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Lawinen-Unglücke:Tödliche Gefahr auf der Piste

Lawinenunglück in Südtirol

Suchaktion von Rettungskräften nach einer Lawine auf einer Skipiste im Schnalstal in Südtirol.

(Foto: dpa)
  • Tödliche Lawinenunglücke in Skigebieten passieren sehr selten, doch nun gehen zwei Mal binnen weniger Tage Schneemassen auf präparierten Pisten ab.
  • In Südtirol sterben eine junge Frau und zwei siebenjährige Mädchen aus Deutschland.
  • Staatsanwaltschaft und Carabinieri haben Ermittlungen aufgenommen

Von Titus Arnu

Die acht Kilometer lange Talabfahrt vom Schnalstaler Gletscher nach Kurzras gilt als mittelschwere sportliche Herausforderung. Von der Bergstation auf 3212 Meter geht es über den Gletscher vorbei an der Teufelsegghütte hinunter in den auf 2000 Meter gelegenen Talort. Bei der Schmugglerscharte macht die Piste eine scharfe Kurve, doch die Abfahrt ist immer so gut präpariert und gesichert, dass auch Familien mit Kindern diese Passage schaffen. Die Wintersportler, die am Samstag bei bestem Wetter dort unterwegs waren, rechneten wohl kaum mit einer lebensbedrohenden Gefahr - doch eine Lawine verschüttete sie auf der Piste. Drei deutsche Urlauberinnen kamen ums Leben, eine junge Frau und zwei siebenjährige Mädchen.

Nach Angaben der Bergrettung handelte es sich um eine rund 200 Meter breite und fast einen Kilometer lange Lawine. Sie hatte sich auf einer Höhe von etwa 3200 Metern im Bereich "Im Hinteren Eis" gelöst. Die Bergretter waren mit drei Hubschraubern aus Südtirol und Österreich schnell vor Ort. Sie gruben mehrere Personen aus, einige davon waren verletzt. Für eine 35-jährige Frau aus Hauteroda in Thüringen und ein siebenjähriges Mädchen aus Eschweiler in Nordrhein-Westfalen kam jedoch jede Hilfe zu spät. Sie starben noch am Unglücksort. Ein weiteres siebenjähriges Mädchen aus Thüringen wurde mit dem Helikopter in eine Klinik nach Trient geflogen, wo es am Samstagabend starb. Ein Mann und sein elfjähriger Sohn - ebenfalls aus Eschweiler - wurden bei dem Unglück verletzt.

Starker Wind und Temperaturanstieg - eine ungünstige Kombination

Tödliche Lawinenunglücke in Skigebieten passieren sehr selten. Doch der Lawinenunfall im Schnalstal ist der zweite Vorfall dieser Art innerhalb weniger Tage. Am zweiten Weihnachtsfeiertag war bei Andermatt in der Zentralschweiz eine Gleitschneelawine auf eine gerade neu eröffnete Piste abgegangen und hatte sechs Skifahrer verschüttet, ums Leben kam dabei keiner. Die Frage ist nun, warum diese Pisten geöffnet waren und ob die Betreiber der Skigebiete die Lawinengefahr korrekt eingeschätzt haben.

Am Wochenende herrschte in Südtirol sonniges Wetter, die Wintersportbedingungen auf dem Schnalstaler Gletscher sind derzeit eigentlich ideal. Auf dem Gletscher liegen 2,60 Meter Schnee. Die Lawinengefahr abseits der Pisten war für Samstag und Sonntag mit Warnstufe drei angegeben, das bedeutet: erhebliche Gefahr. Das Problem am Alpenhauptkamm sind starke Windböen von bis zu 60 Stundenkilometern. Der Wind verursacht sogenannten Triebschnee, der sich in Kammlagen, Rinnen und Mulden ansammelt. Laut der Polizei in Bozen bestand für das Skigebiet am Schnalstaler Gletscher am Samstag dennoch keine akute Lawinengefahr. Allerdings blies zum Zeitpunkt des Unglücks starker Wind, und es hatte einen Temperaturanstieg gegeben - durch den Nordföhn ändert sich die Lawinenlage oft innerhalb von Stunden.

Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen aufgenommen

"Das ist eine furchtbare Tragödie, wir sind alle geschockt", sagt der Direktor der Schnalstaler Gletscherbahnen AG, Thomas Stecher. Erfahrene Mitarbeiter der Gletscherbahn würden jeden Tag zusammen mit der örtlichen Lawinenkommission die Lage prüfen. Kritische Hänge werden kontrolliert gesprengt, erst wenn die Pisten lawinensicher sind, werden sie normalerweise freigegeben. So auch am Samstag, sagt Stecher: "Unsere Mitarbeiter haben in der Früh die Lage bewertet und keine Gefahr erkannt. Hätten sie Zweifel gehabt, hätten sie die Talabfahrt ganz bestimmt nicht für den Betrieb freigegeben." Am Sonntag suchten Experten nach Hinweisen, wie es zu dem tragischen Vorfall kommen konnte. Staatsanwaltschaft und Carabinieri haben Ermittlungen aufgenommen, ein Lawinenexperte des italienischen Heeres nahm das Gelände vom Helikopter aus in Augenschein. "Zum Zeitpunkt des Unglücks herrschte sehr starker Wind, es könnte eine Selbstauslösung gewesen sein", sagt Elmar Pichler Rolle, Südtiroler Politiker und früherer Direktor der Schnalstaler Bergbahnen, der Thomas Stecher angesichts der vielen Medienanfragen unterstützt. Aber auch eine Auslösung durch Skifahrer abseits der Piste sei eine Möglichkeit.

Im Schweizer Skigebiet Andermatt-Sedrun, wo eine Lawine am zweiten Weihnachtstag sechs Personen verschüttet hatte, blieb die Unglückspiste am Wochenende noch gesperrt. Die Abfahrt "Hinter Felli", die vom Schneehüenerstock zum Oberalppass führt, war von den Bergbahnen am vergangenen Donnerstag zum ersten Mal überhaupt in Betrieb genommen worden. Die Piste ist das entscheidende Verbindungsstück beim Zusammenschluss der Skigebiete Andermatt und Sedrun. "Der Druck, die Piste zu öffnen, war für die Betreiber und die Pistenchefs wohl zu groß", sagte der Pistensicherungs-Experte Peter Lussi dem Boulevardblatt Blick. Kritik übte Lussi auch an der mangelhaften Markierung der Strecke: Wenn man nicht aufpasse, komme man von der Piste ab und lande genau in dem Steilhang, wo die Lawine losgebrochen war.

Ebenfalls am Samstag wurde ein weiterer deutscher Wintersportler in der Schweiz von einer Lawine verschüttet. Der Mann aus Baden-Württemberg war zusammen mit seinem Sohn mit Tourenski auf dem Weg zum Stieltihorn im Wallis. Auf einer Höhe von etwa 2700 Metern wurde der Vater von einer Lawine mitgerissen. Sein Sohn alarmierte die Rettungskräfte, ortete seinen Vater mit einem Suchgerät und begann, ihn freizuschaufeln. Die Bergretter konnten den Mann aus einer Tiefe von zwei Metern bergen. Er wurde mit dem Helikopter in eine Klinik nach Bern geflogen, wo er am Samstagabend starb.

© SZ/hum
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