Israel:Biblische Pflanzpause

Palestinian Farmers Harvest Watermelon A Palestinian farmer harvests corn at a field in the town of Beit Lahia in the no

In einem Schmitta-Jahr darf nach biblischem Gebot auf der Erde des Heiligen Landes nichts gepflanzt und nichts geerntet werden.

(Foto: Majdi Fathi via www.imago-images.de/imago images/NurPhoto)

In Israel beginnt ein Jahr, in dem nichts angebaut werden soll. Das führt zu einigen praktischen Problemen.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Israel feiert Rosch Haschana, das Neujahrsfest. Nach jüdischem Kalender beginnt mit Sonnenuntergang am Montagabend das Jahr 5782 - und es wird ein besonderes Jahr werden. Denn 5782 ist ein sogenanntes Schmitta-Jahr, ein "Jahr des Freigebens", in dem nach biblischem Gebot auf der Erde des Heiligen Landes nichts gepflanzt und nichts geerntet werden darf. Alle sieben Jahre ist ein solches Sabbatjahr für den Boden vorgesehen. Doch die althergebrachte religiöse Forderung führt immer wieder zu neuen Diskussionen. In diesem Jahr geht es dabei vor allem um die Klimakrise.

"Sechs Jahre sollst du dein Feld bestellen und deine Weinberge beschneiden und ihren Ertrag ernten", heißt es im 3. Buch Mose. "Im siebten Jahr aber soll das Land völlige Ruhe haben, eine Ruhezeit zu Ehren Jahwes." Im religiösen Sinn geht es dabei also um einen achtsamen Umgang mit der Schöpfung und obendrein um die Erinnerung daran, dass jeder irdische Besitz letzthin Gott gehört. Im praktischen Sinn jedoch stellt dies zunächst einmal die neuzeitliche Agrarwirtschaft in Israel vor erhebliche Produktions- und Einkommensprobleme.

Rabbiner schafften Schmitta-Schlupflöcher

Eine erste Antwort darauf wurde bereits vor mehr als hundert Jahren ersonnen, als die zionistische Bewegung immer mehr Juden aus dem Exil zurück ins Heilige Land brachte. Einflussreiche Rabbiner schafften ein Schmitta-Schlupfloch, indem sie den symbolischen Verkauf des Ackerlands für ein Jahr an Nichtjuden erlaubten. Als "Heter Mechira", Ausnahme durch Verkauf, ist das in die jüdische Rechtsauslegung eingegangen. So wird die kontinuierliche Bewirtschaftung des Bodens gesichert, ohne gegen das nur für Juden geltende biblische Verbot zu verstoßen. Bis heute wird das vor jedem Schmitta-Jahr vom Oberrabbinat so praktiziert.

Gelöst sind die Probleme damit allerdings noch lange nicht. Denn zum einen lehnen viele strenggläubige Ultrarthodoxe die Heter-Mechira-Lösung ab und weigern sich, im Schmitta-Jahr Obst oder Gemüse aus heimischer Produktion zu kaufen. Vorsorglich hat der israelische Agrarminister deshalb bereits im August ein Lieferabkommen für landwirtschaftliche Erzeugnisse mit Jordanien abgeschlossen. Profitieren tun überdies palästinensische Bauern in den besetzten Gebieten - und das passt dann den nationalistischen Kreisen in Israel nicht, die keinesfalls von arabischen Produkten abhängig sein wollen.

Zum andern schlagen nun aber auch Landschaftsarchitekten und Aktivisten Alarm, weil im Schmitta-Jahr nicht nur der Ackerbau, sondern auch die Bepflanzung in den Städten ruhen soll. In Zeiten des Klimawandels sei das "komplett verrückt", sagte der Landschaftsarchitekt Schachar Zur der Zeitung Haaretz. Neue Bäume und Pflanzungen seien eine "Frage von Leben und Tod".

Einer Haaretz-Umfrage zufolge wollen sich die meisten israelischen Kommunen, angeführt von Jerusalem und Haifa, im Jahr 5782 an das Pflanzverbot halten. Die Klimaschützer lehnen das als überkommen ab oder fordern zumindest ein Schlupfloch für urbane Bepflanzung. Für den Boden also mag ein Sabbatjahr vorgesehen sein in Israel, zur Ruhe finden die Diskussionen aber so schnell nicht.

© SZ
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