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Leben unter einem Terror-Regime:"Mossul ist für jeden Künstler ein Grab"

Entfloh dem Terror durch ihren Gesang: die syrische Sängerin Aya Himan.

(Foto: privat)

Aya Himan ist die erste Frau, die es in der nordirakischen Stadt nach der Befreiung von der Terrormiliz IS als Sängerin auf die Bühne geschafft hat. Ist sie glücklich?

Interview von Dunja Ramadan

Das Leben unter der Terrormiliz "Islamischer Staat" nennt Aya Himan ein "Leben im Verborgenen". Als der IS ihre nordirakische Heimatstadt Mossul im Sommer 2014 einnimmt, ändert sich ihr Leben schlagartig. In den folgenden zwei Jahren verlässt die junge Frau nur selten das Haus. Auch daheim muss sie nach den Regeln der Terroristen leben. Wenn sie entgegen dem Verbot zum Beispiel ihren Fernseher einschaltet, kann es passieren, dass ein IS-Mann vor der Tür steht. "Nur wenn ich heimlich gesungen habe, entfloh ich diesem Irrsinn", sagt die 22-Jährige. In ihrem Zimmer lernt sie heimlich türkische und italienische Lieder auswendig. Als Mossul im Juli 2017 von irakischen Streitkräften und der US-geführten Anti-IS-Koalition zurückerobert wird, beginnt für Aya Himan ein neues Leben.

SZ: Wie kann man sich den Alltag unter dem IS vorstellen?

Aya Himan: Für uns Frauen gab es keinen Alltag. Ich war 24 Stunden am Tag daheim, wenn überhaupt besuchten wir Verwandte. Von einem Zuhause ins andere. Wenn ich mal zum Einkaufen gegangen bin, war ich angespannt. Ich konnte mich nicht frei bewegen, auch nicht frei sprechen. Einmal blitzte mein roséfarbenes Unterkopftuch hervor, woraufhin ein IS-Mann meinem Vater den Personalausweis weggenommen hat. Farben waren verboten, alles musste schwarz sein. Um seinen Ausweis wiederzubekommen, musste er eine Geldstrafe zahlen. Er hätte auch ausgepeitscht werden können, weil er an dem Tag keine knöchellange Hose trug, wie es für Männer vorgeschrieben war.

Wie begann Ihre Karriere als erste Sängerin Mossuls nach dem IS?

In Mossul gab es vor einigen Monaten das "Festival des Friedens". Meine Gesangslehrerin ermunterte mich, auf der Bühne zu singen. Ich wusste nicht, dass ich Talent habe. Ich hatte mich ja gerade erst für das Kunststudium eingeschrieben. Anfangs war meine Mutter nicht einverstanden, sie hatte Angst um mich. Aber meine Lehrerin schaffte es, meine Eltern zu überzeugen.

Und wie?

Wir einigten uns darauf, dass ich ein patriotisches Lied auf der Bühne singe. Es heißt "Friede sei mit dir, Zweistromland" und weckt bei den meisten Irakern positive Erinnerungen. Wir wollen nach vorne schauen, in eine hoffentlich bessere Zukunft für unser Land.

Noch vor einem Jahr durften Sie das Haus kaum verlassen und auf einmal singen Sie auf einer Bühne. Wie fühlt sich das an?

Als mein Name aufgerufen wurde, hatte ich das Gefühl, neben mir zu stehen und mich dabei zu beobachten, wie ich auf die Bühne ging. Es war wie ein Film, den ich mir neben allen anderen im Publikum ansah. Wenn ich singe, vergesse ich alles um mich herum. Nur ich und das Mikrofon zählen in diesem Moment.

Wie reagierte das Publikum?

Viele waren von meiner Stimme angetan. Danach interviewte mich der Radiosender Alghad, ein anderer Sender drehte ein Video über mich, das über die sozialen Netzwerke weiterverbreitet wurde. In dem Video singe ich ein Liebeslied, was für viele Menschen hier ein Tabu ist. Seitdem ist aber alles wieder schwieriger geworden.

Warum?

Ich bekomme Drohungen, dass ich so enden werde wie Nawruz al-Naimi, eine Moderatorin in Mossul, die umgebracht wurde. Mossul ist für jeden Künstler ein Grab. Man kommt hier nicht weiter. Nur wenige Menschen schätzen die Kunst.

Woran liegt das?

Der Körper des IS ist zwar weg, aber der Geist nicht. Die Angst bestimmt das Denken hier. Noch vor wenigen Monaten wurden Menschen wegen Kleinigkeiten getötet, auf einmal steht eine Frau auf der Bühne und singt - das geht vielen in Mossul zu schnell. Auch meine Eltern haben Angst.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich will meine eigenen Entscheidungen treffen. Ich möchte irgendwo in der Natur zeichnen, Kopfhörer aufsetzen - und singen. Vergangenen Donnerstag war Weltfrauentag. In der Universität schrieben wir Frauen unsere Wünsche deshalb auf Karten und schickten sie mit Luftballons in den Himmel.

Verraten Sie uns, was Sie auf die Karte geschrieben haben?

"Lieber Gott, hoffentlich lasse ich Mossul bald hinter mir."

© SZ vom 16.03.2018
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