Lebensmittelskandal in Deutschland Dioxin-Werte bis zu 78 Mal höher als erlaubt

Das in Deutschland beschlagnahmte Tierfutter ist viel giftiger als zunächst angenommen. Es stammt vermutlich aus altem Fritteusenfett aus dem Ausland. Die Behörden weisen jede Verantwortung von sich und beschuldigen das Unternehmen - während bei den Bauern die Wut wächst.

Der Skandal weitet sich aus: Bei Futterfetten der in den Dioxin-Skandal verwickelten Firma Harles und Jentzsch aus dem schleswig-holsteinischen Uetersen ist der Grenzwert für das Gift extrem überschritten worden. Wie nun bekannt wurde, sind die dort sichergestellten Rückstellproben sogar bis zu knapp 78 Mal so hoch belastet wie der zulässige Dioxin-Grenzwert. Die Werte der zehn jüngsten Proben reichten von 0,66 bis 58,17 Nanogramm, wie das schleswig-holsteinische Landwirtschaftsministerium am Freitag in Kiel mitteilte. Der zulässige Grenzwert liegt bei 0,75 Nanogramm.

Allein in Niedersachsen wurden bis Freitag etwa 100.000 Eier vernichtet. Die betroffenen Bauern pochen auf Entschädigung.

(Foto: dapd)

Insgesamt hatte das Ministerium 118 Proben aus Eingangs- und Ausgangsware von Harles und Jentzsch sichergestellt. Von den bislang 30 untersuchten Proben lagen nur zwölf unterhalb des Grenzwertes. Die restlichen Ergebnisse werden in den kommenden Tagen erwartet.

Die Firma aus Uetersen hatte rund 3000 Tonnen dioxinbelastetes Futterfett an Abnehmer in mehreren Bundesländern ausgeliefert. Zuvor war bekannt geworden, dass der Skandal viel früher begonnen hat als bislang vermutet: Wie das Landwirtschaftsministerium in Kiel mitteilte, waren bei Harles und Jentzsch bereits im März 2010 von einem privaten Institut erhöhte Dioxinwerte gemessen worden. Das positive Ergebnis habe aus einer Eigenkontrolle des Unternehmens gestammt und sei den Behörden nicht mitgeteilt worden.

Den Skandal hatte das niedersächsische Unternehmen Wulfa-Mast mit einer Selbstanzeige am 23. Dezember ins Rollen gebracht. Die Rückverfolgung der von Wulfa-Mast verwendeten Futtermittelkomponenten führte die Behörden schließlich zu Harles und Jentzsch.

"Hohes Maß an krimineller Energie"

Die Behörden weisen indes jede Verantwortung von sich. Das am Pranger stehende Unternehmen Harles und Jentzsch sei möglicherweise gar nicht amtlich gemeldet gewesen. Es gebe Indizien hierfür, sagte der Sprecher von Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) in Berlin. "In diesem Fall wird auch die Frage nach den amtlichen Kontrollen hinfällig."

Man könne nur die Betriebe kontrollieren, die auch amtlich gemeldet seien. Wenn dies nicht geschehe, könne auch eine Panscherei nicht entdeckt werden. "Die Indizien sprechen hier im Moment eher für ein hohes Maß an krimineller Energie", betonte Aigners Sprecher mit Blick auf den Futterfett-Hersteller aus Schleswig-Holstein.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen das Unternehmen. Bei Razzien im Firmensitz in Uetersen und bei einem Partnerbetrieb im niedersächsischen Bösel, der Spedition Lübbe, hatten die Behörden zahlreiche Unterlagen beschlagnahmt. Den Geschäftsführern werden Verstöße gegen das Lebens- und Futtermittel-Gesetzbuch vorgeworfen.

Dioxin aus Fritteusenfett

Das niedersächsische Agrarministerium erhofft sich in der kommenden Woche Aufschluss darüber, wie das Dioxin in das Tierfutter gekommen ist. Möglicherweise sei altes Fritteusenfett aus der Lebensmittelindustrie im Ausland die Quelle für die Belastung, berichtete das Agrarministerium in Hannover.

Staatssekretär Friedrich-Otto Ripke (CDU) sagte, in fünf Tagen werde anhand von Proben klar sein, ob Altfette, die Harles und Jentzsch von der niederländischen Firma Petrotec bezogen hatte, mit Dioxin belastet gewesen seien. Der Biodiesel-Hersteller Petrotec aus dem niedersächsischen Emden verarbeitet Fette aus Imbissen und Fritteusen. Dioxin kann bei Verbrennungsprozessen mit hohen Temperaturen entstehen.

Erste Höfe freigegebeben

In Niedersachsen können die ersten Bauern indes wieder aufatmen: Zehn wegen Dioxin-Verdachts vorsorglich gesperrten Höfe wurden am Freitag von den Behörden wieder freigeben. Von 30 im Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) amtlich untersuchten Eier-Proben seien 27 negativ getestet worden, sagte eine Laves-Sprecherin. Die Eier seien freigegeben worden.

Insgesamt wurden nach Angaben des Niedersächsischen Agrarministeriums 38 Proben untersucht, davon ergaben sich bei fünf Beständen erhöhte Dioxin-Werte. Erste Untersuchungsergebnisse von Schweinefleisch- und Milchproben will das Laves an diesem Sonntag vorlegen.

Streit um finanziellen Schaden

Neben dem Streit um die Verantwortung ist auch eine Diskussion um den finanziellen Schaden entfacht. Die Landwirte in Niedersachsen verlangen Schadensersatz von den Herstellern der dioxinverseuchten Futtermittel. Der Präsident des Landesbauernverbands, Werner Hilse, sagte in Walsrode, die Haftung eines jeden einzelnen Anbieters werde geprüft.

"Es wird in jedem Fall unterschiedlich sein, ob man Regress bekommen kann", sagte der Bauernchef. Die derzeit 25 erfassten Lieferanten müssten aber möglicherweise in Vorleistung gehen, ehe der Produzent des belasteten Futterfetts aus Schleswig-Holstein belangt werden könne.