuge mit Sirenen und Blaulicht vorbei.
Was passiert ist, schildert Jung so knapp wie angefasst: Ein Mann rast gegen 16.45 Uhr mit seinem Auto quer durch die Fußgängerzone, tötet zwei Menschen und verletzt viele weitere, drei davon schwer. Nach Angaben der Polizei sind insgesamt etwa 80 Menschen betroffen, körperlich verletzt aber deutlich weniger. Der 33-jährige Deutsche fährt vom zentralen Augustusplatz kommend 400 Meter durch die Fußgängerzone in der Grimmaischen Straße bis zum Markt und ein Stück darüber hinaus, erst auf Höhe Thomaskirchhof kommt er zum Stehen. Eine Amokfahrt, sagt Jung, die Tat sei kaum zu ertragen.
Auch Sachsens Innenminister Schuster spricht von Amok und einem Einzeltäter, den die Polizei noch im Auto festgenommen habe. Schuster bedankt sich bei „besonnenen Passanten“ und Einsatzkräften, die „perfekt zusammengewirkt“ hätten. Leipzig, das ist Schuster wichtig zu betonen, sei eine absolut sichere Stadt. Gleich nach der Todesfahrt hatten unter anderem die rechtsextremen Freien Sachsen Meldungen verbreitet, es habe auch Messerangriffe gegeben. Dafür gebe es keinerlei Hinweise, sagt Polizeipräsident René Demmler.

Ob der Amokfahrer das Auto selbst stoppte oder durch Passanten und Poller zum Stehen kam, sei noch Gegenstand der Ermittlungen. Er sei deutscher Staatsangehöriger, hier geboren und lebe im Raum Leipzig, habe sich widerstandslos festnehmen lassen. Nach Informationen der Leipziger Volkszeitung war der Mann noch vergangene Woche freiwillig in einer psychiatrischen Klinik in Behandlung. Während dieser Zeit habe es keine Eigen- oder Fremdgefährdung gegeben, so das sächsische Sozialministerium – damit auch keine Grundlage, ihn am Verlassen der Klinik zu hindern. An diesem Dienstag soll er einem Haftrichter vorgeführt werden.
Viel mehr Informationen teilen die Behörden zunächst nicht, machen erst mal auch keine näheren Angaben zu den beiden Todesopfern. Die Leitende Oberstaatsanwältin Claudia Laube will sicherstellen, dass erst die Angehörigen informiert werden und die Schreckensnachricht nicht aus den Medien erfahren. „Solange ich nicht sicher bin, dass die Familien Bescheid wissen, nenne ich keine Details“, sagt sie. Am späteren Abend teilt die Staatsanwaltschaft dann mit, dass es sich bei den beiden Toten um eine 63-Jährige und einen 77-Jährigen handelt, ebenfalls Deutsche.
Frage nach fehlenden Pollern
Laubes Behörde ermittelt wegen Mordes in zwei Fällen und versuchten Mordes in mindestens zwei Fällen. Die 61-Jährige war gerade auf dem Heimweg, als sie die Nachricht erreicht hat, erzählt sie am Rande der Pressekonferenz, „dann habe ich mich in den Dienst versetzt“. Sie ist schnell am Tatort, auch nach der Pressekonferenz eilt sie zur Spurensicherung zurück, von einer kamerawirksamen Begehung durch die Politiker rät sie mit einem knappen Satz ab: „Das ist ein Tatort.“

Im nahen Gewandhaus auf dem Augustusplatz haben Polizei und Rettungskräfte schon kurze Zeit nach der Tat einen Sammelpunkt eingerichtet, um Zeugen zu befragen, Kriseninterventionsteams betreuen Passanten. Schwungweise werden die Menschen eingelassen, Feuerwehrleute eskortieren Familien und Freundesgruppen ins Gebäude. Die Polizei hat den Tatort weiträumig abgesperrt, bittet darum, das Gebiet zu meiden.
An der Polizeiabsperrung auf dem Augustusplatz sammeln sich Menschen, telefonieren mit Angehörigen, machen Fotos, reden. Filipe Walther Martins steht mit Frau und Tochter am Flatterband und erzählt, wie er Sanitäter an sich vorbeirennen sah. Einer habe ihm zugerufen, da sei ein Auto durchgerast. „Ich bin geschockt, dass so was passieren kann“, sagt der Leipziger und er fragt: „Wo sind die Poller?“
Auch aus dem Stadtrat wird diese Frage noch am Abend gestellt. BSW-Mann Eric Recke berichtet, er sei beim Friedensgebet in der Nikolaikirche gewesen, habe beim Verlassen der Kirche die schockierten Menschen erlebt. Er wundere sich, dass die Zufahrt zur Fußgängerzone nicht mit Pollern oder Barrieren gesichert gewesen sei. Unabhängig vom Motiv des Täters brauche man nun eine Debatte über die Sicherheit in Innenstädten. Filipe Walther Martins sagt es so: „Es kann einfach jederzeit passieren, man sieht es doch gerade.“

