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Lampedusa nach dem Flüchtlingsdrama:Schutz für afrikanische Flora und Fauna - aber nicht für Menschen

Auch sonst ist die Insel völlig überfordert. Die aus dem Wrack geborgenen Leichen werden in zwei Kühlwägen vom Hafen zum Flughafenhangar gebracht. In dem einen Wagen werden für gewöhnlich Würste transportiert, der andere stammt von einer Käsefirma.

Was jedoch die Symbolpolitik angeht, so hat Enrico Letta angekündigt, den toten Migranten im Nachhinein die italienische Staatsbürgerschaft zu verleihen. Gleichzeitig wurden aber gegen jeden einzelnen der 155 Überlebenden von der Staatsanwaltschaft in Agrigento Ermittlungen wegen Verstoßes gegen das geltende Migrationsgesetz eingeleitet.

Idylle

Elena Prazzi und ihre Kollegen waren am vergangenen Donnerstag am wunderschönen Sandstrand von Conigli, als erste Fotos angeschwemmt wurden. Bilder, auf denen jungen Schwarze zu sehen sind, die sich für die Aufnahmen chic gemacht hatten. Auf einigen steht "Good Luck" oder "Love". Familienfotos. Ein Vater mit Baby auf dem Arm, ein Paar, das vor einer Fototapete die Köpfe aneinanderschmiegt. Die Fototapete zeigt einen weißen Sandstrand, ganz ähnlich dem, an dem das wellige Foto jetzt angeschwemmt wurde.

Zwei Tage später sitzt Elena Prazzi in ihrem Büro und breitet immer mehr dieser feuchten, welligen Bilder aus, es sind sicher zweihundert. Außerdem Adressbücher, ein Armband, einen Briefumschlag. Prazzi arbeitet im Naturreservat Lampedusa, das 1995 eingerichtet wurde. "Geologisch gesehen gehört Lampedusa zu Afrika", sagt Prazzi. "Wir sind ja näher an Tunesien als an Sizilien. Weshalb das auch der einzige Ort in Europa ist, an dem einige Schlangen und Blumen leben, die man sonst nur im Maghreb findet."

Schon imponierend. Von EU-Geldern wird ein Naturreservat bezahlt, weil hier die afrikanische Centaurea acaulis blüht. Wenn aber die zugehörigen Menschen hierher kommen wollen, müssen sie sich mafiösen Schleuserbanden anvertrauen und 1800 Euro zahlen, um auf ein Boot zu steigen, das dann einen Kilometer vor dem Schutzgebiet untergeht. Am Postkartenstrand werden immer noch Fotos, Jacken und Kinderschuhe angeschwemmt.

Meute

Als Journalist überkommt einen in diesen Tagen immer wieder Zunftscham. Wie ein Rudel Hyänen ist die Weltpresse auf der winzigen Insel eingefallen, wie ein Rudel lungern sie stets da, wo sie gerade auf fette Beute hoffen. Am Sonntag stehen Fotografen und Kameramänner am Hafen herum und richten ihre Objektive auf die Mole gegenüber, wo immer neue Tote von den Schiffen der Küstenwache in die Kühlwägen verladen werden. Als einige der Journalisten über die europäische Flüchtlingspolitik reden, sagt ein französischer Fotograf: "I don't give a fuck about Bossi, Eritrea, the EU and all that. All I want is a good shot of dead bodies." Alles was ich will, sind gute Bilder von toten Körpern.

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