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Landgericht Darmstadt:"Ich habe Tuğçe eine Ohrfeige gegeben. Dann ist sie umgefallen."

  • Am Landgericht Darmstadt hat der Prozess gegen den 18-jährigen Sanel M. begonnen. Der Offenbacher soll für den Tod der Studentin Tuğçe Albayrak verantwortlich sein soll.
  • Sanel M. hat sich vor Gericht bei Tuğçes Familie entschuldigt.
  • Im Anschluss hat der Bruder von Tuğçe, Dogus Albayrak, ausgesagt.
  • Nun werden zwei wichtige Zeuginnen befragt: Die beiden 13-jährigen Mädchen, die Tuğçe vor Sanel M. beschützen wollte.

Von Susanne Höll, Darmstadt

Angeklagter Sanel M. äußert sich vor Gericht

Gleich zu Prozessbeginn nach Verlesung der Anklageschrift äußert sich der Angeklagte Sanel M. Unter Tränen sagt der 18-Jährige in einer persönlichen Erklärung: "Ich habe in der Tatnacht Tuğçe eine Ohrfeige gegeben. Dann ist sie umgefallen. Es tut mir unendlich leid. Ich habe nie mit Tuğçes Tod gerechnet. Ich kann mir gar nicht vorstellen, welches Leid ich damit der Familie angetan habe."

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Als er zu seinen persönlichen Verhältnissen befragt wird, sagt Sanel M., dass er etwa zweimal pro Monat feiern gehe und dabei auch Alkohol - zumeist Whiskey mit Cola - konsumiere. Betrunken sei er aber nur ein- oder zweimal in seinem Leben gewesen, die anderen Male lediglich angetrunken. Die Frage, ob er im angetrunkenen Zustand leichter reizbar sei, bejaht der Angeklagte.

Vor Gericht wird auch thematisiert, dass dem 18-Jährigen in der Untersuchungshaft in Wiesbaden von einem Mithäftling das Nasenbein gebrochen wurde. Den Hergang des Vorfalls beschreibt Sanel M. so: Der Mithäftling habe ihn gefragt: "Warum hast du das Mädchen totgeschlagen?" Dazu sagt Sanel M.: "Ich habe nicht geantwortet und habe mich auch nicht gewehrt."

Tuğçes Bruder beschreibt seine Schwester

Tuğçes Eltern und Brüder treten in dem Prozess als Nebenkläger auf. Die Familie erhoffe sich Aufklärung, sagt ihr Anwalt Macit Karaahmetoglu, und ein "gerechtes Urteil" für den Täter. Nur wie so ein gerechtes Urteil aussehen könnte, will er an diesem Morgen vor Prozessbeginn nicht sagen.

Die Eltern der getöteten Studentin und ihre zwei Brüder sind im Gerichtssaal anwesend. Tuğçes Vater wird sich aber, anders als geplant, nicht vor Gericht äußern. Er sehe sich gesundheitlich dazu nicht in der Lage, hieß es. Stattdessen hat Tuğçes Bruder Dogus ausgesagt.

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Der 25-Jährige hat seine Schwester als "lebensfrohen Menschen" mit großem Gerechtigkeitssinn beschrieben. Sie sei zielstrebig und fleißig gewesen, in Streitfällen habe sich die junge Frau nach Aussage des Bruders stets respektvoll verhalten. Tuğçe habe Alkohol getrunken, so der Bruder, sie habe aber nicht exzessiv gefeiert.

Die Familie leidet nach seiner Aussage noch immer stark unter den Folgen von Tuğçes Tod. Seine Mutter und sein Vater seien noch nicht wieder arbeitsfähig. Sein Bruder habe seine Ausbildung abgebrochen, er selbst habe sich ein Freisemester genommen: "Die Schockstarre ist vorüber, jetzt sind wir in der Realisierungsphase. Das ist extremer."

Die Aussagen der beiden 13-jährigen Zeuginnen

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit sollen am Nachmittag oder am nächsten Prozesstag zwei minderjährige Mädchen befragt werden. Tuğçe hatte nach Zeugenberichten die beiden 13-Jährigen vor Sanel M. und seinen Freunden beschützt. Der Auseinandersetzung auf dem Parkplatz soll ein Streit auf den Toiletten des Schnellrestaurants vorausgegangen sein.

Am Rande der Verhandlung sagt Oberstaatsanwalt Alexander Homm nun, dass die beiden Mädchen, denen Tuğçe zur Hilfe eilte, sich nicht von Sanel M. und seinen Freunden bedroht gefühlt hätten. Es sei zwar sehr laut gewesen, aber es habe keine Übergriffe des Angeklagten auf die Mädchen gegeben. Die 13-Jährigen hätten nach eigener Aussage zu jedem Zeitpunkt das Gefühl gehabt, sich selbst und ohne Hilfe aus der Situation befreien zu können.

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Die Jugendkammer will im Laufe des Prozesses etwa 60 Zeugen hören. Drei Berufsrichter und zwei Jugendschöffen müssen sich bis zum 15. Juni ein Bild von der Tat und dem Angeklagten machen.

Großer Andrang vor dem Landgericht

Nur 52 Plätze gibt es im Gerichtssaal des Landgerichts Darmstadt. Seit sechs Uhr morgens haben die ersten Menschen hier gewartet, um einen der wenigen Sitze zu bekommen; 25 Plätze sind für Medienvertreter reserviert. Ganz vorne in der Schlange standen Tuğçe Albayraks Großeltern. Die beiden tragen T-Shirts mit einem Bild der jungen Frau. Etwa 50 Menschen erinnerten mit einer Mahnwache vor dem Gericht an die getötete Studentin.

Sanel M. wird wohl nach dem Jugendstrafrecht bestraft werden. Bei seinem Angriff auf Tuğçe war der Offenbacher gerade seit ein paar Tagen 18 Jahre alt. Wird er wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt, drohen ihm bis zu zehn Jahre Haft. Er könnte aber auch zu einer Bewährungsstrafe verurteilt werden.

Die Tat

Sanel M.s Tat hatte deutschlandweit Empörung ausgelöst. In den frühen Morgenstunden des 15. November 2014 hatte der junge Mann auf dem Parkplatz eines Fast-Food-Restaurants in Offenbach der türkischstämmigen Lehramtsstudentin Tuğçe Albayrak aus Gelnhausen nach einem Streit ins Gesicht geschlagen. Eine Überwachungskamera zeichnete die Tat auf, der junge Mann legte bei der Befragung durch die Polizei ein Geständnis ab. Tuğçe kippte nach dem Schlag nach hinten, schlug mit dem Kopf auf den Boden und wurde bewusstlos. An ihrem 23. Geburtstag, dem 28. November, ließen die Eltern die Maschinen abstellen, die Tuğçe bis dahin im Krankenhaus am Leben gehalten hatten.

© SZ.de/feko/jana

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