Süddeutsche Zeitung

Leichnam von Jeremy Bentham bei Uni-Sitzung:Untot in der Konferenz

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Stumpfe Gesichter, schlaffe Körper - an Konferenzen nehmen jeden Tag auch Untote teil. In Großbritannien hat soeben ein echter Leichnam einer Sitzung des Uni-Rats beigewohnt.

Eine Stilkritik von Marc Felix Serrao

Wer glaubt, Untote gebe es nur im Film, hat nie in einer Konferenz gesessen. Leere Augen, die stumpf vor sich hinstarren. Schlaffe Leiber, die in ihrem Stuhl hängen, als hätte sie jemand dort abgelegt. Und erst die Geräusche. Jede Bemerkung, die dem Chef gefällt (wozu naturgemäß jede Bemerkung gehört, die der Chef selbst macht), wird von den Betroffenen mit Lauten gewürdigt, die man sonst nur aus George-Romero-Filmen kennt.

Würde man jemandem, der keine Horrorthriller schaut, eine Tonaufnahme vorspielen, würde er vermutlich am ehesten auf eine Herde todkranker Tiere tippen. Ein Ende des Elends? Ist nicht in Sicht. Nicht für Angestellte.

Oder doch? In Großbritannien hat soeben ein echter Leichnam an einer Konferenz teilgenommen. "Jeremy Bentham auf Überraschungsbesuch beim UCL Council", teilte das University College London stolz mit. Der 1832 gestorbene Philosoph, dessen skelettierter, mit Heu ausgestopfter und angekleideter Leichnam mit Wachskopf sonst als "Auto-Ikone" in einer Vitrine hockt, sei bei der jüngsten Sitzung des Uni-Rats dabei gewesen - "ohne Stimmrecht". Mit dem Auftritt, hieß es, habe der Rat einem Mythos die Ehre erwiesen, demzufolge Bentham bis heute die Unigeschicke beeinflusse.

Eine schöne Idee. Gerade für ältere Angestellte. Wer kollegial ist, schreibt schon heute ins Testament, dass er später auch als Leichnam für Konferenzen bereitsteht. Merken wird's eh niemand. Und ein Lebender, der seinen Platz räumt, dürfte rasch gefunden sein.

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Quelle:
SZ vom 18.07.2013/fzg
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