bedeckt München 10°

Laienboxparty in Hamburg:Wo sich Akademiker vermöbeln

Bei der Laienboxparty "Night of the Raging Bulls" darf die Generation Internet auch mal Kiez spielen - manchmal fließt sogar echtes Blut.

Lucas Licht geht das Ganze betont lässig an. "Ich betreibe schon seit ein paar Jahren Kampfkunst, aber richtig eine kassiert habe ich noch nie", winkt der 24-jährige Kölner ab. Licht steht zwischen Kältesprays und Bierflaschen im Backstage-Raum des Hamburger Clubs Uebel & Gefährlich. Er ist ein kumpelhafter Typ, mit gewinnendem Lächeln und festem Händedruck.

Wenn sich Akademiker oder Manager mal so richtig vermöbeln lassen wollen, treffen sie sich auf der "Night of the Raging Bulls" : Lucas "Fast Lane" Licht (li.) kämpft im Hamburger Ring gegen Jan "The Fox Hunter" Mielke.

(Foto: Foto: Johannes Post/oh)

Draußen strömt das Publikum in den Club herein, um Licht herum herrscht geschäftiges Treiben: Sein Gegner macht sich warm, letzte Taktik-Anweisungen werden geflüstert. Minuten später, während des Boxkampfes, wird bis auf das Klatschen von Faust auf Haut und das Stöhnen der Kontrahenten kaum ein Laut zu hören sein, und Kämpfern wie Publikum wird schlagartig klar werden, dass es hier eigentlich ums Boxen geht. Um richtiges Boxen.

Lucas Licht ist Student der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften und kämpft das erste Mal vor großem Publikum - ganz nah beim Hamburger Kiez, in einem der angesagtesten Clubs der Hansestadt. Untergebracht ist die Bar in einem gewaltigen, schwarz-grauen Bunker am Heiligengeistfeld. Um in ihn hineinzukommen, fährt man Lastenaufzug.

Dresche nach drei Monaten Kurs

Licht und sein 35-jähriger Gegner Jan "The Fox Hunter" Mielke sind zwei von acht Protagonisten einer Veranstaltung namens "Hafenkeilerei", der Hamburger Ausgabe der "Night Of The Raging Bulls", die sich der Kölner Medienwissenschaftler Sönke Andersen und sein Kompagnon, Frank Dahlmann, ausgedacht haben.

Die Idee: Bundesweit treten Box-Laien nach einem dreimonatigen Intensivtraining gegeneinander an. Die Atmosphäre: halbseiden. Der Hintergrund: eine Parodie auf und eine Hommage an den Boxsport zugleich, die sowohl im Internet übertragen wird als auch real stattfindet. Großes Aufblasen und gegenseitiges Angstmachen mit furchterregenden Videotrailern auf der einen Seite, Do-it-yourself-Charme auf der anderen.

Hier entscheidet das Publikum, wer gewinnt. Es setzt sich zusammen aus Studenten, Medienschaffenden und der einen oder anderen realen Kiezgröße. Als Teil einer fiktiven Jury sitzt Schauspieler Hans-Martin Stier neben Laiendarstellern. Realität und Theater, Körperlichkeit und Virtualität greifen nahtlos ineinander.

Dresscode und Kiez-Atmosphäre

Im Detail herrscht unbekümmerte Improvisation: Der Titelverteidiger bekommt an diesem Abend von seinem "Manager" Gleitcreme unter die Augen geschmiert, Vaseline war in der Apotheke aus. Draußen, in den Ecken des Boxrings, stehen statt Hockern Bierkisten für die Kämpfer bereit. "Fight Club" statt Promiboxen, der Faustsport kehrt zurück auf die Straße.