Lawinengefahr im Alpenraum Banger Blick nach oben

Lawinengefahr in Österreich
(Foto: picture alliance/dpa)
  • Nur zweimal in den vergangenen 20 Jahren gab es eine vergleichbar prekäre Wetter- und Schnee-Situation mit Lawinenwarnstufe 5: im Winter 1998/99 und im Januar 2018.
  • Allein in der Steiermark sind derzeit 280 Gebäude von möglichen Lawinen bedroht.
  • Bis Donnerstag und am Wochenende werden erneut große Mengen Neuschnee erwartet.
Von Titus Arnu

Es war ein klarer Fall von Glück: Sechs Gymnasiasten aus Sachsen-Anhalt wurden am Mittwoch im Skigebiet Wildkogel südlich von Kitzbühel von einer Schneebrettlawine erfasst - alle sechs überlebten nahezu unverletzt. Das Schneebrett hatte sich nahe der Bergstation der Wildkogelbahnen auf knapp 2000 Metern gelöst, es verschüttete zwei Schüler ganz, zwei teilweise, zwei schleuderte es mit Wucht über den Pistenrand. Die Jugendlichen im Alter von 16 und 17 Jahren wurden von Skifahrern und Mitschülern in kürzester Zeit geortet und ausgegraben. Ein Mädchen kam leicht verletzt ins Krankenhaus, die anderen blieben unversehrt. Die Elftklässler aus Halle waren mit einer Lehrerin auf einer gesicherten Piste unterwegs, das bestätigte die Polizei der Mitteldeutschen Zeitung. Es war eine blaue Piste, für Anfänger. Wieso die Lawine abgehen konnte, müsse noch ermittelt werden. "Wir haben hier derzeit die höchste Lawinenwarnstufe", sagte ein Sprecher. Stufe 5. In vielen Orten der österreichischen Alpen sieht es mittlerweile ähnlich dramatisch aus. Die Gefahr, dass sich spontan Lawinen lösen können, ist hoch - auch in mäßig steilem Gelände. Etwa im Skigebiet Präbichl in der Steiermark. Vier Lifte, 20 Pistenkilometer, die Bergstation auf nur 1600 Metern: Normalerweise ist das Gebiet eher unspektakulär. Doch in den vergangenen Tagen fielen gut zwei Meter Neuschnee.

Für 110 Urlauber und Einheimische war das zu viel der weißen Pracht. Wegen großer Lawinengefahr wurden Skigebiet und Zufahrtsstraßen geschlossen. Bergrettung und Feuerwehr brachten die Menschen am Dienstag aus dem abgeschnittenen Gebiet ins Tal. Unter den Geretteten waren auch 40 Kinder und Jugendliche, die eine Skifreizeit am Präbichl verbringen wollten. Wie viel Schnee mittlerweile dort liegt, ist nicht bekannt - die Messungen wurden wegen zu viel Schnees eingestellt.

Andernorts in der Steiermark klappen die Schneemessungen noch. Auf dem 2351 Meter hohen Grimming liegen 4,50 Meter Schnee, auf dem Dachsteinplateau 4,20 Meter. Und es schneit weiter. "Das Risiko großer Lawinenabgänge ist sehr hoch", sagt Helmut Kreuzwirth, der den Lawinenwarndienst leitet. Im Norden der Region gilt die höchste Lawinenwarnstufe. Nur zweimal in den vergangenen 20 Jahren gab es eine vergleichbar prekäre Situation mit Warnstufe 5: im Winter 1998/99, als bei der Lawinenkatastrophe in Galtür und Valzur 38 Menschen ums Leben kamen und im Januar 2018, als im Wallis und in Teilen Tirols in zwei Tagen zwei Meter Neuschnee fielen. Die meteorologische Ursache für solch ein "Starkschnee-Ereignis", wie die Fachleute sagen, ist meistens eine Nordstaulage. Feuchte Luftmassen werden vom Nordwestwind an die Alpen geblasen und entladen sich, wenn es kalt genug ist, in Form von Schnee. Kommen wie derzeit starke Böen und Temperaturschwankungen dazu, wird es gefährlich: "Der Wind ist der Baumeister der Lawinen", sagt Rudi Mair, Leiter des Lawinenwarndienstes Tirol.

Die Lawinenkommissionen arbeiten rund um die Uhr, damit sich eine Katastrophe wie in Galtür nicht wiederholt. In den steirischen Gemeinden Pölstal, Hohentauern und Pusterwald wurde Katastrophenalarm ausgerufen. Gemeinden in der Steiermark, im Salzburger Land und in Tirol waren zeitweise nicht erreichbar. "Wir öffnen die Straßen zu den betroffenen Gemeinden nur für medizinische Notfälle", sagt Kreuzwirth vom Lawinenwarndienst Steiermark. Die Katastrophenschutzbehörden beraten, in welchen Gebieten die Menschen ihre Häuser und Höfe verlassen müssen. Brennpunkte sind das Sölktal, der Ort Hohentauern, das Ausseerland, die Wildalpen bei Mariazell und das Gesäuse.

Allein in der Steiermark sind 280 Gebäude von möglichen Lawinen bedroht, sie liegen in "Roten Zonen", in denen die Gefahr besonders hoch ist. Hubschrauber des österreichischen Heeres und Katastrophenhelfer stehen bereit. Viele Touristen konnten während einer kurzzeitigen Wetterberuhigung am Dienstagabend ihre Ferienorte verlassen, die Behörden hatten die Straßen temporär geöffnet. Insgesamt sind in Österreich rund 100 Straßen wegen Lawinengefahr gesperrt. Probleme bereiten auch umgestürzte Bäume. Rund 2000 Haushalte waren ohne Strom, wegen beschädigter Masten und Leitungen. An einigen Orten halfen Soldaten des Bundesheeres. In der Steiermark und in Tirol raten die Behörden den Menschen, Absperrungen ernst zu nehmen und unnötige Aktivitäten im Freien zu unterlassen. Dazu gehört auch Skifahren abseits der Pisten. Mindestens sechs Wintersportler sind bereits in den Schneemassen gestorben. Ein zweites Galtür - das soll unbedingt verhindert werden. Am Hubschrauberstützpunkt Vomp in Tirol steht ein Blackhawk-Helikopter des Heeres bereit, er kann bis zu 25 Personen pro Flug und bis zu vier Tonnen Nutzlast transportieren. Da es ständig weiter schneit, ist die Sicht aber meistens zu schlecht. Nur Menschen mit medizinischen Problemen wurden per Helikopter ausgeflogen. "Am Freitag erwarten wir eine Wetterberuhigung", sagt Lawinenexperte Kreuzwirth, "dann werden wir Erkundungsflüge und Lawinensprengungen per Helikopter machen können." Kreuzwirth klingt zuversichtlich, ein Ende der Wetterlage ist aber laut Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik noch nicht in Sicht. Bis Donnerstag und am Wochenende drohen erneut große Mengen Neuschnee - vor allem in den Kitzbüheler Alpen, dem Karwendel, den Lechtaler Alpen und im Gebiet Arlberg-Paznaun. Dann könnten Rekord-Schneehöhen von fünf bis sechs Meter erreicht werden.

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