bedeckt München 24°

Lawinenunglück:Tragödie am Howse Peak

Mit 28 Jahren ein erfahrener Weltklassekletterer: David Lama.

(Foto: Manuel Ferrigato/Red Bull via AP Images)

Drei Weltklasse-Alpinisten werden in Kanada von einer Lawine verschüttet - Überlebenschancen gibt es kaum.

David Lama hat sich in einem Interview mit der SZ als "eher emotionalen Typen" bezeichnet: "Für mich ist es mit meiner Bergleidenschaft so, wie wenn man sich in eine Frau verliebt, da kann ich auch nicht die Gründe akribisch aufzählen, das ist Gefühlssache." Alpinistischer Instinkt, verbunden mit perfekter Klettertechnik und spielerisch wirkender Leichtigkeit - dafür war der österreichische Ausnahme-Alpinist in der Szene bekannt. Sein Tiroler Seilpartner Hansjörg Auer hat sich als Extremkletterer einen Namen gemacht, aber auch er galt immer als stiller, akkurater Athlet und nicht als Draufgänger.

Doch selbst erfahrene Weltklassekletterer sind nicht komplett gefeit vor den unberechenbaren Risiken der Natur. Wie es aussieht, sind Lama, 28, und Auer, 35, zusammen mit dem US-Alpinisten Jess Roskelley, 36, in Kanada von einer Lawine verschüttet worden. Das Trio hatte vor, eine besonders schwere Route am 3295 Meter hohen Howse Peak im kanadischen Bundesstaat Alberta zu klettern. Offenbar gerieten die drei beim Besteigungsversuch in eine Lawine. Seit Mittwoch gibt es kein Lebenszeichen mehr von den Bergsteigern. Die kanadischen Behörden gehen davon aus, dass alle drei Sportler ums Leben gekommen sind. Es ist eine Nachricht, die die internationale Szene erschüttert, denn die drei zählen zu den besten Alpinisten überhaupt. Für Reinhold Messner gehörte Lama "in jeder Disziplin zur Weltspitze." Der Unfall zeige, dass das traditionelle Bergsteigen, bei dem man sich in absolute Wildnis begebe, eben nach wie vor "wahnsinnig gefährlich" sei.

Claudia und Rinzi Lama, die Eltern von David, veröffentlichten am Freitag auf der Homepage des verschollenen Bergsteigers ein Statement, das einem Nachruf gleichkommt: "Er folgte stets seinem Weg und lebte seinen Traum. Das nun Geschehene werden wir als Teil davon akzeptieren." Eine offizielle Bestätigung für den Tod der drei Alpinisten gibt es nicht, aber Rettungskräfte sichteten bei einem Erkundungsflug einen Lawinenkegel, Kletterausrüstung und einen teilweise von Schnee bedeckten Körper. Wegen der anhaltend hohen Lawinengefahr und schlechten Wetters vor Ort sind derzeit keine Rettungs- oder Bergungsaktionen möglich. Die Überlebenschancen in einer Lawine sinken nach 15 Minuten gegen null, es sei denn, der Verschüttete liegt in einem Hohlraum mit Atemluft.

David Lama wurde 1990 als Sohn eines Nepalesen und einer Tirolerin in Innsbruck geboren und vom österreichischen Extrembergsteiger Peter Habeler entdeckt. Lama galt als Kletterwunderkind, er wurde zweimal Jugendweltmeister und gewann als 16-Jähriger als Erster den Vorstieg- und Boulder-Weltcup in einer Saison. Ab 2009 wechselte er von der Kletterhalle in die Berge. Einer seiner größten alpinistischen Erfolge war 2012 die erste freie Begehung der "Kompressor-Route" am Cerro Torre in Patagonien zusammen mit Peter Ortner. 2018 gelang ihm die Erstbesteigung des 6895 Meter hohen Lunag Ri in Nepal über den Westpfeiler.

Der Ötztaler Hansjörg Auer war in der Szene relativ unbekannt, bis er im Jahr 2007 die äußerst schwierige Route "Weg durch den Fisch" in der Marmolata-Südwand in den Dolomiten free solo kletterte, also ohne Seilsicherung. Dass jemand die 1200 Meter lange Route im Schwierigkeitsgrad "7b+" ungesichert klettert, galt vorher als undenkbar, Auer avancierte über Nacht zum Star. Bis 2008 war er Sport- und Mathematiklehrer, dann wurde er Profi-Alpinist, er gehörte wie Lama und Roskelley zum Athleten-Team des Ausrüsters The North Face. Zu seinen Erfolgen zählt die Erstbesteigung des Kunyang Chhish East (7400 Meter) im Karakorum über die 2700 Meter hohe Südwestflanke.

Jess Roskelley, aufgewachsen in den US-Bundesstaaten Washington und Montana, war 2003 mit 20 Jahren der jüngste Amerikaner, der den Gipfel des Mount Everest erreichte; dieser Rekord wurde 2010 vom damals 16-jährigen Jordan Romero abgelöst. Laut seinem Vater John Roskelley, ebenfalls ein erfahrener Bergsteiger, meldete sich sein Sohn nach dem Besteigungsversuch am Howse Peak am Mittwoch nicht mehr, sodass er die Rettungskräfte alarmierte.

Es habe sich wahrscheinlich um eine riesige Lawine der Kategorie 3 gehandelt, einen Abgang von etwa tausend Tonnen Schnee, berichtete die Nationalparkbehörde. Rettungskräfte warteten am Freitag auf ein Wetterfenster, um Suchteams losschicken zu können. Wegen starker Schneefälle in den vergangenen Tagen gab "Avalanche Canada" im Bereich des Banff-Nationalparks Lawinenwarnungen aus, diese galten aber nicht für das Gebiet um den Howse Peak.

David Lama hat das Risiko seiner Unternehmungen nie verleugnet. Wer die alpinistischen Grenzen ausreizt wie Lama, Auer und Roskelley, ist sich bewusst, dass man dabei scheitern kann. "Ich suche nach Projekten, die noch keiner gemacht hat, immer an der Grenze zum Unmöglichen", sagte Lama der SZ. Dass dabei auch der Tod möglich sein kann, mag wahrscheinlich klingen - aber glauben möchte man es trotzdem nicht.