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Lebensmittelabfälle:"Viele Lebensmittel sind viel zu preiswert"

Edeka Düsseldorf

Überfluss im Supermarkt: Unendlich viele Joghurts führt zu vielen Joghurts im Müll.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Laut Schätzungen werfen die Deutschen 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weg und damit rein rechnerisch alles, was im Jahr bis zum 2. Mai hergestellt wird. Expertin Silke Friedrich erklärt, was sich alles ändern muss.

Alle Lebensmittel, die in Deutschland bis zum 2. Mai produziert wurden, waren für die Tonne. Vier Monate nichts als Abfall. Zumindest nach Schätzungen der Naturschutzorganisation WWF, die deshalb den 2. Mai zum Tag der Lebensmittelverschwendung ausgerufen hat. Nach WWF-Berechnungen werden in Deutschland pro Jahr 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen, genau so viel, wie im Jahr bis zu diesem Datum hergestellt werden. Der WWF rechnet hier auch Abfälle ein wie Schalen, Kerne oder Knochen. Lässt man diesen Teil weg, bleiben etwa zehn Millionen Tonnen Lebensmittel im Jahr, die der Mensch verwerten könnte. Es aber nicht tut. Die Ökotrophologin Silke Friedrich, 55, von der Fachhochschule Münster beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wieso der Mensch so viel Essbares in den Müll wirft.

SZ: Frau Friedrich, die Verbraucher sind für fast 40 Prozent der Lebensmittelabfälle verantwortlich. Ist das verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Supermärkte alles tun, damit die Kunden möglichst viel einkaufen?

Silke Friedrich: So ist momentan das System. Eine Empfehlung lautet daher: Der Handel soll über Maßnahmen nachdenken, wie er die Verbraucher dazu bringt, weniger zu kaufen. Etwa sind Mengenrabatte wie "kaufe drei, zahle zwei" in der Diskussion. Dazu sind viele Lebensmittel viel zu preiswert.

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Der Handel soll die Kunden dazu bringen, weniger zu kaufen? Das würde das System auf den Kopf stellen.

Das wäre in diesem Teil der Lebensmittelkette ein kompletter Paradigmenwechsel. Wir müssen weg von der Masse hin zur Qualität. Wir brauchen auch umweltfreundlichere und sozialere Produktionsformen.

Deutschland ist mit Discountern wie Aldi oder Lidl ein Pionier für billige Lebensmittel. Wie soll hier ein solcher Systemwechsel gelingen?

Ich glaube nicht, dass dies innerhalb des aktuellen Wettbewerbs gelingen kann. Wir brauchen andere politische Rahmenbedingungen. Ganz wichtig ist die sogenannte Internalisierung externer Kosten. Wenn etwa bei der Futtermittelproduktion Schäden an der Umwelt entstehen oder beim Transport von Lebensmitteln per Flugzeug CO₂-Emissionen entstehen, müsste sich das im Preis ausdrücken.

Und dann würde weniger Essen im Abfall landen?

Derzeit haben wir einen gesättigten Markt mit hohem Wettbewerbsdruck. Es sind zu viele Lebensmittel auf dem Markt. Es greifen Mechanismen, aus denen sich Einzelne nur schwer rausschleichen können. So muss immer alles sofort und frisch verfügbar sein. Das ist sowohl im Kühlschrank beim Verbraucher so als auch im Handel. Und der Handel fordert das bei den Produzenten ein und so geht es weiter in der ganzen Lebensmittelkette. Eine weitere Ursache ist eine Pseudo-Vielfalt. Beispiel: Es stehen im Regal unendlich viele Joghurts von verschiedenen Herstellern, der Inhalt ist aber letztendlich immer gleich. Das ist absurd. Das führt zu Überfluss, zu billigen Joghurts und zu vielen Joghurts im Müll.

Laut Umfragen möchte ein Großteil der Deutschen Lebensmittel nicht wegwerfen. Dennoch tun es mehr als 80 Prozent der Haushalte. Wie ist das zu erklären?

In meinem Haushalt geschieht das leider auch. Es sind mehrere Personen involviert und am Ende hat man seinen Alltag nicht so im Griff, wie man es gerne hätte. Da möchte ich nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Es muss einfach zur Routine werden, nichts wegzuwerfen. Dabei haben wir bei Befragungen immer das Phänomen, dass die Menschen viel mehr wegwerfen als sie selbst glauben. Sie schämen sich dafür und schätzen die Mengen unbewusst kleiner.

Silke Friedrich

(Foto: privat)

Was sind die wirksamsten Tipps für Haushalte, weniger Essen wegzuwerfen?

Wenn man aus der Arbeit spontan, gestresst und hungrig in den Supermarkt geht, wird man meistens zu viel einkaufen. Die Hilfestellung Nummer eins ist der Einkaufszettel mit einer Planung für die kommenden Tage. Kommen die Enkelkinder zu Besuch? Fahren wir übers Wochenende weg? Welche Mahlzeiten für wie viele Personen brauchen wir? Der Einkaufszettel ist ein Zaubermittel. Dann ist es wichtig, die Lebensmittel vernünftig zu lagern. Viele wissen gar nicht mehr, wie das geht. Dann sollte man wieder lernen, wann ein Lebensmittel schlecht ist und sich nicht blind auf das Mindesthaltbarkeitsdatum verlassen. Wer schmeckt und riecht, kann einiges noch verwerten. Und als Letztes: Mal in die Kühlschränke schauen, welche Reste man zubereiten könnte. Aber auch hier ist die wichtigste Frage: Was kommt rein? Wenn ich zu viel einkaufe, kann ich selbst als fantasievoller Koch nicht alles nutzen. Wir können nicht unbegrenzt viel essen.

Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da?

Das ist schwierig zu sagen, weil die Datenlage größtenteils auf Schätzungen beruht. Die Bundesregierung hat im Februar endlich eine nationale Strategie zu Vermeidung von Lebensmittelabfällen beschlossen. Auch deshalb, weil die EU ihre Abfallrichtlinie erweiterte und das einfordert. Da sind aber mehrere Jahre verschlafen worden. Spätestens seit 2010 wurde die Problematik breit diskutiert. In vielen Ländern ist seither sehr viel passiert.

Was haben diese Länder unternommen?

In Großbritannien wurden seit 2005 freiwillige Vereinbarungen mit der Wirtschaft zur Datenerhebung und Maßnahmen gegen Lebensmittelabfall geschlossen. In Norwegen haben Unternehmen eine eigene Agentur gegründet, die Wege aufzeichnen soll, um Lebensmittelabfälle zu vermeiden. In Frankreich gibt es seit 2016 ein Gesetz, dass es Supermärkten verbietet, Lebensmittel wegzuwerfen. Die Supermärkte müssen die Sachen an caritative Einrichtungen spenden. Was von all dem am wirkungsvollsten ist, muss sich erst herausstellen. Die Bundesregierung setzt derzeit auf freiwillige Vereinbarungen. Ich glaube, das kann hier auch gelingen, weil das Thema völlig unstrittig ist.

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